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Im Rollstuhl im Gerichtssaal: Sebastian S. verlor durch eine Sepsis seinen Unterschenkel. Nun verklagt er einen Urologen. Hinten sein Anwalt Stephan Rössler.

Schmerzensgeldprozess nach Amputationen

Mann schwerbehindert: Klage gegen Urologen

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Rosenheim - Die Krankengeschichte begann mit Schmerzen im Bauch. Dann fiel ein Rosenheimer ins Koma, Penis und Unterschenkel mussten amputiert werden. Nun verklagt er einen Arzt auf 767 000 Euro Entschädigung.

Der Vorsitzende Richter Thomas Steiner brachte es gleich auf den Punkt: „Das ist eine unglaubliche Leidensgeschichte, die Sie hinter sich haben.“ Eine, die „relativ unscheinbar angefangen und sich dann ganz schrecklich ausgewachsen“ habe. Erst spürte Sebastian S. (34) aus Rosenheim Schmerzen in Bauch und Unterleib. Einige Tage später bekam er einen septischen Schock, sein Penis und der linke Unterschenkel mussten amputiert werden. Er ist heute ein Pflegefall und zu 100 Prozent erwerbsunfähig. Die Schuld dafür sieht er bei einem Urologen, der ihn falsch behandelt habe. S. fordert Schadenersatz und Schmerzensgeld in Höhe von 767 000 Euro.

Sebastian S. sitzt im Rollstuhl im Gerichtssaal E.37 des Oberlandesgerichts München (OLG), begleitet von Anwalt und Mutter. Am linken Unterschenkel trägt er eine Prothese. Sein Gesicht ist bleich. Je länger er seine Geschichte erzählt, umso bleicher wird es. Die Geschichte begann am 3. April 2009. Sebastian S. war ein gesunder junger Mann. Er arbeitete als Lagerist, führte eine glückliche Beziehung und war Vater einer kleinen Tochter geworden. Doch dann bekam er Seitenschmerzen, die über Brust und Bauch nach rechts unten zogen. Der Beginn eines Martyriums.

Sebastian S. ging zu seinem Hausarzt, der ihm Schmerzmittel und Entzündungshemmer gab. Als er am 8. April mit erheblichen Schmerzen am Bauch nahe des Genitalbereichs erneut zum Hausarzt kam, schickte ihn dieser zu einem Rosenheimer Urologen. Dieser untersuchte den Patienten klinisch, machte einen Ultraschall und untersuchte auch den Urin. Anschließend verordnete er ihm ein Antibiotikum und sagte, dass er in den Urlaub fahren könne. In der folgenden Nacht ging es S. allerdings immer schlechter. In der Früh des 9. April 2009 rief er beim Urologen an und wollte noch einmal untersucht werden. „Der Arzt sagte, er könne ihn jetzt nicht untersuchen“, sagt Anwalt Stephan Rössler. Schlimmer noch. Er habe gesagt: „Bevor ihm der Penis abfällt, soll er halt ins Krankenhaus fahren.“ S. sei „am Rande des Wahnsinns“ gewesen“. Alle Freunde und Verwandten, denen er das geschwollene Genital gezeigt habe, hätten gesagt, dass es „nicht normal“ und „auffällig“ aussehe.

Sebastian S. ging zu einem anderen Urologen in Rosenheim. Dieser stellte die Diagnose Priapismus (schmerzhafte Dauererektion des Penis ohne sexuelle Erregung) und wies ihn sofort ins Krankenhaus Rosenheim ein. In der Folge entwickelte sich eine schwere Sepsis (Blutvergiftung). S. fiel ins Koma, bekam eine Lungenentzündung, eine Gerinnungsstörung und Nierenversagen. Gewebe im Penis und im Unterschenkel starben ab, so dass amputiert werden musste. S. wurde ins Universitätsklinikum Regensburg verlegt und ins künstliche Koma versetzt. Seitdem ist nichts mehr, wie es war: S. hat täglich Schmerzen, kann nicht mehr arbeiten, seine Beziehung ging an der Last zu Bruch, er musste zurück zu seinen Eltern ziehen.

Das Landgericht Traunstein hat die Klage des 34-Jährigen in erster Instanz abgewiesen. Eine Sachverständige erkannte keinen Behandlungsfehler. S. versteht das nicht. „Diese Folgen hätten vermieden werden können“, sagt er. Der beklagte Arzt dagegen gibt an, dass S. keinen kranken Eindruck gemacht habe. „Es war ein schicksalshafter Verlauf“, sagt sein Anwalt Philip Schelling. Das Gericht wird sich nun beraten.

Nina Gut

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