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Knochenjob: Zwei Steinmetze bauen in Berchtesgaden Salz ab – das passiert hier schon seit 500 Jahren. Deshalb wird heuer gefeiert: Das Programm gibt es unter www.salzbergwerk.de.

Jubiläum im Salzbergwerk

500 Jahre auf der Suche nach dem weißen Gold

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Berchtesgaden - Das „weiße Gold“ liegt tief im Berg. In Berchtesgaden wird seit 500 Jahren unter Tage gearbeitet. Auf einer Runde durch das Salzbergwerk.

Berchtesgaden – Links abbiegen, durch zwei Türen, rechts abbiegen, eine Treppe nach oben: Pfeifend und zügigen Schrittes läuft Michael Köppl durch die unterirdischen Gänge im Salzbergwerk Berchtesgaden, die er wie seine Westentasche kennt. Doch er ist nicht im bekannten Besucherbergwerk unterwegs, sondern eine Etage tiefer: in den Grubengängen. Denn in Berchtesgaden wird auch heute noch Salz abgebaut. In einer Zeit, in der Bergbau wie ein Relikt aus längst vergessenen Tagen erscheint. Die Zeiten, in denen Männer verschwitzt und verdreckt in Schächten unter Tage fahren, um Rohstoffe aus dem Gestein zu schlagen, sind längst noch nicht vorbei.

In Berchtesgaden ist genau das Normalzustand. Michael Köppl, 38, ist dort im Tal aufgewachsen. Er ist groß und muskulös, der Händedruck kräftig – ein richtiger Bergmann eben. Inzwischen ist er ein sogenannter Steiger im Salzbergwerk, das heißt, er ist verantwortlich dafür, dass der Abbau reibungslos abläuft. Auch heute dreht er seine Runde, um unter Tage nach dem Rechten zu sehen.

Eintritt in eine neue Welt: Die Gruben des Salzbergwerks

Wer am Bergwerk die Tür zu den Stollen öffnet, betritt eine neue Welt – oder eine alte. Durch Gänge, die zum Teil weniger als zwei Meter breit sind, geht es voran. Links, rechts und oben Fels, unten Lehm und Schienen für die Grubenwägen. Immer tiefer in die Berchtesgadener Alpen hinein – 2,5 Kilometer maximal. Die Grubengänge sind verwinkelt. Zwei Mal nach rechts, 100 Meter geradeaus, eine Treppe nach unten. Ab und an kommt einem ein Lichtkegel entgegen. Es sind Arbeiter mit ihren Lampen. Ein „Servus“ hier, ein „Habe die Ehre“ da. Wie viele Kilometer Köppl am Tag unter der Erde zurücklegt? „Genug“, sagt er. Zwischen sieben und acht, schätzt er.

Jetzt schaut er erst mal bei den beiden Steinmetzen vorbei. Sie bauen Steinsalz ab, aus dem später Lecksalz und Futterzusatz hergestellt wird; für die Tiere der Landwirte in der Umgebung. Köppl fragt, was er immer fragt: „Braucht’s ihr was?“ Heute haben die beiden tatsächlich eine Bitte an ihren Steiger: Sie benötigen eine neue Flex. „Gern, wenn ma da Beda was vo saner Pris’ abgibt“, antwortet Köppl lachend, und Kumpel Peter gibt ihm etwas von seinem Schnupftabak. Dann notiert sich der Steiger den Wunsch nach dem Werkzeug in ein kleines Notizbuch. Man ist per du hier unten, die Stimmung ist gut. Mehr als ein kleiner Plausch ist aber nicht drin.

Seit zwölf Jahren arbeitet Michael Köppl im Salzbergwerk

Schaut nach dem Rechten: Michael Köppl, 38 Jahre alt, Berufsbezeichnung Steiger.

Denn schon geht es weiter: Treppe rauf, links, durch die Tür und mit dem Aufzug zwei Etagen nach unten. Wer die Gänge nicht genau kennt, ist nach spätestens zehn Minuten vollkommen orientierungslos. Die fünf Ebenen, auf denen gearbeitet wird, machen die Verwirrung komplett. Ohne ortskundigen Führer ist man aufgeschmissen. Köppl aber weiß genau, wo er lang muss. Seit über zehn Jahren ist er hier praktisch zuhause. 2005 heuerte der damals 26-Jährige als gelernter Heizungsbauer und Spengler im heimischen Salzbergwerk an. „Alle Bergarbeiter haben einen handwerklichen Ausbildungsberuf gelernt“, sagt er. „Es gibt Schlosser, Heizungsbauer, Steinmetze, Zimmermänner, Automechaniker.“ Das fachspezifische Wissen zum Bergbau lernen die Arbeiter dann in den Gruben. Sie werden sogenannte Hauer. Nach acht Jahren als Hauer folgte für Köppl die technische Weiterbildung in Clausthal in Niedersachsen. 2015 kehrte er in seine Heimat zurück – und ist seither Steiger.

Den halben Tag lang sehen er und seine 32 Kollegen kein natürliches Licht. Von 6 bis 14 Uhr dauert die normale Schicht. Die späte Brigade ist von 13 bis 21 Uhr unter Tage. Ein halbes Leben in den Tiefen des Berges. Und dabei haben sich die Arbeitsbedingungen im Vergleich zu früher bereits deutlich verbessert. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts blieben die Bergmänner teils zehn Stunden täglich unter Tage. Die Arbeitsgeräte wandelten sich über die Jahrhunderte von einfachen Handwerkzeugen hin zu hochmodernen Maschinen. Sechs Zentimeter weit kamen Hauer früher beim Graben der Gänge am Tag. Heute schaffen Geräte 100 Mal mehr.

Salzabbau: Ein langwieriger Prozess

Gewaltige Maschinen haben die Kumpel heutzutage zur Verfügung. Früher war mehr Handarbeit nötig.

Bis das Salz aus dem Berg entnommen werden kann, ist dennoch ein – im wahrsten Sinne des Wortes – steiniger Weg zu gehen. Etwa 1,5 Jahre dauern die vorbereitenden Arbeiten, bis mit dem Abbau an einem neuen Salzvorkommen begonnen werden kann. 30 Jahre wird dieses dann ausgeschöpft. Das Verfahren ist zumeist der „nasse Abbau“, bei dem das Salz mithilfe von Wasser aus dem Stein gelöst und als sogenannte Sole in kilometerlangen Rohren nach Bad Reichenhall abgepumpt wird – vereinfacht zusammengefasst. Dort wird das Produkt verarbeitet, bis es am Ende zum Beispiel als Speisesalz fein abgepackt in den Supermarkt-Regalen steht.

Sicherheit für Bergmänner und Besucher

Früher war’s gefährlicher: In sicherer Entfernung warten drei Bergarbeiter eine Sprengung ab.

Über die Jahrhunderte ist die Arbeit im Bergwerk deutlich sicherer geworden, sagt Köppl. Früher starben im Jahr etliche Bergleute, etwa durch Einstürze oder Explosionen. In den zwölf Jahren, die Michael Köppl bereits in Berchtesgaden arbeitet, hat sich noch kein gravierender Vorfall ereignet. „Natürlich kommt es ab und zu mal zu einem Arbeitsunfall, zum Beispiel wenn sich jemand schneidet“, sagt er. „Aber das sind alles Unfälle, die draußen genauso passieren können.“ Der Berg wird regelmäßig auf seine Standfestigkeit geprüft und auch der TÜV schaut ein Mal im Jahr in Berchtesgaden vorbei.

Es geht nicht nur um die Sicherheit der 33 Bergarbeiter. Rund 360 000 Menschen besuchen jährlich das Schaubergwerk. Die Attraktionen unter Tage sind professionell ausgebaut – mit Lichtspielen und Lasertechnologie. An guten Tagen, also eher bei schlechtem Wetter, strömen bis zu 4000 Menschen in den Besucherabschnitt – während nur 20 Meter tiefer 30 Bergmänner fast unbemerkt noch heute schwer schuften; in einem altmodisch anmutenden und doch hochmodernen Umfeld. Längst kann der Abbau mit Computern überprüft werden. Ein Glasfasernetz verbindet das kilometerlange Schachtsystem.

Seit 500 Jahren wird das „weiße Gold“ in Berchtesgaden abgebaut

In diesem Jahr feiert das Bergwerk ein besonderes Jubiläum mit etlichen Attraktionen. Los geht es am Samstag, 29. April, mit einem Festkonzert, an Pfingsten wird es ein großes Bergfest geben. Seit einem halben Jahrtausend wird in Berchtesgaden Salz abgebaut – ohne Unterbrechung. 1517 eröffnete Reichsprälat Gregor Rainer den Petersbergstollen und gründete damit das Salzbergwerk. Abbau und Handel mit dem „weißen Gold“ prägten die Fürstpropstei Berchtesgaden über Jahrhunderte. Kühlgeräte gab es noch nicht, die Menschen brauchten das kostbare Salz, um Lebensmittel haltbar zu machen. Der Bergbau wurde zur wirtschaftlichen Lebensversicherung für die Region.

Das Salzbergwerk in Berchtesgaden: vorne Verwaltungs-, hinten der Besucherbereich und der Zugang zum Berg.

Der Rundgang endet - der Salzabbau nicht

Ein Ende des Salzabbaus ist auch nach 500 Jahren nicht in Sicht. Die Salzreserven in den Berchtesgadener Alpen sind gigantisch. In grauer Vorzeit war an dieser Stelle ein Meer. Mit der Zeit verdunstete das Wasser, übrig blieb das Salz. „Hier wird nicht so bald Schluss sein“, sagt Michael Köppl und nimmt auf seiner Runde die vorletzte Abzweigung – die in Richtung Ausgang.

Nachwuchsprobleme hat das Salzbergwerk auch keine. Es ist ein lukrativer Arbeitgeber in der Talsohle. „Weil man im Berg nicht vom Wetter und von der Saison abhängig ist“, meint Michael Köppl. „Auf dem Bau muss man zum Beispiel mit Regen, Schnee oder großer Hitze klarkommen. Das gibt es da unten quasi nicht“, sagt er. Dann biegt er rechts ab, öffnet die letzte Tür – und tritt hinaus ins Sonnenlicht.

Michael Grözinger

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