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Sieht so ein Routine-Einsatz der Polizei aus? Dieses Foto machte Aloisia E. Ein Beamter löschte es, das Bild konnte aber wiederhergestellt werden.

Schechen-Polizeieinsatz mit Verletzten: Tränen vor Prozess

Rosenheim – Bei einem Routine-Einsatz der Polizei in Schechen im Landkreis Rosenheim werden unbescholtene Bürger verletzt, so dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Der Prozess begann am Freitag, wurde aber vertagt.

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen begann am Freitag der Prozess gegen einen pensionierten Polizisten und dessen Familie vor dem Amtsgericht Rosenheim. Gegen Prozessbeteiligte waren Morddrohungen ausgesprochen worden.

Bilder aus Rosenheim: Tränen vor dem Prozess

Schechen-Polizeieinsatz mit Verletzten: Tränen vor Prozess

Sieht so ein Routine-Einsatz der Polizei aus? Dieses Foto machte Aloisia E. Ein Beamter löschte es, das Bild konnte aber wiederhergestellt werden.

In dem Verfahren wird ein Polizeieinsatz vom November 2010 aufgerollt. Der Ex-Polizist Josef E. (67), seine Frau Aloisia E. (62), seine Tochter Sandra B. und sein Schwiegersohn Anton B. (beide 36) sind des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt. Die wichtigsten Fragen.

Was war der Grund für den Polizeieinsatz?

Am 15. November 2010 suchen fünf Beamte einen Russlanddeutschen. Er war in Raufereien verwickelt. Laut Meldeamt wohnt er in dem Wohnblock in Schechen (Gemeinde Pfaffenhofen, Kreis Rosenheim), der Aloisia und Josef E. gehört und in dem das Paar sowie die Tochter mit ihrer Familie wohnen.

Wie geraten die Beamten an Sandra B., die als erste überwältigt wird?

Weil sie den Namen des Gesuchten nicht auf dem Klingelschild finden, läuten zwei Polizisten in Zivil (drei Kollegen in Uniform warten zunächst draußen) bei Nachbarn – auch bei Sandra und Anton B. Die Mutter eines dreijährigen Buben öffnet und sagt, dass der Gesuchte vor kurzem ausgezogen sei – möglicherweise zum Bruder.

Gibt es für die Polizei Grund zur Annahme, dass Sandra B. den Gesuchten decken oder verstecken könnte?

Nein. Der Gesuchte wohnte im ersten Stock, B. im Parterre. Es gab keinen Kontakt. Josef E. hatte dem Mieter gekündigt, weil er nicht gezahlt hatte. Als das Gespräch mit Sandra B. schärfer wird, sieht ein Zivilbeamter den Ehemann in der Wohnung. Möglicherweise vermutet er, dies könnte der Gesuchte sein. Ein Polizist sagt zu seinem Kollegen, dass dies nicht der Russlanddeutsche sei.

Warum spitzt sich die Lage dann zu?

Darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen: Laut Polizei wirkt Sandra B. aufgebracht, sie zweifelt daran, dass die Männer Polizisten sind. Auch die Vorlage von Dienstausweisen beruhigen B. nicht, sie verweigert eine Identitätsfeststellung, wird aggressiv und gefesselt. Auch Anton B. schiebt einen Polizisten zurück, lässt sich aber schnell beruhigen. Die Version des Ehepaars klingt anders: Zwei aggressiv auftretende Männer, die sich nicht als Polizeibeamte zu erkennen geben, bedrängen die beiden, schreien Sandra B. an, zeigen nur widerwillig ihre Ausweise. Während B. ihre Papiere holt und drei Uniformierte hinzustoßen, kommt ihr Mann zur Tür. Er fragt, was los ist, wird an der Gurgel gepackt, in den Magen geboxt, in den Schwitzkasten genommen. Sandra B. will sich die Namen notieren, wird aber von vier Polizisten niedergerungen und gefesselt.

Warum werden auch die Eltern überwältigt?

Josef und Aloisia E. hören die Schreie und stoßen dazu – ebenso wie fünf weitere Polizisten. Laut Staatsanwaltschaft versucht der 67-Jährige, mit körperlicher Gewalt auf die Beamten einzuwirken. Josef E. schildert es so: Er fragt, was los ist und bekommt zur Antwort: „Sie haben hier nichts verloren.“ Obwohl er angibt, Hausbesitzer und Vater von Sandra B. zu sein, wird er in den Schwitzkasten genommen und bekommt ein Knie in den Hals gedrückt. Zwei Mal wird er ohnmächtig. Aloisia E. holt eine Kamera, drückt ab, wird ebenfalls niedergerungen, erleidet einen Nervenzusammenbruch. Ein Polizist löscht widerrechtlich – das ist unstrittig – die Bilder, die später wieder hergestellt werden können.

Gab es Verletzte?

Laut Polizeibericht erleidet Aloisia E. eine Panikattacke, weshalb ein Sanka angefordert wird. Ein Beamter wird am Arm verletzt. Von den Verletzungen der Familie, die im Klinikum diagnostiziert werden, steht nichts im Polizeibericht, der zwei Tage später an die Öffentlichkeit geht. Das Ehepaar E. wird stationär behandelt: Prellungen, Bauchtraumata, Schürfwunden und Stauchungen werden festgestellt. Bei Josef E. diagnostizieren die Ärzte eine „Schädelprellung mit Prellmarken Stirn und linker Wange“.

Wer sitzt ab Freitag auf der Anklagebank?

Die Ehepaare. Der Vorwurf: Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Das Verfahren wegen Körperverletzung im Amt gegen die Polizisten hat die Staatsanwaltschaft vorläufig eingestellt. Die Erklärungen der Beamten, wie es zur Eskalation kam, seien „nicht lückenhaft und wirkten auch nicht abgesprochen“. Ob den Beamten doch noch Konsequenzen drohen oder sich ein Zivilverfahren um Schmerzensgeld anschließt, hängt vom Ausgang des Prozesses ab.

Ludwig Simeth

 

Prozess vertagt

Josef E. hatte vor dem Auftakt im Gerichtssaal Tränen vergossen und musste getröstet werden.

Schon nach einer halben Stunde wurde der Prozess unterbrochen. Das berichtet rosenheim24.de. Zunächst verlas die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift, die die Verteidigung mit einem formalen Antrag konterte. Darin wird gefordert, das Verfahren wegen "massiver Verfahrensfehler" einzustellen.

Daraufhin ist der Prozess vorübergehend unterbrochen worden. Später hat die Staatsanwaltschaft die Vertagung des Prozesses beantragt.

Letztlich gab das Gericht auch dem Antrag der Staatsanwaltschaft statt und damit wurde der Prozess vertagt. Wann es genau weitergeht, ist momentan noch unklar.

Mehr zu dem Prozess lesen Sie hier bei unserem Partnerportal vor Ort rosenheim24.de.

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