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»Lockdown durch die Hintertüre«: Bergbahnen kritisieren verschärfte Corona-Regeln

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Söllereckbahn
Die Bergbahnen im Oberallgäu – hier die neue Söllereckbahn – sind nicht zufrieden mit den aktuellen Regeln zum Infektionsschutz. Der Skisport werde erneut ausgebremst. © Oberstdorf · Kleinwalserttal Bergbahnen

Oberallgäu – Einen Lockdown durch die Hintertür befürchtet die Seilbahn-Branche angesichts der 2Gplus Maßnahme und fordert 2G Regeln für den Skisport.

„Die Verabschiedung der 15. Infektionsschutzmaßnahmenverordnung am 23. November 2021 drängt die bayerischen Seilbahnunternehmen an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds!“, heißt es in der jüngsten Pressemitteilung des Verbandes Deutscher Seilbahnen VDS. Hintergrund ist die Anordnung der 2Gplus-Regelung für Seilbahnen.

Die personellen Voraussetzungen und der logistische Aufwand einer Testung der Gäste sei für die Unternehmen, von denen viele kleinere Familienbetriebe sind, nicht zu stemmen. Außerdem stünden die Testkapazitäten gar nicht zur Verfügung. „Ein wirtschaftlicher Betrieb ist damit nicht mehr möglich”, bringt es der VDS auf den Punkt.

Aktuell gilt 2Gplus in Seilbahnen

„Bei uns herrscht völliges Unverständnis“, so Matthias Stauch, der Präsident des Verband Deutscher Seilbahnen VDS, „warum für den Sport im Freien strengere Regeln gelten sollen als für den Aufenthalt in Innenräumen.“

Das kann auch Jörn Homburg, Marketing-Chef der Oberstdorf · Kleinwalsertal Bergbahnen, nicht nachvollziehen. Homburg hofft wie seine Seilbahn-Kollegen im bayerischen Alpenraum auf eine andere, praxistaugliche Lösung. „Vielleicht erreichen wir ja noch was...”

Ansteckungsrisiko gering

Eine Studie des Schweizer Forschungsinstituts EMPA/ETH belege, dass das Infektionsrisiko bei einer Seilbahnfahrt aufgrund des häufigen Luftaustauschs und der kurzen Fahrdauer um ein Vielfaches geringer ist als bei anderen Verkehrsmitteln oder einem Büroaufenthalt, betont der Bergbahnen-Verband in einer Stellungnahme.

Und bei den Oberstdorf-Kleinwalsertal Berbahnen heißt es auf der Homepage: „Wir verfügen am Fellhorn, Walmendingerhorn und Nebelhorn Gipfel über Großraumkabinen. Am Ifen, Söllereck, Kanzelwand haben wir kleine Kabinen und am Heuberg und Zaferna gibt es Sesselbahnen.” Laut der Studie ist das Risiko, sich während einer 12-minütigen Fahrt in einer Gondel mit offenen Fenstern anzustecken, 100 mal kleiner als bei einem achtstündigen Arbeitstag in einem wenig belüfteten Zweierbüro und sogar tausendmal kleiner als bei einem Abendessen mit acht Personen auf 30 Quadratmetern, die sich bei geschlossenen Fenstern laut un­terhalten, betonen die Oberstdorfer Bergbahnen.

Bergbahnen fordern 2G

„Unsere Gondeln verfügen über eine Belüftung sowohl am Dach als auch an den Fenstern. Die Studie besagt, je besser die Durchlüftung, desto weniger Aerosole befinden sich in der Luft – also sinkt auch das Risiko einer Infektion. Zum Vergleich: Im ÖPNV und in Büros wird die Luft lediglich 7 bis 14 mal pro Stunde ausgewechselt, bei einer Gondel mit Raum für rund 80 Personen immerhin 42 mal Stunde. Bei kleineren Gondeln sind es sogar 138 mal bis 180 mal pro Stunde!” argumentieren die Bergbahnen weiter.

Während die Gastronomie mit 2G-Regeln arbeite, bremse man die Bergbahnbetriebe mit der 2Gplus regelrecht aus, beklagt Jörn Homburg und hofft auf eine baldige Rückstufung. „Konzertsäle mit Freilufteinrichtungen wie Lifte und Bergbahnen zu vergleichen, geht an der Realität vorbei.” Die Schweiz habe in der vergangenen Saison hinreichend bewiesen, dass es ohne 2Gplus durchaus einen sicheren Betrieb geben könne. Bereits für die Saison 2020 / 2021 habe man ein spezielles Konzept entwickelt, das allerdings durch den Lockdown und das Betriebsverbot nicht zum Tragen kam.

In Österreich recht 2G in Gondeln

„Das ist ein Lockdown durch die Hintertür“, so Peter Lorenz (Stellvertretender Vorstand des VDS). „Aus unserer Sicht sind diese Maßnahmen absolut unverhältnismäßig. Wir fordern von der Politik, Skibetrieb unter 2G-Bedingungen zu ermöglichen und uns damit den österreichischen Nachbarn gleichzustellen. Sonst wäre das wirtschaftlicher und ökologischer Unsinn.“

Entscheidend bei der Pandemiebekämpfung sei an erster Stelle die Impfquote, hier sollten Anreize geschaffen werden und eine 2G-Regelung für den Wintersport/auf den Pisten könnte ein starker Anreiz sein, meint der VDS. „Wintersport kann als Motivations-Booster für die Impfung genutzt werden“, ist Matthias Stauch überzeugt. „Eine 2Gplus-Regelung bestraft dagegen alle Geimpften.“

Häppchenweise Lockdown

Ein bedrohlicher Schatten des absoluten Super-Gaus, nämlich eine Absage der Wintersaison durch einen Lockdown, zeichnet sich nach Sicht der Seilbahnbranche bereits ab: In einigen Landkreisen (mit einer Inzidenz > 1 000) wurde in Bayern bereits jetzt wieder ein Lockdown bis 15. Dezember verfügt und es sei nicht auszuschließen, dass es danach trotz gegenteiliger Aussagen der Politik so weitergehen könnte. Die Erfahrungen der vergangenen Saisonen hätten in einer schmerzhaften Hängepartie gezeigt, dass hier nicht mit Verlässlichkeit zu rechnen sei, beklagt der Verband weiter. „Hier wurde der Branche mit häppchenweisen Lockdowns schließlich fast die komplette Wintersaison gestrichen.”

Die Folgen eines solchen Szenarios wären massiv und für die gesamte Tourismusbranche nicht abzuschätzen. Wo keine Wintersportler sind, würden beispielsweise auch Gastronomie und Hotellerie extrem leiden, gibt man beim VDS zu bedenken.

Einschränkungen fördert „wildes Skifahren“

Große Sorge bereitet den Unternehmen auch die Aussicht auf einen erneuten „wilden Zulauf“ in den Skigebieten, wie er vergangene Saison zu beobachten war. Trotz geschlossener Infrastruktur und Pisten wurden viele Regionen regelrecht überrannt, ohne Rücksicht auf den Infektions- oder auch den Naturschutz. Hier ist die Lenkungsfunktion und der kontrollierte Ablauf durch geöffnete Seilbahnen und Schlepplifte unbedingt nötig.

Der Präsident des Verbandes Deutscher Seilbahnen kritisiert, dass im Sommer der Wahlkampf offenbar wichtiger gewesen sei als die Pandemie: „Wir müssen erneut die Versäumnisse der Politik ausbaden und als Bauernopfer herhalten,“ so Matthias Stauch.

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