Sündhaftteure Heilslehren

Der seltsame Esoterik-Boom aus Rosenheim

Rosenheim - Teure Sinnsuche: Kürzlich feierte die „Kryonschule“ aus Rosenheim ihr esoterisches Festival. Wer wollte, konnte dort für viel Geld die Mutter Gottes treffen und lernen, wie man sich von Licht ernährt. Sektenexperten warnen längst vor dem boomenden Esoterik-Unternehmen.

„Ich bin Jesus Christus, Gottes Sohn“, sagt Sabine Wenig, „gemeinsam werden wir einen weiteren heiligen Gral entzünden.“ Die 51-Jährige sitzt auf einer Bühne inmitten von Plüschtieren vor einem schwarzen Vorhang in der Mehrzweckhalle eines großen Tagungshotels im Münchner Speckgürtel. Vorm Mund hält sie ein Mikro, in das sie gerade ein paar Mal hineingeschnauft hat. Ihre Augen: fest geschlossen. Vor ihr sitzen gut 2000 Menschen, ebenfalls mit geschlossenen Augen. Aus dem Regieraum werden Aufnahmen von Wenigs Gesicht auf zwei Leinwände projiziert. Dazu Meditationsmusik. „Dieser Heilige Gral befindet sich auf Hawaii, auf Maui in den Kristallstätten der Delphine“, erzählt Frau Wenig, ihre Stimme monoton. Es ist nicht die erste sonderbare Reise der Teilnehmer des „Kryonfestivals“.

Eine bunte Gruppe aus allen Ecken der Gesellschaft hat sich hier eingefunden. Meist Frauen, irgendwo zwischen 35 und 65. Dazwischen Kinder, Jugendliche, Studenten, Männer. Sabine Wenig ist eine Frau mit außergewöhnlichen Talenten – sagt sie selbst über sich. Sie hört als Medium die Stimmen geistiger „Wesenheiten“, mit Namen wie Kryon, Melek Metatron oder auch mal Jesus Christus zu sich sprechen. Das Gesagte teilt sie ihren Zuhörern in so genannten „Channelings“ mit. Sie nennt sich selbst dann nicht Frau Wenig, sondern „Sangitar“ – ein Name von dem sie glaubt, dass er ihr durch ihre kosmischen Eltern gegeben wurde.

Für40 Euro kann jeder bei der Rosenheimer „Kryonschule“ den eigenen „Ursprungsnamen“ erfragen. Sabine „Sangitar“ Wenig ist die Geschäftsführerin dieser esoterischen Schule. Neben den Festivals bietet diese Kurse an, die in 48 Schritten künftige, so genannte „Lichtarbeiter“ ausbilden. Die Welt, glauben die Anhänger, ist kurz davor, sich in eine höhere Sphäre zu verabschieden. Wer dorthin mit will, der muss sich beizeiten darauf vorbereiten – und zum Lichtarbeiter werden. Das Wissen darüber teilt ihnen die kosmische Wesenheit „Kryon vom magnetischen Dienst“ – ein Geistwesen, engelgleich und sehr mächtig – über verschiedene Medien mit. Eines dieser Medien will Frau Wenig sein.

Ist der Aufstieg erst einmal geschafft, herrscht bei allen die mitgemacht haben Friede, Harmonie und vor allem sehr viel Liebe. Im Online-Shop der „Kryonschule“ gibt es dazu Kurse und Materialien zu den „Berufen der neuen Zeit“. Zum Heiler wird man für knapp 1000 Euro. „Die hohe Kunst der Magie“ dagegen erlernt der oder die Erleuchtete bereits für 360 Euro.

Das sagen die Kritiker

Die Weltanschauungsbeauftragten der deutschen Kirchen beobachten die „Kryonschule“ seit einiger Zeit. Es häufen sich die Anfragen besorgter Angehöriger, die wissen wollen, warum sich Verwandte oder Freunde immer weiter aus ihren alten Beziehungen lösen und sich in die „Familie“ der Kryonanhänger zurückziehen. „Die meisten Teilnehmer eines solchen Festivals“, sagt Axel Seegers, Weltanschauungsbeauftragter der Erzdiözese München und Freising, „werden die Veranstaltungen der Kryonschule als ein Angebot unter vielen anderen sehen. Es ist oft wie ein Markt, auf dem man sich die passenden Angebote aus dem esoterischen Bereich heraussucht.“ Nur eine kleine Gruppe bleibe ausschließlich beim Angebot der Rosenheimer Geisterflüsterer hängen.

Ihn, genauso wie seine Kollegen von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, erstaunt vielmehr, dass selbst bestens ausgebildete Menschen, Lehrerinnen, Ingenieure und Ärztinnen anfällig für die eingeflüsterten Heilsleeren aus dem Kosmos sein können.

Auch dass die Bewegung ihren Sitz im sonst katholischen Chiemgau hat, wundert den Theologen Axel Seegers nicht: „Zwischen Inn und Salzach gibt es eine blühende Landschaft weltanschaulich höchst bunter Anbieter.“ Das Gebiet sei dafür offenbar fruchtbarster Boden. „Manche Ideologien sind so abgedreht, dass man sich fragt, wie das gut 200 Jahre nach der Aufklärung überhaupt möglich sein kann.“

Geht man durch das Foyer der Veranstaltungshalle, dann findet sich dort ein schrilles Sammelsurium esoterischer Devotionalien: grelle, türgroße Ölgemälde junger Frauen mit vollen Brüsten, Holzherzen „energetisiert mit Erlösungsenergie und Mitgefühl“, Verjüngungslotion für den Körper oder Einhornessenz.

An einem Stand findet sich das „Taba’tes-Set“. Artefakte und Anleitung für jeden, der sich künftig von kosmischer Strahlung ernähren möchte. Ein problematisches Unterfangen. 1997 kam ein Münchner Kindergärtner ums Leben, der während der Umstellung auf Lichtnahrung über eine Woche lang weder gegessen noch getrunken hatte.

Die Autorin des Buches „Taba’tes – Nahrung der neuen Zeit“ weist jedoch darauf hin, einen sanften Weg zur Lichtnahrung zu beschreiten. Einen Weg auf dem jederzeit getrunken werden darf – und nach einer kurzen Fastenzeit auch wieder gegessen. „Ich muss mich auf die Eigenverantwortung der Menschen verlassen“, sagt die Autorin. Und empfiehlt ihren Lichtnahrungsprozess als unbedenklich für Kinder und Säuglinge. Unglaublich.

Ihr gegenüber wirbt ein Stand für „Momanda“ – ein soziales Netzwerk für ganzheitliche denkende Menschen. Die Domain wurde eingetragen durch Bernhard Keller, der zusammen mit Sabine Wenig als Geschäftsführer der Sangitar Verlag GmbH im Handelsregister zu finden ist. Die GmbH ist die rechtliche Grundlage der Geschäfte mit der „Kryonschule“, ein eingetragener Markenname.

Der Rubel rollt!

Und die Geschäfte: Sie laufen gut. Die „Kryonschule“ residiert zentral am Rosenheimer Ludwigsplatz. Für das Jahr 2011 weist das Unternehmen bei einer Bilanzsumme von etwa 1,2 Millionen Euro einen Bilanzgewinn von 420 424,64 Euro aus. 2005 meldete das Unternehmen einen Bilanzgewinn von 17 547,31 Euro. Die Festivals, die derzeit zweimal im Jahr stattfinden, mussten wegen der steigenden Besucherzahlen aus der Rosenheimer Stadthalle nach München verlegt werden. Die „Kryonschule“ hat sogar eigene Internetseiten auf Englisch, Russisch und Spanisch registrieren lassen. Sogar eine rumänische Seite gibt es. Überall in Deutschland finden sich Anhänger, die teils mit deren Logo auf eigene Rechnung Kurse oder sonstige esoterische Dienstleistungen anbieten.

Die Bewegung hat ihren Ursprung in den USA Sie speist sich aus der Channeling-Bewegung der 1970er-Jahre. Eine Zeit, in der manche Menschen mit ganzen UFO-Besatzungen im regen Austausch standen. Ein Vorreiter ist der Geschäftsmann Lee Carroll, der als erster auch den Begriff der „Indigo Kinder“ prägte und damit Menschen mit besonderer spiritueller Begabung meinte. Vor einem halben Jahr ließ er sich in München auf dem Kryonfestival blicken.

Die Welt der Kryon-Anhänger ist vogelwild. Für den zweiten Tag ihres Festivals verspricht Sabine Wenig ihren Kunden für den nächsten Tag die Mutter Gottes. Die werde dann in ihren Körper fahren und dann durch die Reihen der Mehrzweckhalle wandeln, Hände schütteln und Hände auflegen: „Es gibt nichts stärkeres, höheres, energetischeres als die reine Liebe. Und diese Liebe trägt ein jeder Mensch in sich.“

„An Anasha“, sagt sie dann noch. „An Anasha“, mault der Saal zurück. Ein wenig klingt das bereits nach dem Amen in der Kirche.

Von Martin Both

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