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Schockanrufe: Eine Mindelheimerin schildert, wie sie beinahe Opfer geworden wäre

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Die Betroffene E. Bruns (rechts) erzählt von ihren Erfahrungen mit einem Schockanruf. Der Psychologe Frank Lohmann (links) erklärt, was in solchen Fällen in Betroffenen vor sich geht.
Die Betroffene E. Bruns (rechts) erzählt von ihren Erfahrungen mit einem Schockanruf. Der Psychologe Frank Lohmann (links) erklärt, was in solchen Fällen in Betroffenen vor sich geht. © Spielberg

Mindelheim/Kempten – Die Täter wissen genau, wie sie ihre Opfer täuschen können: Bei sogenannten Schockanrufen werden wahllos Menschen angerufen, denen eine fürchterliche Geschichte zu ihrem familiären Umfeld erzählt wird – worüber die Anrufer ihrem Opfer letztlich Geld entlocken wollen. Auch E. Bruns aus Mindelheim bekam letzte Woche einen solchen Anruf. Am gestrigen Montag ging sie zusammen mit der Polizei an die Öffentlichkeit, um eindringlich vor Telefonbetrügern zu warnen.

Bei E. Bruns hatten die Täter versuchten, 25.000 Euro zu erpressen. Das hätte fast geklappt, da sich die Täter – offenbar sehr glaubwürdig – als Polizeibeamte ausgaben. Am Montag saß die Mindelheimerin nun im Presseraum der Polizeiinspektion Kempten und schilderte vor dem Psychologen Frank Lohmann des BKH Kempten, der Kriminalhauptkommissarin ­Tanja ­Molocher und Vertretern der Presse ihre traumatischen Erlebnisse nach dem Schockanruf.

Fallzahlen steigen

Polizeipressesprecher ­Dominic Geißler ging zuvor noch generell auf Straftaten im Bereich betrügerischer Anrufe ein, denn die Fälle im Bereich Schockanruf, Enkeltrick, vorgetäuschte Gewinne aus Gewinnspielen und Anrufe durch falsche Amtsträger – Stichwort „Falscher Polizist“ – nehmen trotz aller Prävention drastisch zu. Auch Das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West verzeichnet bei den Schockanrufen einen Anstieg: Waren es 2020 noch 117 Anrufe (fünf erfolgreich) und 116.000 Euro Beute, sind es nun allein im ersten Halbjahr 2022 bereits 279 Anrufe (45 erfolgreich) und 471.463 Euro Schaden. „Der Anstieg ist alarmierend und wir stoßen mit unserer Präventionsarbeit an Grenzen“, sagt Geißler.

Die Polizei rät, am Telefon keine Angaben von persönlichen Daten oder Informationen zu Eigentum und Vermögen abzugeben. Sollte nur der geringste Zweifel an der Identität eines Anrufers bestehen, kann der Sachverhalt bei jeder Polizeidienststelle jederzeit abgeklärt werden. Weil manche Anrufer sogar unter der Rufnummer 110 anrufen, gibt Polizistin Tanja Molocher den Tipp: „Die Polizei ruft niemals unter der 110 an. Misstrauen an dieser Stelle ist keine Unhöflichkeit.“

Die Tricks der Trickser

Die Festnetznummern der Opfer erhalten die Täter häufig aus Telefonbüchern, bei denen speziell nach Vornamen geforscht wird, die auf ein höheres Alter schließen lassen. Bei Mobilfunknummern erhalten die Betrüger Nummern über teils legale wie illegale Adressenhändler, aber auch von Internetseiten, E-Mails, oder Zeitungsanzeigen. Suchroboter stöbern im Internet auf Online-Kleinanzeigenmärkten und versenden automatisch SMS. Bei Handynummern geht man auch nach dem Zufallsprinzip vor: automatisierte SMS werden beispielsweise an alle Nummern von Tel. 0177-1111111 bis Tel. 0177-9999999 gesendet.

Die Täter im Hintergrund vermutet die deutsche Polizei in Callcentern auf türkischem und albanischen Boden. „Die Hintermänner agieren vom Ausland aus, wir können hier und da einen ihrer Geldboten vor Ort stellen. Das sind aber kleine Fische, die uns nicht näher an die wahren Täter heranführen“, sagt Polizeisprecher Geißler. Trotzdem bittet die Polizeiinspektion Kempten darum, sich bei Schockanrufen möglichst viele Details zu merken wie mutmaßliches Alter, Geschlecht, Nationalität des Anrufers und die eingeblendete Rufnummer. „Je mehr Informationen wir haben, umso erfolgreicher unsere Fahndung nach den Tätern“, sagt Molocher und ergänzt: „Eines machen sich alle Betrüger zu Nutzen: Wenn sie sich als falsche Polizisten ausgeben, wecken sie beim Angerufenen zuerst eine Art Polizeihörigkeit. Eine Behörde wie die Polizei wird erst einmal nicht in Frage gestellt, denn der normale Bürger hat in der Regel wenig Kontakt zu dieser und will kooperieren. Das machen sich die Täter zu Nutzen.“

Betroffene schildert Schockanruf

Im Fall von E. Bruns aus Mindelheim lief das ähnlich. Sie wurde von einer unbekannten Nummer angerufen. Bei Annahme des Gesprächs stellte sich die Anruferin als Polizeibeamtin vor, die E. ­Bruns erklärte, dass ihre Tochter gerade bei einem Verkehrsunfall eine Fußgängerin getötet habe. Dann wurde E. Bruns scheinbar mit ihrer Tochter verbunden, die verzweifelt schreiend und kaum verständlich den Fall schilderte. Im weiteren Verlauf des Telefonats wurde die Mindelheimerin aufgefordert, für eine Kaution 25.000 Euro zu beschaffen, die an einem ausgemachten Treffpunkt an zwei Polizeibeamte übergeben werden sollte. Bruns, in Sorge um die Tochter, fuhr mit einem Bekannten zur Sparkasse, um die geforderte Summe vom Konto abzuheben.

Dort aber wurde die Bankangestellte stutzig und informierte die Polizei, da Barauszahlungen in dieser Höhe ungewöhnlich sind. Nach einem Telefonat mit dem Vater ihrer Tochter konnte E. Bruns beruhigt werden. Die Tochter war zu diesem Zeitpunkt bei ihrem Vater in Hannover.

Die Anspannung der Betroffenen bei der eindrucksvollen Schilderung ihrer Erlebnisse lässt erkennen, wie sehr die Opfer von Schockanrufen emotional beteiligt sind. „Die Täter sind hochprofessionell. Sie schaffen zuerst persönliche Relevanz, erzeugen dann Handlungsdruck und bringen die Betroffenen in eine Stresssituation, in der automatisiert gehandelt wird“, so der ­Polizei-Psychologe Frank ­Lohmann.

Jörg Spielberg

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