Neues Arbeitszeitmodell

Sieben Tage schuften, dann ist frei

München - Arbeiten, bis man krank ist. Unter Altenpflegern ist das ein Riesenproblem. Ein neues Schichtmodell verspricht nun, die Pflegekräfte zu entlasten. Im Norden der Republik wird es schon erfolgreich praktiziert, Experten sind aber trotzdem skeptisch.

Die Idee, sagt Katja Strauß, klingt wunderbar. Einfach deshalb, weil alle gewinnen würden. Die Alten, weil das Pflege-Personal endlich mehr Zeit hätte, sich um sie zu kümmern. Und die Pfleger, weil sie planbare Freizeit hätten und sich an ihren freien Tagen erholen könnten.

Schaffen soll das ein neues Arbeitszeitmodell für die Pflegebranche. Es heißt 7/7-Modell und ist ganz wörtlich zu verstehen: Altenpfleger arbeiten sieben Tage am Stück, je zwölf Stunden, inklusive zwei Stunden Pause. Dann haben sie sieben Tage frei, um sich zu erholen. Die „Deutsche Seniorenstift Gesellschaft“ (DSG), eine Betreiberin von Senioreneinrichtungen mit Sitz in Hannover, hat die Idee entwickelt und zunächst in einem Haus getestet – erfolgreich. Die Krankmeldungen wegen Stress gingen zurück, die Mitarbeiter waren zufriedener. „Über 80 Prozent der Mitarbeiter haben sich dafür entschieden, das Modell fortzuführen“, sagt DSG-Sprecher Thomas Weiß.

Katja Strauß kennt die Pflege-Misere von innen. Die 42-Jährige hat knapp zehn Jahre in einem Seniorenheim in Fürstenfeldbruck als Pflegekraft gearbeitet und Anfang 2014 gekündigt. Die Bedingungen stimmten nicht mehr. Kolleginnen waren oft krank, Strauß sprang ein. Zu den 80 regulären Stunden im Monat kamen für die Halbtagskraft oft mehr als 100 Überstunden. Sie wurde selbst krank. Dann noch die knappe Personalstärke: Zwei Pflegekräfte kümmerten sich teils um 50 Personen. Unter solchen Voraussetzungen hält Strauß die 7/7-Idee für nicht umsetzbar.

Claudia Hörbrand sieht das etwas positiver. Die 47-Jährige leitet drei Seniorenheime der Caritas in Peißenberg (Kreis Weilheim-Schongau) und sucht nach Wegen, die Krankenrate des Personals zu senken. Auch das 7/7-Modell ist ihr schon untergekommen. „Ganz interessant“, findet sie es. Ob es auch funktioniert, hängt, wie sie sagt, von der „Teamgröße“ ab. „Das macht nur Sinn, wenn ich es 365 Tage durchhalten kann.“ Und selbst dann müsse noch mehr passieren. Hörbrand denkt etwa an die Kinder ihrer Mitarbeiterinnen, die betreut werden wollen. „Wer sieben Tage arbeitet, muss das erstmal organisieren.“ Und bezahlen. Gerade für Alleinerziehende ist das schwer bis unmöglich.

Till Roenneberg ist aus ganz anderen Gründen skeptisch. Der Chronobiologe beschäftigt sich unter anderem mit Schichtarbeit und dem Thema Schlaf. In einigen Unternehmen habe sich gezeigt, dass Zwölf-Stunden-Schichten „günstig“ sein können. Aber gleich sieben Tage am Stück? „Da kann man in ein Schlafdefizit kommen.“ Gut möglich, dass so die Fehlerquote des Personals steigt. Roenneberg ist prinzipiell dafür, Experimente wie das 7/7-Modell wissenschaftlich zu begleiten. Bekommt der Pfleger im neuen Modell mehr oder weniger Schlaf, wie hoch ist die Fehlerquote? Und so weiter.

Eine solche Studie wurde bei der DSG nicht durchgeführt. Stattdessen legte man in der Test-Einrichtung Tagebücher aus, in denen die Mitarbeiter ihre Gefühlslage notieren konnten. Anschließend wurden sie nach ihrer Einschätzung gefragt – das Ergebnis fiel, wie gesagt, deutlich aus. In drei weiteren Einrichtungen läuft gerade noch die Testphase – Ergebnis offen.

Inzwischen bekommt DSG-Sprecher Weiß Anfragen aus ganz Deutschland, auch aus Bayern. Dass das Konzept überall uneingeschränkt anwendbar ist, glaubt er nicht. Einerseits brauche es genug Personal, andererseits das richtige. Gerade junge Leute sähen das 7/7-Modell positiv. Aber die sind für die Pflege nur noch schwer zu bekommen.

Marcus Mäckler

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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