Hippo ist tot

Servus, Superbulle!

Grub – Keiner hat mehr Söhne und Töchter: Hippo, der weltbekannte Bulle aus Bayern, brachte es auf sagenhafte 200.000 Nachkommen. Jetzt ist er tot.

Hans Holzer, Herr über Bayerns Rindernachwuchs, ist kein Romantiker. Für ihn zählen die knallharten Fakten der Vererbungslehre: DNA, Gen-Material, Spermien-Qualität. Aber mit dem Hippo damals, sagt er, das war wie Liebe auf den ersten Blick. Hippo, das war ein Prachtkerl von einem Zuchtstier, wie ihn Holzer so schnell nicht wieder finden wird. Der potenteste Fleckviehbulle im Freistaat musste jetzt eingeschläfert werden – kurz vor seinem 15. Geburtstag.

Es war irgendwann im Herbst 1997, da wurde der junge Bulle, Sohn der weltbekannten Mutterkuh Morelli, aufgewachsen auf einem Hof in Niederbayern, mit Holzer bekannt gemacht. Das blüht allen vielverspechenden Jungbullen. Denn Holzer ist Chef der Abteilung Rinderzucht bei der Bayern-Genetik GmbH, die hieß früher mal „Prüf- und Besamungsstation“ und hat ihren Sitz in Grub bei Poing (Kreis Ebersberg). Besonders auffällig war der junge Bulle nicht, weder wunderschön noch außerordentlich groß. Aber Holzer ist keiner, der einen Meterstab braucht, um einen Super-Bullen zu erkennen: „Ich arbeite mit Gfui“, sagt der 40-Jährige. Der Hippo hatte das gewisse Etwas. Holzer beschloss, das Rindvieh zu kaufen – und seine Vaterqualitäten zu testen. Am Ende sollte es Hippo auf sagenhafte 200 000 Nachkommen bringen.

Schnell stellte sich damals heraus, dass das Erb-Material von Hippo unschlagbar war. Seine Töchter erfüllten alles, was Experten wie Holzer von einer „Doppelnutzungsrasse“ erwarten: Sie geben viel Milch und ihr Fleisch ist hochwertig. Hippo gab seinem Nachwuchs auch ein ordentliches Fundament mit, das heißt, der Knochenbau war besonders stabil. Weil der Zuchtbulle ein besonderes Pigment vererbte, brachte er es zu Weltruhm: Die kleinen Hippos halten es in der Sonne gut aus – jetzt gibt es sie auf allen Kontinenten, sogar in Afrika.

Hippo war ein Ausnahmebulle, ein Charakterkopf. Vital, hart, selbstbewusst in jeder Beziehung, so wird er in einer Mitteilung der Bayern-Genetik beschrieben. Nur ausgewählte Pfleger durften ihn in seiner fünf mal fünf Meter großen Box umsorgen – andere hätte er mit seinen 1400 Kilogramm gnadenlos an der Wand zerquetscht. Täglich verpassten sie ihm eine Bürstenmassage, einmal in der Woche duschten sie ihn mit dem Dampfstrahler ab – selbstverständlich nur so stark, wie Hippo das leiden konnte, und bei angenehmen 30 Grad. Zuchtexperte Holzer schaute fast jeden Tag bei Hippo, dem Bullen mit der gepflegten Streitkultur, vorbei: „Manchmal hat er mich gemocht, manchmal nicht.“ So war er, der Hippo.

Vor zwei Jahren trat er den Ruhestand an, fortan durfte er jeden Tag ins Freie. Er mochte das, lag gerne im Gras herum. Letzte Woche aber, da rutschte der schon etwas altersschwache Zuchtstar aus. Beckenbruch. Er erholte sich nicht mehr, musste eingeschläfert werden. „Das war richtig traurig“, sagt Holzer. Aber in Grub wollten sie Hippo nicht leiden lassen.

Für seine Unsterblichkeit hat Hippo gesorgt, seine Gene sollen sogar an der Uni untersucht werden. Mit einer Kuh höchstpersönlich allerdings hatte es Hippo, der Super-Bulle, sein ganzes Leben nicht zu tun.

Carina Lechner

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