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Ein Jahr vieler Wechsel in Bad Wörishofen: Das Jahr 2022 in der Kneippstadt im Rückblick 

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Von: Oliver Sommer

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Die Bagger sind gerollt, nun arbeiten Sie. Mithilfe der Bohrpfähle wird eine trockene Baugrube gewährleistet.
Die Bagger sind gerollt, nun arbeiten Sie. Mithilfe der Bohrpfähle wird am Kreuzerareal eine trockene Baugrube gewährleistet. © Oliver Sommer

Bad Wörishofen – Die vergangenen 365 Tage waren in Bad Wörishofen wieder sehr abwechslungsreich. Mehr als eine Ära endete 2022 und eine erfolgreiche Geschichte fand ihre Fortsetzung. Leben wurden gerettet und Jobs vergeben, vor allem aber wurden gleich mehrere Kapitel im Buch der Stadt neu aufgeschlagen. Vieles dreht sich noch immer um Pfarrer Kneipp und seine Philosophie und noch immer kommen geistige und geistliche Größen gerne in die Stadt, die durch den Wasserpfarrer und seine Kur bekannt wurde. Und auch deren Geschichte wurde „restauriert“.

„Die Kneippkur“, so heißt ein Stummfilm, der 1923 uraufgeführt wurde und dieses Jahr, dank des Zutuns vieler Akteure (ganz besonders Michael ­Scharpf) restauriert und wiederhergestellt wurde, sodass er ein zweites Mal Premiere feiern konnte. Nach einer gewissen kulturellen Durststrecke lockte die Premiere des restaurierten Stummfilms die Menschen ins Wörishofer Kurhaus, wo nicht zuletzt der Film als solcher, aber auch die Szenen aus dem Leben von vor 100 Jahren die Menschen beeindruckte.

Knapp eine Stunde dauert der Film, dessen Machart die Menschen von heute das eine oder andere Mal durchaus amüsierte und dennoch mit der Kneippkur ein Stück Geschichte wieder lebendig werden ließ. Für die zeichnet im Übrigen seit Mai ein neues Gesicht verantwortlich. Die Nachfolgerin von Petra Nocker als Kurdirektorin der Kneippstadt heißt Cathrin Herd. Sie war bislang stellvertretende Leiterin und Marketingleitung des Kur- und Tourismusbetriebs und übernahm zur Jahreshälfte eine der zentralen Aufgaben in der Urlaubs- und Gesundheitsstadt Bad Wörishofen. Unter anderem soll sie, dank ihrer umfassenden Innensicht über den Kur- und Tourismusbetrieb die Kur- und Tourismusstadt für die Zukunft fit machen, wünschte sich Bürgermeister Stefan Welzel.

Inititator Michael Scharpf freute sich über die erfolgreiche Premiere des restaurierten Stummfilms „Die Kneippkur“, der musikalisch vom Harald-Rüschenbaum-Trio inszeniert wurde.
Inititator Michael Scharpf freute sich über die erfolgreiche Premiere des restaurierten Stummfilms „Die Kneippkur“, der musikalisch vom Harald-Rüschenbaum-Trio inszeniert wurde. © Springer-Restle

Der feierte heuer zweijähriges Jubiläum, wobei sein Amtssitz zwar das Rathaus, die Stätte seiner Wirkung aber anfänglich immer noch der Kursaal war, wo sich der Stadtrat während der vergangenen Monate immer zur Sitzung traf. Im Laufe des Jahres verlegten erst die Ausschüsse und schließlich das Stadtparlament seinen Tagungsort zurück ins Rathaus. Das ohnehin keine Mühen hat, die neuen Temperaturvorgaben, für den Innenbereich, aus dem Bund umzusetzen; dabei soll auch der Umweltbeirat helfen, der sich heuer konstituiert hat und in seiner ersten Sitzung gleich darüber sinnierte, wie man den Bürger angesichts hoher Kosten davon überzeugen könnte, zu sparen. Alois Hingerl sitzt allerdings noch immer im Biergarten.

Zwei Kapitel Stadtgeschichte

Mit etwas Vorsicht und dem nötigen Abstand begann das Jahr 2022 erstmals wieder mit einem Neujahrsempfang Angesicht zu Angesicht. Doch schon beim nächsten Gottesdienst, bei dem man des Wasserpfarrers und des 125. Todestages von Sebastian Kneipp gedachte, füllte sich die Stadtpfarrkirche über die Maßen. War es im Vorjahr zum 200. Geburtstag Kneipps der Augsburger Weihbischof Dr. Bertram Meier gewesen, der an die Verdienste des „Wasserpfarrers“ erinnerte hatte, so konnte die Stadt nun den päpstlichen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Nikola Eterovic, begrüßen, der einen Pontifikalgottesdienst in der Stadtpfarrkirche St. Justina zelebrierte. In vielerlei Hinsicht ähnelt der Werdegang Kneipps dem von Eterovic, der heute allerdings dem „diplomatischen Korps“ des Vatikan angehört als Doyen, als einer der höchsten Vertreter des Heiligen Stuhls.

Der päpstliche Nuntius, Erzbischof Dr. Nikola Eterovic, sprach am Sonntag anlässlich des 125. Kneipp-Todestages in der Bad Wörishofer Stadtpfarrkirche St. Justina.
Der päpstliche Nuntius, Erzbischof Dr. Nikola Eterovic, sprach anlässlich des 125. Kneipp-Todestages in der Bad Wörishofer Stadtpfarrkirche St. Justina. © Sommer

Ebenfalls in St. Justina trafen sich zahlreiche politische wie kirchliche Ehrengäste, um das letzte Kapitel in einer über 100-jährigen Geschichte zu besiegeln. Nach über 130 Jahren des Wirkens und Betens verabschiedete sich die Kneippstadt von den Mallersdorfer Schwestern aus der ehemaligen Kinderheilstätte Pfarrer Kneipps. Dabei erinnerten die Redner an das Wirken des Ordens, der seinerzeit Pfarrer Kneipp beim Aufbau einer Kinderheilstätte unterstützt hatte. Mit Absicht sprach Pfarrer Hartmann im Gottesdienst nicht von Verabschiedung, sondern von einem Vergelts Gott für die Schwestern. Über viele Jahrzehnte hinweg hatten die Mallersdorfer Schwestern das Bild der Kneippstadt bestimmt und durch ihr Wirken und das Gebet die Geschicke der Stadt mitgeprägt. Und für viele, Erholungssuchende, vor allem aber Kranke und Verletzte wurden die Ordensleute so etwas wie helfende Engel.

Neue Straßenkreuzung und Ortstafeln

Einer anderen „Weggefährtin“ der Stadt setzte diese im Juli ein Denkmal. Obwohl Katherine Mansfield nur kurze Zeit in Bad Wörishofen verbrachte, sollte ihr Buch über die Beobachtungen in einer Deutschen Pension zu einem der großen Werke der Literaturgeschichte werden. Und so wurde die als Pescatore-Kreuzung bekannte Straßenecke zu Ehren Mansfields umgetauft, stand doch hier besagte Pension lange Jahre. Sich selbst will die Stadt mit einer Umbenennung ein Denkmal setzen, hoffen die Wörishofer doch, dass der Begriff „Kneippstadt Bad Wörishofen“ nicht nur Einzug halten wird im Sprachgebrauch, wie die Lutherstadt Wittenberg, sondern auch auf den Ortseingangstafeln verewigt werden wird.

In der „Villa Brechenmacher“, dem heutigen Lebensmittelgeschäft Hofmann wohnte Katherine Mansfield länger, als in der Pension Müller, die ihrer Kurzgeschichte den Namen gab. Das erklärte Michael Scharpf (kleines Foto) im Rahmen seines Vortrags.
In der „Villa Brechenmacher“, dem heutigen Lebensmittelgeschäft Hofmann wohnte Katherine Mansfield länger, als in der Pension Müller, die ihrer Kurzgeschichte den Namen gab. Das erklärte Michael Scharpf (kleines Foto) im Rahmen eines Vortrags. © wk

Dem französischen Dramatiker Molière wird das Sprichwort zugeschrieben, „Wo sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere“. Während sich die Türen also hinter den Mallersdorfer Schwestern nun quasi schlossen, öffneten sich an anderer Stelle gleich richtig große Tore. Die braucht es zwar für Radler nicht unbedingt, doch angesichts des Windkanals, der im Norden der Stadt entstehen soll und wo die Biker ihre optimale Haltung und Trainingseinstellung finden sollen, darf man durchaus von Toren reden. Im November schließlich war der Spatenstich für das Vorhaben, das die Kneippstadt zu einer Sportstadt machen soll. Für Joachim Wenzkus, treibende Kraft und Genius hinter dem Windkanal, gibt es kaum andere Möglichkeiten die Sportler zu verbessern, als über das Bike­fitting, wo die optimale Position für den Athleten auf dem Rad gesucht wird. Denn Muskelkraft sei begrenzt und könne nicht,wie beim Auto, fast unendlich verstärkt werden. Bislang war man dafür auf die Automobilindustrie angewiesen, künftig können Profisportler wie ambitionierte Amateure in Bad Wörishofen ihren Stil verbessern und mitsamt der Familie Urlaub machen.

Auch ein weiterer Spatenstich, pro Forma und fast am Ende der Arbeiten, wurde heuer vollzogen für die Ertüchtigung der kommunalen Kläranlage. Die wird unter anderem benötigt für solche Projekte wie das „Kreuzer-Areal“, das dieses Jahr, nach längeren Vorbereitungen, endlich in die Umsetzung ging. Doch bevor die großen Bohrmaschinen die Bohrpfähle in den Untergrund bringen können, mussten Probleme wie die Wasserhaltung, die zu schützenden Bäume und der Lärmschutz geregelt werden. Dafür entsteht in der Kneippstraße nun ein Vorzeigeprojekt in Holzbauweise, das die Balance zwischen Arbeiten und Leben halten soll.

So soll der Windkanal nach Fertigstellung von außen aussehen.
So soll der Windkanal nach Fertigstellung von außen aussehen. © Wenzkuss

Auch am Areal der ehemaligen Süßwarenfabrik Schwermer tut sich mittlerweile einiges, nachdem nun feststeht, wie viele und welche Gebäude neu gebaut werden sollen.

Mitten in der Stadt liegt ein ganz besonderes Geburtstagskind, der Kurpark. Der wurde 2022 mindestens ein halbes Jahrhundert alt, also der Rosengarten. Die ersten Anfänge, auf einer ehemaligen Ziegelei, hatte sogar Sebastian Kneipp höchstselbst noch miterlebt (1894). Und wo wir schon fast im Wald sind, hat Bad Wörishofen alte Traditionen aus Kneipps Zeiten aufleben lassen.

So gibt es sei diesem Jahr erstmals zertifizierte Kur- und Heilwälder in Bayern. Dazu gehört auch das Versunkene Schloss im Wald bei Bad Wörishofer Wald, wo Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger die Urkunden an die ersten 13 Orte, die künftig mit dem Qualitätssiegel Waldgesundheit werben dürfen, überreichte. Mehr als 100 Jahre, nachdem schon Pfarrer Kneipp den Menschen den Wald als Medizin verordnet hatte und sich aus Asien das Waldbaden (Shinrin Yoku) etabliert hat, vor allem aber nachdem bereits andere deutsche Bundesländer das Thema Waldgesundheit angegangen waren, hat sich auch der Freistaat auf diesen Weg begeben. Bäume umarmen gehört aber nicht nur zum Konzept von Sebastian Kneipp.

Auch die Heiligenfeld-Klinikgruppe, die Ende des Jahres ihre achte psychosomatische Klinik in Bad Wörishofen, im ehemaligen Kneippianum, eröffnete, setzt auf die Natur als Therapeuten und Apotheke, wie die Zuhörer bei der Eröffnung erfuhren. Nach den Jahren der Pandemie brauche es dieses Angebot und es brauche neue Konzepte, die für die Menschen in diesen Zeiten da seien, meinte auch Klaus Holetschek bei der Eröffnung. Deswegen sei eine psychosomatischen Klinik so „wichtig und wertvoll“, nicht zuletzt deshalb habe er es im Ministerium zur Chefsache gemacht, so der Gesundheitsminister. In Kürze, so Holetschek, würden weitere 18 Betten im ehemaligen Kneippianum verwirklicht und umgesetzt. Diese Verbindung zwischen Heiligenfeld und Bad Wörishofen sei nicht nur neu, sondern habe einen einmaligen Wert und sei besonders für die Menschen, ergänzte Holetschek. Und fügte an, dass der Standort auch ein Entwicklungspotenzial habe. „Ich setze darauf, dass sich das weiterentwickelt.“ Im Besonderen setzt der Minister dabei auf die Klinikgruppe mit ihren Ärzten, wo man das Thema weiterdenke.

Neuer Pächter fürs Kurhaus-Café

Damit wären wir nach einem Jahr voller Ereignisse im Dezember angekommen. Vor einem Jahr, ebenfalls im zwölften Monat begannen die Arbeiten für das neue Kurhaus-Café. Jetzt, ein Jahr später konnte die Kurdirektorin Kathrin Herd die Umsetzung vermelden. Es fehlen noch Kleinigkeiten. Das wichtigste aber, ein neuer Pächter ist gefunden. Und der weiß auch schon, wie die Kur-Lounge heißen soll: „Kasino“ – der Ort der Begegnung, ein Gesellschafts- oder Klubhaus.

Robert Stephan (rechts) und Walter Schmid (links) von der Wörishofer Polizei dankten einem 39-jährigen Lebensretter.
Robert Stephan (rechts) und Walter Schmid (links) von der Wörishofer Polizei dankten einem 39-jährigen Lebensretter. © PI Bad Wörishofen

Bliebe noch an den Lebensretter zu erinnern, der Ende Januar heldenhaft einen Elfjährigen vor dem Ertrinken gerettet hatte. Das Kind war beim Spielen im Ostpark auf die Eisfläche gelaufen und eingebrochen. Ohne lange nachzudenken, zog ein 39-jähriger Bad Wörishofer den Jungen aus dem Wasser und sorgte dafür, dass er in sichere Hände übergeben wurde.

Aus den Händen gegeben hat derweil Peter Eichler die Geschicke als Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr. Ende Januar ließ er verlauten, dass er das Amt aus Altersgründen abgebe. Inzwischen führt Hans-Peter ­Scholz die Feuerwehr in den Einsatz. Und ebenfalls ein neues Gesicht sorgt für die musikalische Untermalung der Gottesdienste in der evangelischen Kirchengemeinde: im September übernahm Jutta Kneule die Nachfolge von Tanja Schmid in der Erlöserkirche.

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