Selbstversuch: Schießerei als Feierabendspaß

Für manche ist es ein harmloser Spaß, für andere ein menschenverachtendes Kriegsspiel. An „Paintball“ scheiden sich die Geister. Nachdem das geplante Verbot vom Tisch ist, wird in Garching (Kreis München) geballert. Wir waren dabei – und machten eine schmerzhafte Erfahrung.

Ich rüste mich auf. Über eine Theke reichen sie mir das Druckluftgewehr, Profis nennen es „Markierer“, dazu Schutzmaske und 500 Schuss Munition: Gelatinekugeln, gefüllt mit Lebensmittelfarbe. Ein Overall soll meine Kleidung schützen. 45 Euro kostet das Einsteigerpaket, dafür kann ich ballern, so lange ich will. Auf Wunsch gibt es noch einen Brustpanzer. Den tragen eigentlich nur Frauen, sagt die junge Dame hinter der Ausleihtheke. Als sie verspricht, mich nicht zu verraten, greife ich trotzdem zu. Sicher ist sicher.

Bilder: Schießerei als Feierabendspaß

Paintball: Schießerei als Feierabendspaß

Ich stehe in einer Halle in Garching und lege die Kampf-Montur an. Langsam schlägt meine lockere Stimmung in Anspannung um. Was ich hier gleich ausprobieren werde, wollte die Große Koalition nach dem Amoklauf von Winnenden noch verbieten: Paintball – jenen Sport, bei dem man sich gegenseitig mit kleinen Farbkugeln beschießt. „Blinder Aktionismus“, kritisierten die einen den Vorstoß. „Überfällig“, lobten andere. Das Hobby von 20 000 Deutschen stand am Pranger, der Protest fiel heftig aus. Am Ende verschwand der Plan in der Schublade. Juristisch schwer zu begründen, hieß es.

Von Jura verstehe ich nichts, aber eines ist mir klar: Brutal sehen sie aus, die Paintballer. Ich jetzt auch. Die Ausrüstung soll mir blaue Flecken ersparen, ein paar werde ich mir heute trotzdem holen. Man kann üble Verletzungen im Gesicht erleiden – ein Auge verlieren – doch die Maske schützt mich, haben sie mir gesagt. Naja.

Ich lade, dann entsichere ich die Waffe. Schwer und massig liegt sie in meinen Händen. Gefährlich fühlt sie sich an. Wie etwas, das man eigentlich nicht auf einen Menschen richten will. Bis zu 30 Kugeln pro Sekunde kann man aus dem Lauf jagen, habe ich gelesen. Theoretisch. Doch so schnell ist mein Zeigefinger am Abzug nicht. Ich atme durch, dann geht sie los, die Hatz auf die „Gegner“.

Wer sind das eigentlich, meine Gegner? Pascal Kloster (29) hat sie mir aufgezählt: „Anwälte, Kindergärtner, Ärzte, Lehrer“ – alle seien sie bei ihm im Verein. Kloster ist Rechtsanwalt, Wehrdienstverweigerer und, wie er sagt, Pazifist. Am 18. Juni hat er in Garching die neue Paintball-Halle eröffnet. Das war möglich, weil der Sport in geschlossener Gesellschaft noch immer erlaubt ist. Auf 1700 Quadratmetern können sich 50 Spieler gleichzeitig jagen. Binnen einer Woche habe sein „Münchner Verein für Paintball“ rund 200 Mitglieder gewonnen.

Tock. Der erste Treffer landet in meinem Gesicht. Farbe spritzt durch die Atemschlitze in meinen Mund. Sie schmeckt bitter. Später erfahre ich, dass es Farbmunition auch mit Vanille- oder Schokogeschmack gibt. Gerade so, als solle man es genießen, getroffen zu werden. Absurd. Bereits nach wenigen Sekunden bin ich „markiert“ und muss vom Feld.
Wenig später geht die Hatz von vorne los. Neben mir stehen neun weitere Spieler, wir bilden zwei Teams, fünf Paintballer an jeder Seite der Halle. Auf ein Signal hin rennen alle los, schießen wild um sich, hechten in Deckung. Ich suche Schutz hinter einem der weichen, gelben Plastikzylinder, die hier auf grünem Belag herumstehen. Beim zweiten Versuch „überlebe“ ich etwas länger. Das Atmen unter der Schutzmaske fällt mir schwer. Die Welt verschwimmt, der Alltag ist vergessen. Es gibt nur hier und jetzt.

„Zur Unterhaltung andere Menschen simuliert erschießen – das ist ein minderwertiger Sport“, findet CSU-Bundestagsabgeordneter Hans-Peter Uhl. Paintball setze die mentale Hemmschwelle herab, auf andere Menschen zu feuern. „Das Schlimme ist, dass den Spielern nicht wirklich bewusst ist, was sie da eigentlich tun.“

„Die Paintball-Gemeinde wird pauschal verurteilt“, ärgert sich hingegen der zweite Geschäftsführer der Garchinger Halle, Stefan Stadler (27). „Kein einziger Amokläufer war Paintball-Spieler. Das waren alles Einzelgänger, wir betreiben einen Team-Sport.“ Sein Partner Kloster fordert: „Bevor man ein Urteil fällt, soll man sich ein eigenes Bild machen. Jeder ab 18 Jahren ist herzlich eingeladen.“

Das bayerische Innenministerium will sich offiziell nicht äußern – inoffiziell lautet die Botschaft: „Das Thema interessiert uns nicht.“ Die Bayern-SPD schickt ihre Sportexpertin Diana Stachowitz vor. Sie findet Paintball „unproblematisch“. „Das sind ganz vernünftige Leute, die verstehen das als Spaß.

Spaß? Die Luftdruck-Gewehre rattern wie leise Maschinenpistolen. Kugeln fliegen links und rechts an mir vorbei. 200 Schuss Munition hat jeder Markierer – und die wollen verfeuert werden. Also tauche ich hinter der Deckung auf und – werde an der Schulter getroffen. Den Schmerz spüre ich kaum, dem Adrenalin sei Dank. Doch noch eine Woche später werden mich große Blutergüsse begleiten.
Kleidung beeinflusst Menschen, eine Waffe erst recht. In diesen 30 Minuten, in denen ich – wenn auch nur mit Farbkugeln – auf andere Jagd mache, spüre ich die Angst, selbst getroffen zu werden. Doch auch eine Art Rausch, sogar Lust. Irritiert stelle ich fest: Sie macht mir Spaß, diese Hatz.

Nachdem wir Masken und Gewehre abgelegt haben, werden aus den Jägern wieder ganz normale Burschen. Ich trinke einen Kaffee mit „Basti“, der mir den blauen Fleck an der Schulter verpasst hat. „Ich will nicht in einen Topf mit Amokläufern geworfen werden“, sagt der 26-Jährige.

Amoklauf? Da sind sie wieder, die Bedenken. Plötzlich wird mir bewusst, woran ich Spaß empfunden habe. Unheimlich ist mir das.

von Thomas Schmidt

Rubriklistenbild: © Oliver Bodmer

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