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Krimi in kurioser Welt

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Nicola Förg mit Pferd
Tiere sind ehrlich, weiß Krimiautorin Nicola Förg. © Florian Deventer

Die Emotionen schlagen hohe Wellen in Irmi Mangolds neuem Fall. Ihre Ermittlungen führen sie zwischen die Fronten von Freizeit-Wassersportlern und Berufsfischern, von Anwohnern und Ausflüglern, von Naturschützern und Erholung Suchenden. Eine Frau wird auf ihrem SUP-Board mitten im Starnberger See gefunden – ermordet mit einem Fünfzack. Die Tote war vielen in der Region als übergriffige Frau bekannt, die als Locationscoutin für einen Filmdreh die schönsten Orte suchte. Hat sie ihre Nase in anrüchige Dinge gesteckt? Irmi Mangold muss all ihre Intuition aufbieten, um zu erspüren, welche stillen Wasser Abgründe verbergen.

Nicola Förg ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie hat unter anderem 23 Kriminalromane verfasst. Die gebürtige Oberallgäuerin lebt auf einem Hof in Prem am Lech. Für ihr Engagement rund um Tier- und Umweltschutz wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt ist ihr Roman „Hintertristerweiher“ im Piper Verlag erschienen. Der Kreisbote sprach mit der Erfolgsautorin.

Diesmal hat es Irmi an den Starnberger See verschlagen und das Thema Overtourism lässt Sie irgendwie nicht los?

Nicola Förg: Neben den Bergen, wo teilweise Wege bereits „entschildert“ werden, wo Regionen Outdoor Plattformen bitten, Touren herauszunehmen, weil der Ansturm für die Natur und die Wildtiere nicht mehr kompensierbar ist, sind natürlich gerade die Oberbayerischen Seen echte Hotspots. Und der Starnberger See hat eine Sonderstellung. Der See des Kini und von Sissy, die Sommerfrische der Jahrhundertwende-Intellektuellen. Und heute heillos überrannt: Wassersportgeräte aller Art werden eingesetzt. SUPs sind in der Tat das größte Problem, weil die Verwender überall – auch in geschützten Schilfzonen – die Boards einsetzen. SUP-Piloten latschen dennoch durch und zerstören die Nester. Merken das teils gar nicht, dass sie aktiv bei der Ausrottung einer Art dabei sind.« Sie stören Brutvögel und zerstören Lebensräume - und haben keine Ahnung von Schifffahrtsregeln oder den Bedürfnissen der heimischen Fischer. Da ist viel Konfliktpotential, da sind Motive, da mordet es sich trefflich…

Von einem Fünfzack durchbohrt

Nicht verwunderlich, dass die Tote auf einem SUP stirbt?

Förg: Ja, ziemlich unschön allerdings. Sie wurde von einem Fünfzack durchbohrt, ein historisches Gerät, das man früher zur Wallerjagd verwendet hat.

Hat der ungeheure Druck auf die Region vor den Alpen auch etwas mit Corona zu tun?

Förg: Das Buch spielt um Pfingsten 2021. Es wäre unseriös gewesen, die Pandemie auszublenden, auch wenn wir das Thema alle nur allzu gerne ignorieren würden. Natürlich hat es die Arbeit der Kommissarinnen auch erschwert, natürlich ist der Freizeitdruck noch größer geworden und die Konsumgewohnheiten der Menschen haben sich verändert. Termindruck, Ausbeutung, lange Abwesenheiten von daheim. Alles wird bestellt, alles muss reisen. Erst die Daten, dann die Waren. Die Welt überholt sich selbst. Ja, der Internethandel boomt. Mangelnde Lagerhaltung, alles just in time zu liefern, hat neue Opfer der globalen Welt geschaffen: LKW Fahrer – und ein rumänischer LKW Fahrer spielt im Krimi eine große Rolle…

Sie haben noch etwas aus der „schönen neuen Welt“ ins Spiel gebracht, nämlich Cannabis, CBD Tropfen?

Förg: Ja, das ist seit einigen Jahren ein Hype. CBD ist die Abkürzung von Cannabidiol, einem nicht-psychotropen Cannabinoid, dem man entkrampfende, entzündungshemmende und angstlösende Wirkung nachsagt. Es darf maximal einen THC-Gehalt von 0,2 Prozent haben, es ist also kein Cannabis. Der Markt ist unübersichtlich, es gibt sehr viele Hersteller und Anbieter. Viele Shops im Ausland. Der Konsument kann schwerlich die Seriosität feststellen. Er weiß nicht, wie extrahiert wurde und da gibt es große Unterschiede. Er kann nicht überprüfen, ob der angegebene Prozentgehalt auf dem Fläschchen stimmt. Und in Deutschland ist umstritten, als was man das Produkt zulassen kann. Da bewegt sich vieles in einer Grauzone. Und man kann sich vorstellen, dass da Manipulation und kriminellen Machenschaften Tür und Tor geöffnet sind.

Ein bewaffneter Aufstand

Irmi steht auch wieder an einem privaten Wendepunkt?

Förg: Ihr Bruder lebt mit Gattin Szofia am Hof, Irmi sieht sie wenig. Als aber ihre Lieblings-
kuh Irmi Zwo stirbt, fährt sie nach Hause. Ein Seelenort, der ja eigentlich nicht mehr ihr Zuhause ist. Und da eröffnet ihr Bernhard schier Unglaubliches. „Mir täten eventuell nach Ungarn gehen“, sagte Bernhard. Die Rebellion in Irmis Magen entwickelte sich zu einem bewaffneten Aufstand. „Du willst nach Ungarn? Du?“ Ja, Bernhard erwägt den Hof von Szofias Familie zu übernehmen und bietet ihr das elterliche Anwesen an. Nun haben Irmi und Fridtjof Hase ja selbst einen Hof gesucht, aber eben nur sehr halbherzig. Und nun kommt so ein Angebot?

Fünf Bücher, die sie auf eine einsame Insel nehmen?

Förg: Ginge auch eine Berghütte? Oder wenn, dann eine Insel in Skandinavien? Aber gut: Ursula Bruhns „Dick und Dalli und die Ponies“. Geschichten von Herbert Rosendorfer, meine liebste ist „Die Übersiedlung nach München“, jenes wunderbar beschriebene Chaos in der Jenesien-Seilbahn. Midas Dekkers „Von Larven und Puppen“. Paul Bowles „Himmel über der Wüste“. John Irvings „Hotel New Hampshire“.

Gibt es ein Buch, das Sie geprägt hat?

Förg: Ich kann das so pauschal gar nicht sagen! Bücher prägten bei mir verschiedene Lebensabschnitte: Die „Britta“-Serie von Lisbeth Pahnke als Kind, ich wollte unbedingt nach Schweden auswandern, dort erschien mir alles besser zu sein. Paul Celans Gedichte zwischen 18 und 25, wo man ja leicht erschütterlich ist, auch Hölderlin passt dazu. Bei mir folgte dann eine lange „Inspector Jury“-Phase und Martha Grimes prägte sicher meinen Weg zur Krimiautorin.

Sommer oder Winter?

Förg: Ganz klar Winter! Alles über 25 Grad ist Körperverletzung! Winter ist Klarheit, Schnee deckt alles zu – Gerümpel, Rost… Schneeflächen verbinden, was getrennt war. Ich mag diese kurzen Tage, sie sind weniger laut und fordernd als Sommertage.

Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?

Förg: Sonnenaufgang, der Tag ist noch jungfräulich und neu. Die Energie ist frisch – natürlich nur nach dem Cappuccino.

Haben Sie als Kind etwas gesammelt?

Förg: Pferdebücher. Pferdebücher und auch Pferdebücher.

Haben Sie ein Vorbild?

Förg: Nein, weil das blockiert und lähmt. Weil man nie in die Fußstapfen passt! Aber ich bewundere mutige kluge Menschen wie Astrid Lindgren. Schwedens Tierschutzgesetze haben viel mit ihren flammenden Reden und Schriften zu tun. Sie stand immer für die Schwachen ein, weil die Menschheit doch unter einem Konstruktionsfehler leidet. War immer politisch, niemals feige.

Was machen Sie, um gute Laune zu bekommen?

Förg: Ich bin Sarkastin, manchmal Melancholikerin und gnadenlos pragmatisch: Und die Pragmatik sagt mir, dass das Leben zu kurz ist für schlechten Wein und schlechte Laune. Drum gehe ich raus: Sehe Eichhörnchen zu, die auf eine Katze herunterschimpfen. Sehe Pferden zu, die sich auf der Koppel wälzen. Freue mich über die Ziegenböcke auf ihrem Ausguck und die Hunde, die wie bekloppt buddeln. Tiere machen gute Laune. Tiere sind klar und ehrlich und die beste Medizin, um nicht wahnsinnig zu werden in dieser kuriosen Welt.

Wir Krimiautoren verschleiern Verbrechen

Was war das Kriminellste, was Sie jemals gemacht haben?

Förg: Diese Frage verbietet sich natürlich. Zumal bei einer Krimiautorin! Wir Krimiautoren verschleiern Verbrechen, und auch wenn es in meinen Büchern eine Aufklärung gibt, darf man ja immer noch an das perfkt Verbrechen glauben. Das eben perfekt ist, weil es nicht auffiel.

Nicola Förg: Hohe Wogen (Alpen-Krimi, Piper Verlag, 320 Seiten, Klappenbroschur; Preis: 16 Euro. 

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