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Rote Karte für Tiny-House-Siedlung: Türkheims zweiter Bürgermeister erklärt, warum

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Von: Oliver Sommer

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Die beiden Bäume auf der linken Seite (im Hintergrund die Eiche mit Bank) markieren die Nord- bzw. Südgrenze der geplanten Tiny-House-Siedlung. Die dunkelgrüne, ungemähte Wiese weiter hinten im Bild wäre der erste Ausbauschritt gewesen, die heller, gemähte im Vordergrund der zweite Ausbauschritt für insgesamt 90 Kleinsthäuser.
Die beiden Bäume auf der linken Seite (im Hintergrund die Eiche mit Bank) markieren die Nord- bzw. Südgrenze der geplanten Tiny-House-Siedlung. Die dunkelgrüne, ungemähte Wiese weiter hinten im Bild wäre der erste Ausbauschritt gewesen, die heller, gemähte im Vordergrund der zweite Ausbauschritt für insgesamt 90 Kleinsthäuser. © Oliver Sommer

Türkheim – „Der Bürgermeister hat jetzt erst einmal den Druck aus dem Kessel genommen“, sagt Franz Haugg, der Zweite Bürgermeister der Marktgemeinde. Ende Juni musste er kurzfristig für Christian Kähler einspringen und die Gemeinderatssitzung leiten. Eine Sitzung, bei der über die Tiny-House-Siedlung am Langweidbach hätte diskutiert werden sollen. Doch nicht nur wegen des Widerstandes aus der Bevölkerung hatte Kähler das Thema vorher von der Tagesordnung genommen. 

Neben Stellungnahmen seitens des Naturschutzes und Gutachten von Rechtsanwälten soll die Diskussion über die Kleinsthäuser auf eine fundierte Basis, auch unter Einbeziehung der Fachbehörden, gestellt werden. „Denn“, fügt Haugg hinzu, „im Biotop kann keine Erschließung stattfinden“. Im Gespräch mit dem Wochen KURIER nimmt er Stellung zu den aktuellen Entwicklungen.

Die Positionen sind klar, die Naturfreunde und die jüngst gegründete Bürgerinitiative sind deutlich gegen eine Erschließung der Wiese am Langweidbach. Dabei geht es nicht nur um die Wohnqualität der Anwohner und die 90 Kleinsthäuser, die hier entstehen könnten, macht Franz Haugg klar und fügt bei der Zahl an, dass er immer vom maximal Möglichen ausgehe. Als Emil Mayer in der Marktratssitzung im Mai von „um die 20 bis 45 Tiny Houses“ sprach, war bereits klar gewesen, dass es ihm auch um das zweite, nördliche Grundstück mit der Flurnummer 715 gehe, so Haugg. Mit zwei Grundstücken beliefe sich die Fläche auf 22.500 Quadratmeter und böte Platz für 90 Kleinsthäuser, wovon die anwesenden Pressevertreter und die Bevölkerung aber nur erfuhren, weil Christian Kähler seinen Gemeinderäten die langfristigen Pläne Mayers nicht verschwiegen hatte.

Renaturierung steht an erster Stelle

Es sei zwar etwas unglücklich gelaufen, was da kurz vor Pfingsten passiert ist, bedauert Haugg. „Aber die Bürger dürfen sich wehren“, sagt der Vertreter der Freien Wähler. Das sei ihr Recht. Und es gebe gute Gründe gegen die Erschließung der Wiese am Langweidbach, „auch aus naturschutzrechtlichen Bedenken“. Da ist zum einen der Langweidbach, der renaturiert werden und wieder frei erlebbar werden soll. Die Fördermittelzusage für das Gewässerentwicklungskonzept hatte die Kommune kurz zuvor erst erhalten. Und die Wiesen zwischen Wertach und Langweidbach seien eines der wichtigsten Naherholungsgebiete Türkheims, das mit der Renaturierung aufgewertet werde, macht Haugg deutlich.

In einer der nächsten Gemeinderatssitzungen, fährt er fort, hätten die Planungen für die Renaturierung vergeben werden sollen. Diese stehe an erster Stelle. Anschließend, steht für Haugg fest, kann es keine Erschließung der Wiesen mehr geben. Zum einen bilden sie den Übergang zu den Wertachauen. Und nach der Renaturierung des Langweidbaches habe man es mit ökologisch wertvollen Flächen, Biotopen, zu tun. „In einem Biotop kann keine Erschließung stattfinden“, stellt Franz Haugg nachdrücklich fest, „darin kann keiner wohnen“. Ähnlich sieht man es auch am Landratsamt, Sachgebiet Naturschutz, wo man in einer E-Mail eine erste Einschätzung zum Thema abgegeben hat. Unter anderem heißt es darin, dass man es hier mit einer gelungenen Ortsabrundung zu tun habe und die angrenzenden Streuobstflächen (Ausgleichsflächen) durch die Nähe zu einer Siedlung entwertet würden.

Zwar sieht man dort, unter dem Gesichtspunkt des Landverbrauchs, eine Tiny-House-Siedlung als positiv an. Doch wie auch schon die Bürgerinitiative glaubt die Fachbehörde nicht an einen vollständigen Rückbau bzw. eine zeitliche Limitierung. Emil Mayer hatte in seinem Vortrag von 25 bis 30 Jahren gesprochen. Danach, so der Unternehmer, gebe man die Grünfläche so zurück, wie man sie gepachtet habe. Aus Sicht des Naturschutzes sei das aber weder ökonomisch noch ökologisch und Franz Haugg ergänzt im Gespräch, dass ein Unternehmer für den Rückbau mindestens noch einmal die gleiche Summe werde aufwenden müssen wie für die Erschließung. „Jede Parzelle braucht Strom, Wasser, einen Kanal und Heizung“, zählt er auf.

Ein Bauunternehmer hatte, ohne den Stromanschluss, von Kosten in Höhe von etwa 400.000 Euro gesprochen. Dazu kommen dann noch die Parkplätze und „Kleinigkeiten“ wie die Rettungswege und die Zufahrt für die Müllabfuhr. So heißt es beim Naturschutz, dass es ein gewisses Mindestmaß an Bodenversiegelung bedürfe und sowohl die Wohnraum- als auch Gartennutzung eine Verdichtung des Bodens mit sich bringe. So lasse „sich schwer vorstellen, nach 25 Jahren eine gesunde Wiesenfläche zurückzuerhalten“.

Und Haugg verweist darauf, dass man nicht einmal ein halbes Jahr zuvor die Wohnbebauung der Wiese im Gemeinderat abgelehnt hatte.

Thema fachlich lösen

Er ist froh, und sich mit dem Ersten Bürgermeister einig, dass nach einer gewissen „Euphorie“ nun die Emotionen aus der Diskussion herausgenommen wurden. „Er (Kähler) versucht das Thema fachlich zu lösen“, freut sich Haugg, nachdem in der Gemeinderatssitzung sogar die „Grünen“ enthusiastisch für das Projekt eingetreten waren.

Es sei klar, dass es sich um ein Geschäftsmodell handle, so Haugg. Er glaubt, dass sich auch andere Grundstücke zur Pacht finden ließen. Als eingefleischter Türk­heimer ist Haugg ohnehin dafür, dass die Gemeinde solch ein Projekt in Eigenregie übernimmt und nach der 40/40/20-Lösung verfährt, wobei mindestens 40 Prozent der Fläche für Türkheimer Bauwillige sein sollten.

Außerdem müsste das Projekt allein wegen des Rückbaues dauerhaft angelegt sein. Wie auch einige seiner Ratskollegen hält Haugg das Vorhaben nur für einen Trend. „Das machen ein paar Junge und Singles“, glaubt er, die spätestens zur Familiengründung in eine dauerhafte Wohnung umziehen würden.

So recht konnte ferner niemand nachvollziehen, wie Mayer zu der Annahme käme, insbesondere Senioren würden in einer Tiny-House-Siedlung ihre letzte Wohnstätte finden. Dem widersprechen die Anfragen aus halb Südbayern.

Senioren gehören in die Mitte

„Für die Senioren“, sagt Haugg, „bauen wir etwas im Ortskern“. Die müssten fußläufig zum Arzt kommen und zum Einkaufen gehen können und nicht am Rand des Ortes wohnen. „Und die rüstigen Rentner kaufen sich ein Wohnmobil und reisen.“

Auch seitens der Staatsregierung, das ergibt sich aus einer Anfrage eines Landtagsabgeordneten, sehe man eine Tiny-House-Lösung als nicht geeignet an, um der Wohnraumnot entgegenzuwirken. Die Idee von den „autolosen Singles“ sei utopisch, da auch diese zur Arbeit kommen müssten, so der allgemeine Tenor. Nicht zuletzt bewege man sich bei der Ausweisung von Land für diese Nutzung auf völligem Neuland. Es gebe einfach zu viele offene Fragen, resümiert Haugg, weshalb er das Vorhaben auch lieber in den Händen des Marktes wüsste. So sollte man seiner Meinung nach bei einem der nächsten Wohngebiete einfach ein paar Tausend Quadratmeter für die Kleinsthäuser mit ausweisen. „Man muss so ein Projekt immer bis zum Ende denken“, schließt er. So sieht man es im Übrigen auch seitens des Naturschutzes, wo der Schlusssatz in der E-Mail lautet: „Eine feste, dauerhafte Flächenzuweisung stellt daher in jedem Fall die sinnvollere Lösung dar.“

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