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Karin H. mit ihrer jüngsten Tochter Lilly (3)

Schweinegrippe-Skandal: Kranke zwischen Kindern und Schwangeren

Eitting - Eine H1N1-Infizierte wartet mitten unter Schwangeren und Kindern: Karin H. hat die Schweinegrippe durchgemacht und eine Tortur hinter sich – bei der mit den Ärzten viel schlecht lief.

Noch immer fehlt Karin H. (40) aus Eitting (Lkr. Erding) die Stimme, sie ist hörbar krank. „Ach, das ist schon viel besser geworden“, sagt sie. Das sei nichts gegen die letzten Tage. Die Frau hat die Schweinegrippe durchgemacht. Von wegen harmlos! Karin H. hat eine Tortur hinter sich – bei der mit den Ärzten viel schlecht lief …

Vergangenen Mittwoch ging es los. Karin H. spürt schlagartig Kopf- und Gliederschmerzen, dazu Fieber bis 38,5 Grad in der Nacht, starken Husten. Da ahnt sie noch nichts von H1N1. Am nächsten Tag schleppt sie sich zur Arbeit in die Praxis. Sie ist als Arzthelferin bei einer Gynäkologin beschäftigt. Ausgerechnet da: Schwangere zählen zu den Menschen mit dem höchsten Komplikationsrisiko! „Man versucht halt immer, irgendwie zur Arbeit zu gehen“, sagt Karin H. Ihre Chefin, die Frauenärztin, schickt sie aber sofort zum Hausarzt.

Der tippt auf eine banale Grippe, macht keinen Test. Er schreibt sie zwei Tage krank und schickt sie mit Paracetamol gegen das Fieber nach Hause. Ihre Temperatur sinkt indes nicht, bleibt bei 38,5 Grad Cel­sius. „Das klingt nach wenig“, sagt Karin H., „aber ich war völlig fertig.“

Ihre Tochter Lilly (3) hatte es noch schlimmer erwischt. Die Kleine war zwei, drei Wochen zuvor krank, hatte die gleichen Symp­tome, sogar bis 40 Grad Fieber. Der Kinderarzt war drauf und dran, sie in die Klinik einzuweisen, nach ein paar Tagen war sie aber über den Berg. Karin H. vermutet heute: Das war die Schweinegrippe, und sie selbst hat sich bei ihrer Tochter angesteckt. Die Kinder trifft es eben immer zuerst. Freitag versagt Karin H. die Stimme komplett. Sie muss dringend zum Zahnarzt – wegen eines entzündeten Nervs mit wahnsinnigen Schmerzen. Sie berichtet von ihrer Erkrankung und ihrem Verdacht auf Schweinegrippe. Arzt und Personal schützen sich.

Beim nächsten Arzt ist man weniger vorsichtig: Am Wochenende steigt das Fieber – samt Nackenschmerzen. „Ich hatte Angst vor einer Hirnhautentzündung“, erzählt die Arzthelferin. Nach einer schrecklichen Nacht mit Hustenkrämpfen und kaltem Schweiß schleppt sie sich am Sonntag zur Bereitschaftspraxis im Erdinger Kreiskrankenhaus. Hier schiebt eine Hausärztin mit eigenem Personal Notdienst. Die Kranke schildert ihre Symptome – Fieber, Husten, Schmerzen. Karin H. benutzt das Wort „Schweinegrippe“, versichert sie. Trotzdem soll sie ins ganz normale Wartezimmer.

Dort warten: mehrere Erwachsene, vier bis fünf Kinder, darunter ein Säugling, der Rest zwischen etwa zwei und sechs Jahren, und eine werdende Mutter. Kinder, Schwangere, Kranke – die Hochrisikogruppen. Karin H. muss über eine Stunde warten, sie hält das für „sehr, sehr unverantwortlich“. Zumal sich die Ärztin später zu „99 Prozent“ sicher ist: Schweinegrippe. Die Medizinerin will mit der tz nicht über den Fall sprechen.

Das Erdinger Gesundheitsamt will dem Fall nachgehen und mit der Ärztin den Ablauf und eine Verbesserung der Organisation besprechen, erklärt Christina Centner vom Landrats­amt der tz. Schließlich sollen infektiöse Patienten isoliert werden. Karin H. geht fast nicht mehr raus, eine Nachbarin stellt ihr volle Einkaufstüten vor die Tür.

Die Ärztin schickt Karin H. wieder zum Hausarzt, auch der lehnt am Montag einen Test ab, überweist sie sofort ins Krankenhaus – jetzt auch noch mit einem Verdacht auf Lungenentzündung, der sich aber nicht bestätigt. Die Aufnahme lehnt sie wegen ihrer Tochter ab.

Das Fieber fällt. Am Dienstag erfährt die Kranke vom Gesundheitsamt, dass sie wegen des dringenden Verdachts als Schweine-grippe-Kranke geführt wird. „Ich hatte noch nie so eine Grippe – wie vom Panzer überrollt“, sagt Karin H. Die Impfung wäre ihr lieber gewesen.

David Costanzo

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