Esmail hat in Deutschland inzwischen seine zweite Heimat gefunden.
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Esmail hat in Deutschland inzwischen seine zweite Heimat gefunden.

Zwei Flüchtlinge erzählen, wie sie ihren Weg in Deutschland gehen

Sprachtalent und goldene Hände: Gelungene Integration in Bad Wörishofen

Bad Wörishofen – Mit den jüngsten Geschehnissen in Afghanistan, wo mehrere Millionen Menschen vor den Taliban flüchten, ist auch in Deutschland das Thema Asyl wieder brandaktuell. Der Wochen KURIER hat sich mit zwei Geflüchteten unterhalten, die mit der großen Welle Mitte des letzten Jahrzehnts nach Deutschland kamen. Sie sind im Unterallgäu inzwischen gut integriert.

Vor knapp sechs Jahren kam der 21-jährige Syrer Esmail mit seinem Bruder als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland. Er erinnert sich genau: „Wir waren erst fünf Tage in München in einem Flüchtlingslager in einer riesigen Halle untergebracht. Alle unter 18 wurden in ganz Deutschland verteilt. Mein Bruder und ich kamen nach Bad Wörishofen“, erzählt Esmail in fast akzentfreiem und grammatikalisch korrektem Deutsch. Die beiden Brüder waren auf Anraten der Eltern aus der Heimat geflüchtet, denn die Buben sahen bereits als Jugendliche älter aus, als sie waren. Deshalb mussten sie jeden Tag damit rechnen, vom Militär eingezogen zu werden. Ein halbes Jahr warteten die Brüder in der Türkei, bis der Vater das Geld für die eigentliche Reise zusammengekratzt hatte: 6.000 Dollar verlangte der Schleuser. Der Vater hatte dafür unter anderem sein Auto verkauft. Während der Reise hatten Esmail und sein Bruder Todesangst. „Es waren viel zu viele Leute auf dem kleinen Schlauchboot“, erinnert er sich. Doch irgendwann erreichten sie griechisches Festland. „Das war wie sterben und neu geboren werden“, sagt Esmail demütig. In Deutschland kamen sie – wie alle minderjährigen Flüchtlinge – bis zur Volljährigkeit in eine gesonderte Jugendeinrichtung.

Seinerzeit hatte die Rummelsberger Diakonie ein altes Hotel in Bad Wörishofen zu einer Jugendhilfeeinrichtung für traumatisierte Flüchtlinge umfunktioniert. Dort wurden hauptsächlich Kinder aus Afghanistan und Syrien betreut. Es war wie eine große Familie. Viele hatten zwar eigene Zimmer, doch es gab gemeinsame Mahlzeiten. Die pädagogisch ausgebildeten Mitarbeiter waren wie Ersatzeltern und vermittelten den Jugendlichen Werte und die deutsche Kultur. Die Tage wurden klar strukturiert: vormittags Schule, gemeinsames Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, Freizeitprogramm, Abendessen, Nachtruhe um 22 Uhr. Je älter die Jugendlichen wurden, desto mehr Verantwortung und Freiräume bekamen sie. Bei Konflikten gab es Gruppenbesprechungen – die Jungs lernten, sich für Fehler zu entschuldigen und ihr Verhalten zu reflektieren.

Schnell Deutsch gelernt

Esmail war sehr ehrgeizig und lernte in Rekordzeit Deutsch. Er besuchte eine Flüchtlingsklasse der Berufsschule und machte diverse Praktika. Dann erfuhr er von den ersten Abschiebungen und suchte sich schleunigst eine Ausbildungsstelle. Seine Wahl fiel auf das Hotel Förch in Bad Wörishofen. „Dort war es wie in einer Familie. Alle waren total nett und fair“, resümiert er. Der Wochen KURIER hat ihn dort besucht. Stolz führte uns Esmail durch das Vier-Sterne-Hotel. Dort kennt er sich aus wie in seiner Westentasche, in seiner Ausbildung zum Hotelfachmann hat er alle Stationen durchlaufen. Wortgewandt erklärt er den Aufbau des Wellnessbereichs, den Ablauf beim Abendessen. Er führt uns sogar ins hotelinterne Therapiezentrum und weiß, welche Behandlungen dort klassischerweise durchgeführt werden. Später kamen noch der Hotelbetreiber Christian Förch und dessen rechte Hand und Ausbildungsleiterin Gerit Jung dazu. Beide sind begeistert vom Tatendrang und Fleiß des jungen Syrers.

„Und wenn ein junger Mensch die Strapazen auf sich nimmt, zu arbeiten, wenn andere feiern, dann habe ich erst recht Respekt“, ergänzt der Hotelchef, für den es nicht selbstverständlich ist, gutes Personal zu finden. Auch das 45-köpfige Mitarbeiter-Team ist beeindruckt von Esmails offener Art und seinen Sprachkenntnissen. „Er verbessert immer die anderen ausländischen Mitarbeiter“, amüsiert sich die Ausbildungsleiterin.

Nur einmal hätte er fast das Handtuch geworfen, erinnert sich Förch. Esmail wollte damals mehr Geld verdienen, um seine Eltern in Syrien zu unterstützen. Er war kurz davor, die Lehre abzubrechen und als Hilfskraft zu arbeiten. Doch die Eltern überredeten ihn, weiterzumachen. In Kürze wird er seine Lehre beenden. Die Theorieprüfung hat er bereits in der Tasche, der praktische Teil folgt im Februar. Was Esmail künftig ankommenden, jungen Flüchtlingen rät: „Schnell die Sprache lernen und eine Ausbildung machen!“

Mit Eigeninitiative und Talent zum Traumjob

Einen anderen Weg hat der 23-jährige Ali eingeschlagen, der in der gleichen Jugendhilfeeinrichtung lebte wie Esmail. Der gebürtige Afghane, der im Iran aufwuchs, erklärt, dass er als Sechsjähriger für Schweißarbeiten eingesetzt wurde und seine Augen mangels Arbeitssicherheit erhebliche Schäden erlitten. Außerdem habe er eine chronische Durchblutungsstörung im rechten Bein, weshalb ihm der Arzt riet, sich einen Bürojob zu suchen. Nach einem erfolgreichen Deutschtest fing er als ungelernte Kraft bei einem Händler gebrauchter Elektrogeräte an. Ali war gut am PC. Nach kurzer Zeit organisierte er die Abwicklung des gesamten Verkaufsprozesses. Doch das Rumsitzen machte ihn unleidig. „Ich machte, was der Arzt wollte, nicht was ich wollte“, fasste er zusammen. Deshalb absolvierte er eine selbstfinanzierte Ausbildung zum Security-Mitarbeiter und arbeitete über eine Sicherheitsfirma zwei Jahre als Pförtner bei Tricor. Dort wurde er zwar nicht so ausgebeutet wie im vorherigen Job, aber die fehlende Bewegung machte ihm wieder zu schaffen.

Ali hat in Deutschland inzwischen seine zweite Heimat gefunden.

Dann hatte er die Vision, Masseur zu werden. Freunde und Bekannte, die er zuvor gelegentlich massierte, hatten ihm schon oft gesagt, er sei der geborene Masseur. Also spazierte Ali eines Tages ganz unbedarft in den Wellness-Bereich der Therme in Bad Wörishofen und bat darum, ein Praktikum machen zu dürfen. Schon nach kurzer Zeit entdeckte man sein Talent. Als er auch bei Chef und Chefin Hand anlegte, sagten beide, er habe goldene Hände. Folglich lernte Ali beim Juniorchef, der Physiotherapeut ist, das Handwerk und arbeitet seither als Wellness-Masseur.

Insbesondere Frauen seien anfangs skeptisch gewesen, doch das habe sich längst gelegt. Ali erzähltevon einer älteren Dame, die völlig verspannt den Raum betrat und ihn nach der Massage wie eine junge Geiß wieder verließ. Sein Ziel ist es, eine Ausbildung zum medizinischen Masseur zu machen und bald den Führerschein. Auf die Frage, was er kommenden Flüchtlingen sagen möchte, antwortet er: „Sei dankbar und sei ein guter Mensch!“.

Melanie Springer-Restle

Quelle: Kurier

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