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Susanne Preusker ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie war Leiterin der sozialtherapeutischen Abteilung für Sexualstraftäter in dem Hochsicherheitsgefängnis JVA Straubing, bis sie eines Tages von einem Häftling gefangen gehalten und mehrfach vergewaltigt wurde.

Sieben qualvolle Stunden

Straubing - Susanne Preusker hat lange mit Tätern gearbeitet: als Psychotherapeutin in der JVA Straubing. Bis zu dem Tag, an dem sie selber zum Opfer wurde. Nun schrieb sie ein Buch: Über ihre Stunden als Opfer.

Susanne Preusker sitzt aufrecht im Gerichtssaal. Der Täter betritt den Raum, setzt sich, erblickt sie: Sein Opfer. Sie sieht ihn an. So lange, bis er wegsieht. Und damit beginnt die Verwandlung. Ihre Verwandlung vom Opfer zur Überlebenden.

Es war der 7. April 2009, an dem Susanne Preusker zum Opfer wurde. Zehn Tage vor ihrer Hochzeit. Sie war eingesperrt, mit einem Sexualstraftäter, sieben Stunden lang in ihrem Büro. Der Mann hat sie in dieser Zeit mit einem Messer bedroht, geknebelt und vergewaltigt, immer wieder. Er war ein Häftling der Justizvollzugsanstalt Straubing. Ein Schwerverbrecher, sein vorheriges Opfer starb bei den Vergewaltigungen, erstickte am Knebel. Susanne Preusker wusste das ganz genau. Denn sie war Psychotherapeutin und der Mann war vier Jahre lang ihr Patient.

„Sieben Stunden im April“ heißt das Buch, das Susanne Preusker nun geschrieben hat. Doch die sieben qualvollen Stunden in ihrem Büro nehmen nur sieben Seiten darin ein. Der Großteil des Buches handelt von deren Konsequenzen. Von dem Leben danach.

Susanne Preusker trennt ganz genau: Zwischen dem alten Leben, das am 7. April 2009 aufhörte, und dem neuen Leben, das am Ende der sieben Stunden begann. Zwischen Susanne Bergmann und Susanne Preusker. Denn sie hat geheiratet, zehn Tage nach dem Verbrechen. Aber mit der Hochzeit kam kein Happy-End.

Das Buch beschreibt genau, wie es sich anfühlt, Opfer zu werden. Einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, und dann zu fallen, immer weiter. Bis man irgendwann wieder einen Weg findet, nach oben. Susanne Preusker hat ihren Weg gefunden. Der da ganz einfach heißt: Überleben. Und darüber sprechen. In der Öffentlichkeit. Susanne Preusker hat über alles gesprochen, in der Gerichtsverhandlung, in den Medien und nun in ihrem Buch.

Darin beschreibt sie, mit was sie in den Tagen, Wochen und Monaten nach der Vergewaltigung kämpfte: mit der Angst. Die überall war. Im Supermarkt. In der Tiefgarage. Nachts im Bett. Auf der Autobahn. Manchmal, wenn die Angst fast überhand nahm, dann kam das Watte-Gefühl über Susanne Preusker: Dann war sie isoliert von der Außenwelt, immer ganz kurz davor, den eigenen Körper zu verlassen. Aber sie wusste, dass es dann keinen Weg zurück mehr gegeben hätte. Also blieb sie bei sich, und betete sich das Mantra vor: „Esistallesokay. Esistallesgut. Gleichistesvorbei.“

Das Buch ist keine Anleitung dafür, wie man ein Verbrechen verkraftet. Aber es ist die Geschichte einer Frau, die eben ein Trauma verarbeiten muss – und es ist die Geschichte von den Menschen, die sie dabei begleiten. Die Geschichte von ihrem Ehemann, ihrem Sohn, von engen, wahren Freunden.

Und es ist auch eine Geschichte von Menschen, die das Opfer eben nicht begleiten auf seinem neuen Weg – sondern Steine hineinlegen. Als Susanne Preusker ein Jahr nach der Tat einen Brief an den Täter schrieb, nüchtern und ehrlich, ohne Hasstiraden, da wurde dieser Brief einfach aufgehalten. Zensiert. Der Täter hat ihn bis heute nicht gelesen. Als sie im Gerichtssaal aussagt, in der Öffentlichkeit, über die unendlich langen sieben Stunden spricht, da wird sie danach beschimpft: Als mediengeil, und vom Ehemann aufgehetzt. Selbst von einigen Ex-Kollegen wird sie schließlich gemieden. Weil Susanne Preusker vor Gericht auch Fragen stellte. Wie diese: Wie kann einer Frau mitten in einem Hochsicherheitsgefängnis das passieren, was ihr passiert ist?

Nun ist die Tat zweieinhalb Jahre her. Susanne Preuskers „Rucksack ist leichter geworden“, sagt sie. Ihr Weg war der der Überlebenden. „Opfer schämen sich. Und Opfer haben sich zu schämen“, schreibt sie. Susanne Preusker aber schämt sich für nichts.

Infos zum Buch

„Sieben Stunden im April – Meine Geschichte vom Überleben“ von Susanne Preusker; Patmos-Verlag; ISBN 978-3-8436-0038-5; 17,90 Euro.

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