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Schüler und Lehrer des Ignatz-Günther-Gymnasiums hören Shlomo Graber (am Pult) gebannt zu, als er von Auschwitz berichtet.

Shlomo Graber (90) berichtet

Der KZ-Überlebende, der nicht hassen kann

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Shlomo Graber (90), Holocaust-Überlebender, erzählt über das Grauen, das Überleben und seine Botschaft für die Zukunft. Der vielleicht letzte öffentliche Auftritt eines Zeitzeugen.

Rosenheim – Shlomo Graber lächelt zufrieden, als sein Blick durch die mit rund 1000 Schülern überfüllte Aula des Rosenheimer Ignatz-Günther-Gymnasiums schweift. „Es ist mir so wichtig, dass ihr nicht nur aus den Medien erfahrt, was der Holocaust bedeutet“, sagt der bald 91-Jährige, der vier Konzentrationslager überlebte und jetzt ein letztes Mal nach Deutschland gekommen ist, um jungen Menschen persönlich von seinen Erlebnissen in Auschwitz und auf dem Todesmarsch nach Gleiwitz zu erzählen.

Max Mannheimer ist tot, Marcel Reich-Ranicki ist tot – es gibt nur noch sehr wenige Juden, die das Grauen des Nationalsozialismus überlebten und heute noch fit genug sind, sich die Strapazen solcher öffentlichen Vorträge anzutun. Umso wichtiger ist dieser Auftritt – und umso bewegender seine zentrale Botschaft: Die einzige richtige Antwort auf die grausamen Verbrechen des Nationalsozialismus ist Liebe.

Als am 8. Mai 1945 die Sowjetarmee die letzten 500 Überlebenden von Grabers Todesmarsch befreite und der fast Verhungerte endlich wieder zu essen bekam, traf er eine zerlumpte Deutsche – mit einem Kind auf dem Arm. Shlomo Graber gab dem hungernden Mädchen ein Stück Brot – worauf seine Mithäftlinge aus dem KZ sich empörten: „Wie kannst du nur einer Deutschen Essen geben?“ Grabers Antwort: „Wenn ich diesem Kind kein Brot gebe, bin ich nicht besser als Hitler!“

„Der Junge, der nicht hassen wollte“, heißt denn auch Grabers Jugendbuch – eine Botschaft, die die Rosenheimer Gymnasiasten sichtlich beeindruckt. In der Fragerunde fragt eine Schülerin: „Wie haben Sie es geschafft, nicht zu hassen? Ich glaube, ich könnte das nicht...“ Die Antwort des klugen alten Mannes: „Was habe ich denn davon, wenn ich hasse?“ Graber berichtet von sadistischen ukrainischen Wachmännern, brutalen deutschen Nazis – aber auch vom jüdischen Koch Gustav, der mit den Nazis gekungelt und ihn im KZ fast totgeschlagen habe. Diesen Gustav traf Graber später, als er nach Israel ausgewandert war, im Judenstaat wieder. „Ich zeigte ihn bei der Polizei an, aber die haben sich nicht dafür interessiert.“

Shlomo Graber (hinten) mit seinen Geschwistern. Keines der jüngeren Kinder hat überlebt.

Die Botschaft ist deutlich: Das Böse ist genau so wenig an eine Nationalität oder Religion gebunden wie die Menschlichkeit. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so ruhig und konzentriert hören die 14- bis 17-jährigen Gymnasiasten dem Holocaust-Überlebenden zu. Mit klarer Stimme und leichtem osteuropäischen Akzent berichtet Graber, wie er als 14-Jähriger mit seiner ganzen Familie deportiert wurde, wie er immer wieder durch glückliche Zufälle dem Tod von der Schippe sprang – und wie er an der berüchtigten Rampe von Auschwitz seinen fünf Jahre jüngeren Bruder zum letzten Mal sah, der sich an den Rock seiner Mutter klammerte. „Zum Glück war ich groß gewachsen – ich und mein Vater wurden zum Arbeitsdienst eingeteilt.“ Graber sollte seine Mutter und seine beiden Brüder Bernard und Izhak sowie seine kleine Schwester Lili nie wiedersehen – sie wurden ins Gas geschickt. Graber, der heute als Künstler in der Schweiz lebt, hatte Anfragen aus Berlin und Hamburg. Er entschied sich aber für Rosenheim, für diese vielleicht letzte öffentliche Begegnung mit den Nachfahren der Täter. Ein Schüler fragt, wie Graber es findet, dass heute noch Menschen den Holocaust leugnen. „Es gibt halt überall verschiedene Leute“, so der Humanist Graber, der fest daran glaubt, dass am Ende die Demokratie und die Vernunft stärker sind. „Das haben wir doch in Frankreich eben gesehen, wo die Tochter des Holocaust-Leugners Le Pen die Wahl klar verloren hat.“

Graber, dessen Vater Ungar ist, erzählt, dass er den ungarischen Antisemiten der Jobbik-Partei sogar angeboten habe, einen Vortrag in deren Parteizentrale zu halten. „Ich habe aber nie eine Antwort von denen bekommen.“

Nach eineinhalb Stunden Vortrag in der stickigen, heißen Schul-Aula wirkt der 90-Jährige noch immer erstaunlich fit, signiert Bücher und posiert für Selfies der Rosenheimer Schüler. „Ich bin sehr neidisch auf euch“, sagt er sichtlich bewegt zum Abschied zu den Schülern, die so alt sind wie er, als er im KZ schuften musste. „Ich habe keine Jugend gehabt.“

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