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Feldgottesdienst, wahrscheinlich in Sisonne/Frankreich 1916. Eingesandt von Klaus Weise (Fürstenfeldbruck).

Serie zum I. WK

Bayerns katholische Armee

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München - Kein Krieg ohne geistlichen Beistand: An der Seite der Frontsoldaten rückten auch Militärgeistliche ins Feld. Ihr Wirken ist umstritten.

Es war eine katholische Armee: 70 Prozent der 1,43 Millionen bayerischen Soldaten waren katholischen Glaubens. Wenigstens nominell. Der Anteil der wirklich Gläubigen ist schwer zu taxieren, doch wird er vor allem auf dem Land traditionell hoch einzuschätzen sein. Der Krieg führte zu einer generellen Sinnkrise der Katholiken, deren Suche nach geistlichem Beistand sich in jenen Augusttagen verstärkte, wie auch Pfarrer Wurfbaum aus Bruck bei Grafing (Kreis Ebersberg) am Sonntag, 2. August, sogleich bemerkte: Er notierte in sein Tagebuch:

„Um halb 7 Uhr gehe ich in den Beichtstuhl, wo bereits eine ziemliche Anzahl von Personen anwesend ist; darunter vier, welche fortmüssen. Beim Amte möchte ich die Ansprache halten. Innerliche Erregung, die auch bei den Anwesenden zu bemerken war und sehr rasch in lautes Schluchzen überging, hinderten mich zu sprechen.“

Dass die Gläubigen innerlich aufgewühlt waren, bemerkten viele Geistliche. Mancher sprach von einer „Sacktüchleinpredigt“, die da abgehalten worden sei – „die Männer weinten, die Weiber schluchzten.“ Bei der Austeilung der Kommunion gab es einen regelrechten Ansturm, vor allem von denjenigen, die einberufen worden waren. Allerdings sei die „größere Sakramentsfrequenz bereits im Verlauf des ersten Kriegsjahres“ wieder abgeflaut, schreibt der Historiker Benjamin Ziemann. „Eine allgemeine Erschütterung der Frömmigkeit zeichnete sich jedoch erst seit 1916, teilweise seit 1917 ab.“ Auch dann gab es tief empfundene Religiosität, wie sie nicht zuletzt bei der Trauer um gefallene Soldaten zu finden war. Beispiele findet man auf den Sterbebildern jener Tage, zum Beispiel auf demjenigen für Franz Mund, einem Studenten der Theologie aus München, der am 1. Juni 1918 bei Romigny/Frankreich infolge eines Schusses in den Hals gefallen war. Die Hinterbliebenen suchten Trost in tief empfundener Religiosität. Der Vermerk „300 Tage Ablaß“ auf dem Sterbebild Munds spricht Bände – 300 Tage fromme Werke, etwa innige Gebete, sollte derjenige verrichten, dem Munds Seelenheil wichtig war.

Schwieriger als an der Heimatfront war der geistliche Beistand an den tatsächlichen Fronten zu leisten. Die katholische Kirche schickte so genannte Feldgeistliche an die Front, ihre Zahl schwankte zwischen 170 und 189. Im Schnitt war ein Feldgeistlicher für 1600 Soldaten zuständig. Weit höher war der Anteil katholischer Pfarrer in der österreichisch-ungarischen Armee, schreibt Patrick J. Houliham von der University of Chicago. Gottesdienste gab es bei schweren Kämpfen eher sporadisch. Im Schnitt sollte einer pro Monat stattfinden. Mancher Soldat war misstrauisch: Wenn der Divisionspfarrer vor die Soldaten trat, „war das das sicherste Zeichen, daß es nun wieder einmal für das Regiment ernst werde“, schrieb Pfarrer Wurfbaum.

Eine andere Frage ist, inwieweit die Pfarrer die Soldaten zum „Durchhalten“ animierten. Die Wirkkraft ihrer Predigten ist schwer einzuschätzen. Soweit es im den Krieg selbst ging, so wurde er als religiöse Prüfung oder Strafgericht Gottes interpretiert. Das entsprach offiziellen Vorgaben, wie sie die deutschen Bischöfe in ihren Hirtenbriefen verlautbarten. Schon der erste Hirtenbrief der bayerischen Bischöfe vom 5. August atmete nationales Pathos. Es sei die „heilige Pflicht“ der Soldaten, „Blut und Leben“ einzusetzen für den „geliebten König und unsere teuere Heimat“.

Prominentester Fürsprecher war der Bischof von Speyer, Michael von Faulhaber, der 1917 nach München wechselte und im Nebenamt stellvertretender Feldpropst (Militärbischof) der Bayerischen Armee war. Seine Tätigkeit wird derzeit anhand seiner schwer entzifferbaren, weil in der Gabelsberger-Kurzschrift verfassten Tagebücher neu untersucht, aber man tut Faulhaber nicht Unrecht, wenn man ihn als Traditionalisten einstufte, der den Krieg rechtfertigte. Die katholischen Bischöfe generell, so stellt die Historikerin Ria Blaicher kritisch fest, „haben sich in ihren Verlautbarungen, mit denen sie sich an die Gläubigen wandten, nie kritisch mit den politischen Situation auseinandergesetzt.“ Sie hätten „nicht nach Schuld oder Mitschuld der Deutschen gefragt“. Und „sie haben nie den Kaiser aufgefordert, den Frieden zu suchen“.

Dirk Walter

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