1. Startseite
  2. Bayern
  3. Augsburg & Schwaben
  4. Kurier Mindelheim

Mattsies: Archäologen entdecken Kindergrab aus dem 7. Jahrhundert!

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Marco Tobisch

Kommentare

Nicht älter als zehn Jahre dürfte der Junge, der hier vor gut 1.300 Jahren begraben wurde, laut Schätzungen der Archäologen gewesen sein.
Nicht älter als zehn Jahre dürfte der Junge, der hier vor gut 1.300 Jahren begraben wurde, laut Schätzungen der Archäologen gewesen sein. Dank weiterer Fundstücke aus dem Grab verspricht sich das Landesamt für Denkmalpflege wertvolle Erkenntnisse. © Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Mattsies – Bei der Erschließung des neuen Baugebiets „Schleifweg“ in Mattsies sind Archäologen nun auf einen echten Sensationsfund gestoßen. Wie das Landesamt für Denkmalpflege bestätigt, handelt es sich dabei um die Überreste eines Jungen, der rund 1.300 Jahre unverändert unter Mattsieser Boden lag. Und noch einige weitere spannende Details haben die Forscher bereits herausgefunden, wie das Landesamt in einer Pressemitteilung erklärt.

Ein Restauratoren-Team, Archäologen und Grabungstechniker des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege waren am Dienstag in Mattsies zusammengekommen, um ein außergewöhnlich gut erhaltenes Kindergrab aus dem 7. Jahrhundert im Ganzen aus dem Boden zu heben und schonend ins Labor zu transportieren. Dafür wendeten sie laut Landesamt für Denkmalpflege eine neue Methode an: Lage für Lage wurde der Grabkammerinhalt mit Wasser benetzt und diese mit Flüssig-Stickstoff schockgefrostet.

Auf die Überreste des Jungen, der mit einem Hund bestattet worden war, stießen Archäologen letzte Woche. Das ihm ins Grab gelegte Schwert, vor allem aber der beigegebene, mit Goldbeschlägen verzierte Waffengurt und der reiche Schmuck lassen laut der Denkmalpfleger darauf schließen, dass das Kind einer wohlhabenden und gesellschaftlich sehr hoch gestellten Familie angehörte. Besonders aber sei an diesem Grab noch etwas anderes: „Die Funde blieben fast 1.300 Jahre nahezu unverändert darin liegen, weil die Steindecke und -wände der Grabkammer offensichtlich so dicht abgeschlossen haben, dass anders als üblich keine Sedimente in den Sarg gedrungen sind. Dadurch befinden sich die Funde in einem für ein Grab aus dieser Zeitspanne hervorragenden Zustand“, erklärt das Landesamt für Denkmalpflege in der Pressemitteilung. Sogar zahlreiche Stoff- und Lederreste sind erhalten – von der Schwertscheide, dem Waffengurt, aber auch von der Kleidung und vielleicht dem Leichentuch.

Denkmalpflege hofft auf neue Erkenntnisse

„Für uns ist diese Bestattung ein Glücksfall, vor allem, weil so viele Stoffreste erhalten sind. Sie versprechen hochinteressante Einblicke in die frühmittelalterliche Modewelt“, sagt Generalkonservator Prof. Dipl.-Ing. ­Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. „Unsere intensiven Forschungen in den letzten Jahren lassen erahnen, welche Bedeutung hochwertige Textilien und verziertes Leder für die Darstellung des Status im Frühmittelalter hatten. Von den nun geborgenen Funden erwarten wir uns neue Erkenntnisse zu den damals verwendeten Textilien und ihre Trageweise.“

Allerdings stellte gerade die Tatsache, dass die Bestattung sedimentfrei war, die Denkmalpfleger vor eine große Herausforderung. Denn ohne die stabilisierenden Ablagerungen aus dem Erdreich drohten die Funde beim Bergen und beim Transport auf dem Ziegelboden der Grabkammer zu verrutschen oder beschädigt zu werden. Aus diesem Grund wurden sie eingefroren und dann mit Hilfe einer Platte, die unter den Sargboden geschoben wurde, wie auf einem Tablett von einem Kran aus dem Erdreich gezogen. Für Flüssigstickstoff hatte man sich entschieden, weil dieser mit seiner Temperatur von minus 196 Grad Celsius dafür sorgt, dass der aufgebrachte Wasserfilm sofort ohne Ausdehnungseffekte aushärtet. Auf diese Weise bilden sich keine strukturzerstörenden großen Eiskristalle. Insgesamt 14 Stunden dauerte die Bergung – von 3 Uhr morgens bis 17 Uhr.

Auch das Unterallgäu hat mitangepackt

Wie Bürgermeister Johannes Ruf im Gespräch mit dem Wochen KURIER sagte, habe man insbesondere zum Schutz vor zu viel Öffentlichkeit so früh angefangen. Auch hatten sich die Kräfte vor Ort darauf verständigt, die Info über den sensationellen Fund vorerst noch unter Verschluss zu halten. Beteiligt an den Arbeiten waren übrigens nicht Archäologen, sondern auch fleißige Hände aus dem Unterallgäu, beispielsweise Steinmetz Erwin Imminger aus Tussenhausen, Bauunternehmer Thomas ­Hacker aus Schnerzhofen sowie der örtliche Bauhof.

Inwieweit seine Gemeinde vom Fund profitieren kann, weiß Bürgermeister Ruf noch nicht. „Ich bin aber sicher, die Funde werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.“ Aktuell befindet sich die Bestattung im Block im Labor der Restaurierungswerkstätten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in Bamberg, wo sie vorerst in einer Kühlkammer untergebracht ist und dann genauer untersucht und konserviert werden soll. Hierzu soll das Eis kontrolliert abgeschmolzen werden. Ein genauer Zeitpunkt dafür steht laut Landesamt für Denkmalpflege noch nicht fest.

Auffällig sind auch die Spuren eines quadratischen, etwa acht Meter breiten Gebäudes, die Archäologen im Boden gefunden hatten. Der Bau stammt aus römischer Zeit und wurde einige Jahrhunderte später als herausgehobener Bestattungsplatz für das Kind hergerichtet. Nicht ungewöhnlich für Bestattungen dieser Zeit ist das Nebeneinander von Objekten mit christlicher Symbolik und dem Festhalten an Grabbeigaben. So fand man im Grab des Kindes etwa Goldblattkreuze.

Todesursache des Jungen ist (noch) nicht bekannt

Als weitere Beigaben wurden dem Kind Armreifen aus Silber, Sporen und ein Bronzebecken in die Grabkammer gelegt. Sein genaues Alter kann erst nach weiterführenden Untersuchungen festgestellt werden. Da es noch Milchzähne hatte, gehen die Forscher davon aus, dass es zum Todeszeitpunkt kaum älter als zehn Jahre gewesen sein dürfte. Der Hund wurde dem Kind zu Füßen gelegt. Einwirkungen von Gewalt konnten an den tierischen Überresten bislang nicht nachgewiesen werden. Auch zur Todesursache des Kindes lässt sich bislang nichts sagen.

Die Grabungen fanden im Zuge der Erschließung des Baugebiets „Schleifweg“ statt. Da an dieser Stelle bereits Bodendenkmäler vermutet worden waren, wurde das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege frühzeitig hinzugezogen. „Der Verdacht war da, dass da was sein könnte“, sagt auch Johannes Ruf. Es sei dann festgestellt worden, dass an der späteren Fundstelle einst ein römisches Gebäude gestanden haben muss, woraufhin die Archäologen entschieden hätten, noch etwas tiefer zu graben. Und tatsächlich wurden sie – anders als bei umliegenden Baugebieten im geschichtsträchtigen Mattsies – hier fündig. „Das ist einfach sensationell und schon sehr beeindruckend“, sagt Bürgermeister Ruf.

Bei aller Euphorie könnten die Funde für Häuslebauer aber Konsequenzen haben. Der Baustart am „Schleifweg“, wo 30 Wohneinheiten entstehen sollen, war ursprünglich für Ende 2022 vorgesehen, je nach Witterung. „Es könnte sein, dass das durch die Funde verzögert wird“, meint Ruf – noch sei man aber bestrebt, am bisherigen Zeitplan festzuhalten..

Auch interessant

Kommentare