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Im Wachkoma in die Karibik?

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Von: Melanie Springer-Restle

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Nellis Mutter, Ida Moskov (links) glaubt fest daran, dass Nelli (rechts) irgendwann wieder ein normales Leben führen kann. Eine Delfin-Therapie könnte helfen.
Nellis Mutter, Ida Moskov (links) glaubt fest daran, dass Nelli (rechts) irgendwann wieder ein normales Leben führen kann. Eine Delfin-Therapie könnte helfen. © privat

Rammingen – Die Ärzte hatten Nelli schon aufgegeben. Am 5. November 2019 war die damals 23-jährige Buchloerin in Hurlach mit dem Fahrrad unterwegs und wurde von einem Geländewagen erfasst. Sie kam sofort mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus. Die OP dauerte zwölf Stunden. Seither ist Nelli im Wachkoma. Im Therapiehaus Schwab in Rammingen lernt sie, sich in kleinen Schritten ihr altes Leben wieder zurückzuholen. Eine Delfin-Therapie könnte Nelli einen großen Schritt voranbringen. Praxisinhaberin Sabine Schwab hat dafür nun eine Spendenaktion ins Leben gerufen.

Neben einem Schädelhirntrauma erlitt Nelli seinerzeit multiple Knochenbrüche, darunter auch an den ersten drei Wirbeln und an der Hüfte. Kleinere Brüche sowie die drei Kieferbrüche wurden zunächst nicht behandelt, da ihr Zustand zu kritisch war, berichtet Nellis Mutter Ida Moskov. „Die Ärzte wussten gar nicht, wo sie anfangen sollten“, so Moskov.

Doch Nellis Herz schlug brav weiter, die Werte stabilisierten sich und nach ein paar Tagen fing sie von selbst an zu atmen. „Das war für die Ärzte wie ein Wunder“, erinnert sich die Mutter, die von Anfang an überzeugt davon war, dass ihre Tochter von selbst wieder atmen würde. Ganz im Gegensatz zu den Ärzten, die darauf bestanden, Nelli eine Trachialkanüle zu setzen. „Nelli hat sich im Koma gegen den Eingriff gewehrt und wild rumgefuchtelt“, berichtet Moskov. Nelli hatte vor dem Unfall sehr bewusst gelebt und stets auf Medizin verzichtet. „Sie wehrte sich gegen den Fremdkörper“, so die Mutter. Drei Monate später bestand Moskov darauf, die Kanüle auf eigene Verantwortung entfernen zu lassen. Und siehe da: Nelli atmete ohne Probleme von selbst. Die Ärzte waren verblüfft, die Mutter beruhigt.

Koma versus Wachkoma

So mancher mag sich fragen, wie Nelli überhaupt kommunizieren kann, ist sie doch im Koma. Doch Menschen im Wachkoma sind noch zu körperlichen Regungen fähig und haben einen Schlaf-Wach-Rhythmus, auch wenn sämtliche Hinweise auf eine bewusste Wahrnehmungsfähigkeit fehlen. Doch Reaktionen wie Pupillenerweiterung oder Blutdruckschwankungen können Rückschlüsse auf Sinnesregungen zulassen. Im Koma hingegen befinden sich die Patienten in einer länger andauernden Bewusstlosigkeit ohne körperliche Regungen.

Seit anderthalb Jahren betreut Sabine Schwab ihre Patientin logopädisch und ergotherapeutisch mehrmals die Woche. Zur logopädischen Therapie gehören unter anderem das Schluck- und Atemtraining sowie die unterstützte Kommunikation. Hier kann sich Nelli mithilfe eines Computers per Augensteuerung mitteilen. „Nelli kann an guten Tagen mittlerweile auf Ja-Nein-Fragen mit den Augen antworten. Insbesondere in der Kommunikation haben wir große Fortschritte gemacht“, so Schwab.

In den ergotherapeutischen Sitzungen geht es dagegen mehr um Motorik, Wahrnehmung und Sensibilität. „Wir stellen Nelli öfter in den Stehständer oder setzen sie auf den Pezzi­ball“, veranschaulicht Schwab.

Im Rahmen der Behandlung im Therapiehaus Schwab sollen Nelli unter anderem durch gewohnte Bewegungsabläufe (im rechten Bild das Spielen der Querflöte) Erinnerungen entlockt werden.
Im Rahmen der Behandlung im Therapiehaus Schwab sollen Nelli unter anderem durch gewohnte Bewegungsabläufe (im rechten Bild das Spielen der Querflöte) Erinnerungen entlockt werden. © privat

Therapie mit Herz

Ein Ereignis, das sich bei Schwab tief ins Gedächtnis gegraben hatte, möchte sie mit uns teilen: Als Nellis Mutter und Sabine Schwab sich zum ersten Mal in Nellis Anwesenheit über die Delfin-Therapie unterhielten, hat Nelli bewusst den Augenkontakt zu den beiden gesucht und zum ersten Mal seit dem Unfall gelächelt. „Da musste ich echt weinen“, gesteht Schwab. Auch für die Mutter war das ein Gänsehautmoment. Ein weiterer Meilenstein war, als Nelli von selbst wieder Flüssigkeit schlucken konnte.

Delfintherapie
Eine Delfin-Therapie könnte Nelli einen deutlichen Schritt voranbringen. Das Therapiehaus Schwab in Rammingen hat dafür eine Spendenaktion ins Leben gerufen. © Panthermedia

Delfin-Therapie

Die Organisation „Delfine therapieren Menschen“ hat sich auf die tiergestützte Therapie mit Delfinen spezialisiert. Die Meeressäuger nähern sich ihren Patienten auf freundliche und sympathische Art an und erwecken Vertrauen. Durch den Kontakt im Wasser kann sowohl die Mobilität als auch die kognitive Fähigkeit der Patienten verbessert und das Selbstvertrauen gestärkt werden. Auf die Rückfrage unserer Redaktion, ob Nelli überhaupt flugtauglich sei, sind Nellis Mutter und Sabine Schwab überzeugt, dass die Ärzte grünes Licht für die Reise geben werden. Dies wurde bereits im Vorfeld abgeklärt und Nellis Zustand ist stabil.„Für Nelli wäre das ein absoluter Traum“, weiß Mutter Ida. „Sie hat Delfine schon immer geliebt und sogar ein Poster in ihrem Zimmer“, so Moskov weiter.

Die Kosten für die Delfin-Therapie belaufen sich inklusive Flug auf circa 20.000 Euro. Da die Moskovs dies finanziell nicht stemmen können, hat Sabine Schwab eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Unter dem Verwendungszweck „Nelli Moskov“ können Geldspenden an folgenden Empfänger entrichtet werden: Delfine therapieren Menschen, IBAN DE52 3005 0110 0020 0024 24.

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