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Viel Beifall für Premiere des restaurierten Stummfilms „Die Kneippkur“

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Von: Melanie Springer-Restle

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Initiator Michael Scharpf freute sich über die erfolgreiche Premiere des restaurierten Stummfilms „Die Kneippkur“, der musikalisch vom Harald-Rüschenbaum-Trio inszeniert wurde.
Initiator Michael Scharpf freute sich über die erfolgreiche Premiere des restaurierten Stummfilms „Die Kneippkur“, der musikalisch vom Harald-Rüschenbaum-Trio inszeniert wurde. © Springer-Restle

Bad Wörishofen – Endlich war es so weit: Am vergangenen Mittwoch konnte der Erste Vorsitzende des Bad Wörishofer Verschönerungsvereins, Michael Scharpf, die finale Version seines jüngsten Herzensprojekts vorstellen: die Premiere des restaurierten Stummfilms „Die Kneippkur“ aus 1923 in musikalischer Begleitung des Harald-Rüschenbaum-Trios aus Marktoberdorf. Das Publikum hielt mit seiner Begeisterung nicht hinterm Berg.

Nach einer langen, kulturellen Durststrecke schien der Anblick fast befremdlich: Zahlreiche Menschen aller Altersklassen pilgerten Richtung Kurhaus, wo die Veranstaltung stattfand. Insgesamt 400 Personen waren zur Premiere gekommen, darunter auch zahlreiche Ehrengäste wie Landrat Alex Eder und diverse Sponsoren, die die erfolgreiche Restauration finanziell maßgeblich unterstützt hatten. „Ohne Sie wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen“, bedankte sich Scharpf zum Schluss der Veranstaltung. Doch zurück zum Anfang: Bevor der 50-minütige Film abgespielt wurde, gab Scharpf, der die Veranstaltung als Initiator auch moderierte, den Zuschauern einen Einblick in die Hintergründe zur Entstehung des Films.

Seinerzeit hatte der Kneipp-Bund das Bewerben der Kneippschen Lehre durch das neue Medium Film forciert. Kurioserweise, so erklärte Scharpf den Zuschauern, gab es die Filmproduktionsfirma nur etwa zwei Jahre. Er mutmaßte, dass dies auch an der Qualität der Dreharbeiten gelegen haben könnte, denn der Film weist an manchen Stellen eher laienhafte Züge auf. So gab es Szenen mit suboptimaler Kameraeinstellung, bei der der Protagonist durch eine andere Person verdeckt wurde. Auf diese kleinen Fehler wies Scharpf die Zuschauer vor Filmbeginn hin und sensibilisierte das Publikum auch anderweitig, sodass während der Aufführung beim Publikum ein Wiedererkennungseffekt eintrat und sie das Gesehene mit dem entsprechenden Hintergrundwissen nochmal intensiver wahrnehmen konnten.

Schleichwerbung inklusive

In einer der Szenen bestellte der Kurgast beispielsweise eine Tasse Bohnenkaffee, den ihm die Bedienung allerdings ausredete und stattdessen einen Malzkaffee empfahl, der viel gesünder sei. Als letzterer serviert wurde, war der Außenbereich des Cafés gut besucht. Bei einer Nahaufnahme allerdings waren sämtliche Gäste verschwunden, der Protagonist hielt die Tasse plötzlich in der linken Hand und der Name der Kaffeefirma „Kathreiners“ war deutlich auf der Tasse zu sehen. Als die besagte Szene dann zu sehen war, lachte das Publikum beherzt, genau wie bei allen anderen Szenen, auf die sie Scharpf vorbereitet hatte.

Während des Films durften die Gäste den Protagonisten, einen überstrapazierten Arbeitnehmer auf seiner vom Arzt verordneten Kneipp-Kur begleiten. Heute würde man sagen, der Mann stand kurz vor dem Burnout. Gerade, als er sich eine Spritze mit Morphium setzten wollte, kam seine Angetraute herein und erkannte seine Not. Die Lösung: Eine Kneippkur in Bad Wörishofen. In der Kneippstadt angekommen, lernte er die Kneippschen Anwendungen kennen – von diversen Güssen, über Wickel bis hin zu den Wasserbädern war alles dabei. Auch andere Schauspieler waren beim Vorstellen der Anwendungen zu sehen. Was das Publikum am meisten amüsierte, war der unzimperliche Umgang der Klosterschwestern mit jüngeren Patienten. Die wurden kurzerhand mal wie ein Stück Holz im Bett aufgerichtet und unsanft in Decken eingewickelt. So manches Kind musste ferner aufpassen, nicht von dem überdimensionalen Kreuz erschlagen zu werden, das fröhlich um den Hals einer Ordensschwester baumelte.

Für jede Szene das passende Musikstück

Das Harald-Rüschenbaum-Trio aus Marktoberdorf verstand es, jede einzelne Szene musikalisch passgenau zu begleiten. Auch Liebhaber alter, deutscher Volkslieder kamen auf ihre Kosten. So spielte das Trio beispielsweise „Ich bin der Doktor Eisenbart“, als Doktor Baumgartner seinen Patienten im Film in Augenschein nahm. Beim kollektiven Wassertreten erklang plötzlich der Zwiefache „Leut, leut, leutl müassts lustig sei“. Bei der Szene, als der Protagonist die Methode namens „Volldampf“ kennenlernte und von Kopf bis Fuß in Decken eingewickelt über einem heißen Bottich saß, erklang der bekannte Jazzklassiker „Caravan“ von Duke Ellington. Normalerweise dauert es nicht lange, bis der Otto-Normal-Verbraucher nach einer Kur wieder in alte Muster verfällt. Doch hier weit gefehlt! Nach der erfolgreichen Behandlung des Patienten, folgten Szenen, in denen der Protagonist die Kneippkur auch zu Hause anwendete. Es kommt noch besser: Der Protagonist wurde in seinem Bekanntenkreis zum Kneipp-Missionar und gab die erlernten Methoden begeistert weiter.

Auch der Werdegang des Wasserdoktors selbst war Thema im Film. In einer Szene sah man, wie der junge Kneipp nach einem anstrengenden Arbeitstag noch über den Büchern hing, um den Übertritt aufs Gymnasium zu schaffen. Dabei wurde er von seinen Schwestern ausgelacht, die lieber Wolle spannen. Passend zu dieser Szene spielte das Harald-Rüschenbaum-Trio das alte Volkslied „Spinn‘, Mägdlein, spinn!“.

Luftaufnahmen vom Kurpark wurden mit dem Stück „Durch die Wälder, durch die Auen“ aus der Oper „Der Freischütz“ begleitet. Das Harald-Rüschenbaum-Trio hat nicht nur für jede Szene ein passendes Stück gefunden und adaptiert, sondern den Eindruck vermittelt, Herr über jede Sekunde des Films zu sein. Ein älterer Herr aus dem Publikum sagte nach der Vorstellung zu seiner Frau: „Sogar den Platscher ins Wasser vom Sprungturm haben die auf den Punkt musikalisch umgesetzt.“

Großartige Resonanz

Die Resonanz auf das Gesamtwerk war auch im Publikum deutlich zu spüren. Manche Gäste wippten bei flotteren Melodien mit und es gab viele kollektive Lacher. Eine Dame, die gerade zur Kur in Wörishofen ist, sagte im Anschluss zu Scharpf, wie froh sie sei, diese Veranstaltung besucht zu haben. „Was hätte ich bloß versäumt!“, fügte sie hinzu. Auch Bad Wörishofens Erster Bürgermeister, Stefan Welzel, war begeistert von dem Gesamtprojekt und lobte die heitere Vermittlung der Kneippschen Lehre. „Wir sind im Alltag gar nicht so weit von dem Protagonisten entfernt und sollten die Botschaft mit nach Hause nehmen: Kneipp kann man leicht zu Hause machen, denn im Prinzip hat sich nicht viel geändert“, so Welzel.

Harald Rüschenbaum Trio, Stefan Welzel, Michael Scharpf, Stefan Hebel
Die musikalische Begleitung übernahm das Harald-Rüschenbaum-Trio bestehend aus (rechtes Bild) Bassist Uli Fiedler (1. v. links), Schlagzeuger Harald Rüschenbaum (2. v. links) und Pianist Daniel Mark Eberhard (4. v. links). Auch Stefan Hebel vom Süddeutchen Fotomuseum (3. v. links) und Bürgermeister Stefan Welzel (5. v. links) gratulierten Michael Scharpf (rechts) zu der gelungenen Premiere. © Springer-Restle

Scharpf erhielt, so teilte er unserer Redaktion mit, noch am selben Abend sowie am nächsten Morgen viele Nachrichten mit Glückwünschen und Danksagungen. Unter anderem diese: „Ich möchte Ihnen gratulieren zu der Film-Premiere gestern Abend im Kursaal. Ihre Ein- und Hinführung, die charmant treffsichere Live-Musik und das Erleben des Films in den vielen Facetten seiner Botschaft – einfach ein sehr gelungenes Projekt. Chapeau! Danke dafür!“ Dann darf man sich freuen auf künftige Projekte, die ­Scharpf mit seinem Verschönerungsverein noch auf die Beine stellen wird.

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