Hier sind alle Kunstwerke zu sehen, die Schmid bisher aus der Blutbuche gefertigt hat. Hinter ihm der Tisch, auf dem die Wundnarbe zu erkennen ist. In der Hand hält der Künstler die Schleife, die aus dem Holz des Stamm-Inneren entstand.
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Hier sind alle Kunstwerke zu sehen, die Schmid bisher aus der Blutbuche gefertigt hat. Hinter ihm der Tisch, auf dem die Wundnarbe zu erkennen ist. In der Hand hält der Künstler die Schleife, die aus dem Holz des Stamm-Inneren entstand.

Holzkünstler verwandelt gefällte Buche in Kunst

Das neue Leben der Mindelheimer Blutbuche

  • Melanie Springer-Restle
    VonMelanie Springer-Restle
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Mindelheim – Jahrelang bangten Baumliebhaber, Mindelheimer Bürger und Stadtgärtner Martin Honner um die Zukunft der Blutbuche gegenüber der Stadtpfarrkirche St. Stephan – bis das Ende irgendwann nicht mehr aufzuhalten war. Aus Gründen der Verkehrssicherheit musste die Buche am letztes Jahr im Oktober gefällt werden. Jetzt kann sie wieder bewundert werden, nur auf andere Weise. 

Zunächst hatte man versucht, den Baum zu retten, gehörte er doch für viele Mindelheimer zum Stadtbild. Die leichte Hügellage machte die Situation jedoch nicht besser, denn gesundes Holz wies der Stamm nur noch mit einer Tiefe von bis zu sechs Zentimetern auf. Das war eindeutig zu wenig und stellte eine Gefahr für die Verkehrssicherheit dar. Experten empfohlen zunächst einen radikalen Zuschnitt, doch der Verfall war nicht aufzuhalten, sodass beschlossen wurde, den Baum ganz zu fällen. Das war letztes Jahr im Oktober. Nur ein knappes Jahr später ist es, als wäre die Buche vom Tode auferstanden. Nur die Gestalt, in der sie erscheint, hat sich verändert. Doch an Strahlkraft verlor sie nicht – im Gegenteil.

Der Weg zum Künstler

Alles fing damit an, dass Holzkünstler Bernhard Schmid aus Rettenbach einen Hinweis von Schreiner Engel aus Erisried erhielt. Letzterer informierte Schmid über die geplante Fällung der Buche.

Die Mindelheimer Blutbuche kurz vor der Fällung

Schmid hatte bereits zahlreichen Bäumen neues Leben eingehaucht und sie künstlerisch in Szene gesetzt. Die Blutbuche am Stadtgraben hat ihn sofort angesprochen, was nicht selbstverständlich ist. Denn erstens hatte er bisher wenig mit Buchen gearbeitet und zweitens muss auch ein Funke überspringen. Das hängt nicht nur vom Baum selbst ab, sondern auch von dem Ort, an dem der Baum einst stand. Und hier war dem Holzkünstler sofort klar: „Die Blutbuche stand an einem Ort der Freude und des Lebens.“ Der Baum war stiller Zeuge vieler Ereignisse. Das imponierte dem Künstler. Sofort griff er zum Telefon und rief im Stadtbauamt an, um sich den Baum zu sichern. Er bekam die Zusage unter der Auflage, bei den Fällarbeiten da zu sein und den Baum gleich mitzunehmen. Am 20. Oktober letzten Jahres rückte Schmid mit Werkzeug und Hänger an. Wichtig war ihm, den Stamm am Wurzel­anlauf selbst zu schneiden, um möglichst viel davon mitzunehmen. Einen knappen Arbeitstag dauerten die Fällarbeiten.

Am Ende hatte er zwei große Stücke, die er auf seinem Anhänger nach Rettenbach transportierte. Das Stück mit dem Wurzelanlauf steht noch in seiner Werkstatt und wartet, bis der Künstler Hand anlegt. Beeindruckend daran sind die roten Stellen am Wurzelanlauf. „Da weiß man, warum der Baum Blutbuche heißt“, spekuliert Schmid. Aus dem anderen Stück hat er einen Stehtisch gefertigt mit hohlem Stamm und Glasplatte. Was ihn daran besonders ansprach, war der Wundverschluss an einer Stelle, an der vor geraumer Zeit ein Ast abgesägt worden war. Diese Stelle hat Schmid bewahrt und die Rinde nur restauriert, nicht aber entfernt wie beim restlichen Teil des Stamms. Doch sein persönliches Highlight am ganzen Baum ist die sogenannte Baumperle. Baumperlen wachsen an Baumstämmen, wenn ein Heilungsprozess im Gange ist. Sie sehen aus wie kleine Knuppel oder Knollen. Lässt sich die Perle leicht vom Baum lösen, ist das ein Zeichen dafür, dass die Heilung abgeschlossen ist.

Die Magie der Baumperle

Schmid berichtete, dass die warzenartige Wucherung am Fuß der Blutbuche leicht zu entfernen war. „Sie zu berühren, fühlte sich an, als hätte man einen Sattelknauf von einem Reitsattel in der Hand“, schwärmt der Künstler. „Die anderen Kunstwerke sind nett, aber die Perle ist die geballte Kraft, Energie pur“, erzählt er sichtlich berührt. Die Perle hat er deshalb separat bearbeitet und in einen energetisch eindrucksvollen Handschmeichler verwandelt.

Aus dem Inneren des Stehtisches hat er ein paar kleinere Kunstwerke gefertigt: einen blau bemalten Tropfen, der als Schale oder nur als dekoratives Kunstwerk fungieren kann, ein Boot und eine Schleife – alle Kunstwerke sind beim Berühren glatter als ein Babypopo.

Das ist die besagte Baumperle in Schmids Händen.

Auf die Frage unserer Redaktion, wie lange der Künstler denn an einem Werk wie dem Tisch arbeite, sagte er: „Bis es fertig ist.“ Schmid bemisst seine Arbeit nicht in Zeit. Für ihn steht der Prozess im Vordergrund, in den er eintritt und der ihm meist etwas zu sagen hat. Ein Werk in die gewünschte Form zu bringen – so viel kann er verraten – nimmt etwa die Hälfte der gesamten Bearbeitungszeit in Anspruch. Dann wird geschliffen und geölt. Immer wieder geht Schmid in Resonanz mit dem Werk. Schleifen und Polieren setzen einen emotionalen Verdauungsprozess in Gang. Die Gedanken dazu kommen stets erst nach dem Gefühl. „Ich frage mich immer: Was erkenne ich dabei in mir?“ Erst wenn Schmid diese Frage beantwortet hat, kann er ein Werk zum Verkauf freigeben.

Live zu bewundern sind seine Kunstwerke, auch die aus der Blutbuche, bald am Tag des Schreiners am 6. und 7. November von 10 – 17 Uhr in der Schreinerei von Rudolf Engel in Erisried. Ganz Neugierige können Schmids Werke auch auf einer aktuellen Wanderausstellung bewundern. Dort hat der Künstler unter anderem den originalen Jakob-Fischer-Apfelbaum, den Urbaum der Apfelbäume, bearbeitet. Weitere Infos gibt es auf Schmids Webseite kuenstler-holzgestalter.de. Wer die Blutbuche nochmal als ganzen Baum sehen will, findet ein Video zur Fällung auf der Facebookseite des KURIERS.

Quelle: Kurier

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