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Das Seniorenheim, in dem der Horror-Pfleger gearbeitet hat. Im Januar, als die Missstände bekannt wurden, lag Schnee in Augsburg.

Senioren brutal gequält: Horror-Pfleger vor Gericht

Augsburg - Ex-Kollegen sagen, er ist ein Sadist: Jahrelang soll ein Altenpfleger in einem Heim in Augsburg hilflose Senioren gequält haben, sogar eine Vergewaltigung wird ihm vorgeworfen. Jetzt wird dem 54-Jährigen der Prozess gemacht.

Irgendwann war der Mut größer als die Angst: Jahrelang ließen sich die Pflegekräfte im Seniorenheim des Bayerischen Roten Kreuzes in Augsburg-Haunstetten von ihrem Kollegen Ali L. einschüchtern und unter Druck setzen. Dann gingen sie an die Öffentlichkeit – und deckten so einen schockierenden Pflegeskandal auf.

Im Jahr 2000 hatte der Altenpfleger in dem BRK-Heim in Augsburg angefangen zu arbeiten, er wurde im Wohnbereich 2 eingesetzt. Das ist ein beschützter Bereich, dort leben rund 30 hochgradig demente Senioren. Diese Hilflosigkeit nutzte Ali L. offenbar aus. Der Tunesier, der seit Mitte Februar in Untersuchungshaft sitzt, steht ab Dienstag vor der dritten Kammer des Landgerichts Augsburg, weil er alte Menschen brutal misshandelt haben soll.

Was ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, ist erschütternd. Der 1,80-Meter-Mann soll einer Bewohnerin so heftige Schläge ins Gesicht verpasst haben, dass sie blaue Flecken davontrug. Einen Senioren habe er so fest am Handgelenk gepackt und durch die Station geschleift, dass seine dünne Haut aufriss. Einige Bewohner habe der 54-Jährige so grob angepackt, dass sie weinten, vor Schmerz wimmerten. Eine Frau soll er vor dem Zu-Bett-Gehen ausgezogen haben. Dann habe er seine Hand so heftig auf ihr Gesäß geschlagen, dass später rote Striemen deutlich zu sehen waren. Ein weiterer Vorwurf: Als er eine Bewohnerin füttern sollte, öffnete er ihren Mund gewaltsam und ignorierte die verzweifelten Beschwerden der Frau – vielmehr gab er ihr deutlich zu verstehen, dass ihm ihr Leiden egal sei. Eine demente Patientin, von der die Altenpfleger auf der Station und auch Ali L. wussten, dass sie sich oft lautstark weigerte zu essen, wenn sie dazu auf einen Stuhl geschnallt wurde, habe er Nahrung in den Mund gestopft, während sie schrie. Damit sie auch schluckte, hielt er ihr die Nase zu. Er soll Gegenstände nach den Senioren geworfen haben, Watschn verteilt haben, alten Menschen willkürlich aufs Gesäß geschlagen haben. Ali L. schien keinen Hehl aus seiner Gewalttätigkeit zu machen – sogar vor den Augen anderer Pfleger misshandelte er nach Aussagen von Ex-Kollegen seine Schutzbefohlenen.

Die Pflegekräfte und auch -schüler wollten irgendwann nicht mehr zusehen. Sie beschwerten sich mehrfach bei der Heimleitung über Ali L. Doch der schwergewichtige Mann hatte einen guten Kontakt zu seiner Chefin – anstatt ihn zu feuern, beförderte die Heimleiterin den Tunesier sogar noch: Er wurde Hygienebeauftragter und Betreuer der Schüler. In ihrer Ohnmacht verbündeten sich einige Pfleger und baten im Januar 2011 anonym, aus Angst vor dem dominanten Kollegen, den Münchner Pflegekritiker Claus Fussek um Hilfe. Dieser informierte BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk, die Sache kam endlich ins Rollen. Als Stärk von den Vorkommnissen erfuhr, zeigte er sich schockiert. „Ich konnte mir eine solche Brutalität durch einen Rot-Kreuz-Mitarbeiter einfach nicht vorstellen“, sagte er wenig später in einem Interview mit unserer Zeitung. Die Heimleiterin, die den brutalen Mitarbeiter gedeckt hatte, wurde gefeuert, die Kriminalpolizei nahm die Ermittlungen auf, die gesetzlichen Vertreter zweier Opfer zeigten Ali L. an. Der Horror-Pfleger landete in Untersuchungshaft.

So erschütternd die Anklagepunkte sind, die morgen in Augsburg verlesen werden – eine besonders schwerwiegende Anschuldigung wird wohl nicht Thema sein. Eine Pflegekraft hatte berichtet, dass Ali L. eine Seniorin sexuell misshandelt habe. Eine Nachtschwester habe in seinem Spind ein pornografisches Heft gefunden, das sexuelle Handlungen zwischen jungen Männern und alten Frauen zeigte. Doch die Anklage wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch von widerstandsunfähigen Personen in einem besonders schweren Fall musste nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz „nach der Begutachtung der Zeugin“ fallen gelassen werden. Nach Informationen unserer Zeitung konnte sich diese nicht mehr erinnern, wann genau der Übergriff stattfand.

Vor Gericht werden einige Pflegekräfte gegen ihren Ex-Kollegen aussagen: „Das ist ein Sadist in höchstem Maße“, sagte eine Zeugin unserer Zeitung im Vorfeld. Laut Nemetz droht Ali L. eine Freiheitsstrafe, sollte er für schuldig befunden werden. Ein Berufsverbot sei aber nicht automatisch mit einem Urteil verbunden.

Carina Lechner

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