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Simone Fleischmann in Aktion: Kultusminister Ludwig Spaenle hört zu, die Rektorin redet.

Simone Fleischmann

Neue BLLV-Präsidentin: Eine Chefin für die Lehrer

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München - Geschlechterwechsel bei den Lehrern: Erstmals soll mit der Volksschulrektorin Simone Fleischmann eine Frau den größten bayerischen Lehrerverband BLLV führen. Die 44-Jährige könnte für Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) eine echte Gegnerin werden.

Ein Sommertag vor einigen Jahren. Der Kultusminister steht vor seinem Ministerium, umringt von Grundschülern und vielen Luftballons, während eine Frau im Stakkato auf ihn einredet – ein bunter Protest gegen das „Grundschul-Abitur“ in den vierten Klassen. Am Ende gelingt es Simone Fleischmann, dem verdutzten Minister eine mannshohe Schultüte in den Arm zu drücken. Ludwig Spaenle lächelt seltsam entrückt in die Kamera – 1:0 für Simone Fleischmann und ihre freche Umarmungsstrategie.

Mit der heute 44-jährigen Rektorin der Grund- und Mittelschule in Poing (Kreis Ebersberg) dürfte es Spaenle künftig öfter zu tun bekommen. Sie kandidiert am Freitag in Augsburg als neue Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Der Mittelfranke Klaus Wenzel, der den BLLV seit 2007 führte, tritt nicht mehr an.

Wenzel hatte den Verband in den letzten Jahren zunehmend zu einem politischen Kampfverband geformt. Doch Simone Fleischmann ist anders. Man kann sich mit der gebürtigen Münchnerin, die am Gymnasium Vaterstetten einst ihr Abitur machte, auch gut über Alltagsthemen unterhalten – warum Trinken im Unterricht wichtig ist, Eltern auch Nutella erlauben dürfen und Grundschulkinder nur eine halbe Stunde am Tag Fernsehen sollten. Schulexperten, auch konservative, beschreiben die künftige Präsidentin als „erheblich umgänglicher“ als ihren Vorgänger Wenzel, der zwar im persönlichen Gespräch auch charmant sein kann, schulpolitisch in der Öffentlichkeit aber oft den Hardliner markiert hat.

Fleischmann indes sagt: „Ich werde immer die Aufteilung nach der 4. Klasse ungerecht finden.“ Aber da könne man sich „hundert Mal die Nase blutig stoßen“. Irgendwann ist es auch mal gut, findet Fleischmann. „Ich bin Realpolitikerin.“ Die vom BLLV sollten nicht als „Jammerlappen“ rüberkommen, die „in der Früh recht haben und am Nachmittag frei“. Das hindert die 44-Jährige nicht, unbequem zu sein.

Da dürften auf Kultusminister Spaenle einige Überraschungen warten. Am Freitag will Fleischmann die erste präsentieren: Sie will fortan für ein Zwei-Lehrer-System werben, wie es in Norddeutschland, Niedersachsen zum Beispiel, üblich ist. „Bayern als reiches Bundesland muss Prioritäten setzen“, sagt Fleischmann. Natürlich könne nicht in jeder Klasse ein zweiter Lehrer eingesetzt werden. Wohl aber in sozialen Brennpunkten, „regional passgenau“. Während der BLLV früher seine Forderung nach einer Grundschulzeit bis zur sechsten Klasse gerne als „längeres gemeinsames Lernen“ verbrämte, hat Fleischmann den Akzent verschoben. Sie redet über neue Lernbegriffe, weniger Faktenwissen, mehr Kompetenzen, mehr ganzheitlich, weniger normiert, über Qualität im Bildungswesen und Nachhaltigkeit. Das klingt manchmal etwas schwammig, deutlich wird aber doch, dass die Zeit alter Strukturdebatten unter Fleischmann nicht erneut anbrechen wird. Im Kultusministerium hat man von Fleischmann deshalb, anders als manchmal kolportiert wird, eine hohe Meinung. Sie sei „eine Frau aus der Praxis“, heißt es, „wir könnten uns keine bessere Gesprächspartnerin vorstellen“.

"Wir sind keine Jammerlappen, die morgens recht haben und nachmittags frei."

Im Gegensatz zu den anderen (kleineren) Lehrerverbänden fungiert der BLLV-Präsident hauptamtlich. Bis Jahresende noch will Fleischmann, so sie gewählt wird, die Stelle der Rektorin als ein Art Co-Chefin zusammen mit ihrer Nachfolgerin weiter ausüben. Danach wird sie Fulltime-Präsidentin. Ihr Amt gleich dem einer Konzernlenkerin, denn der BLLV ist auch eine Art Bildungskonzern – wirtschaftlich höchst erfolgreich, was schon die BLLV-eigene Villa am Bavariaring symbolisiert. Der Präsident hat ein Dienstwagenprivileg (was rauskam, als Wenzel vor einiger Zeit der Wagen geklaut wurde). Der Verband unterhält einen eigenen Reisedienst, bei dem die Mitglieder zu Sonderkonditionen sogar Flusskreuzfahrten buchen können – es sei denn, man bevorzugt den Urlaub in BLLV-eigenen Ferienwohnungen bei Berchtesgaden. Ein eigener Wirtschaftsdienst bietet spezielle Lehrer-Versicherungen an, die den Pädagogen gegen den gefahrvollen Alltag im Schulhaus wappnen sollen – bis hin zur speziellen Schulhausschlüssel-Versicherung. Der Verband leistet sich versierte Juristen zur Rechtschutzberatung von Lehrern – der Hauptgrund für viele, sich dem BLLV anzuschließen.

Die Mitgliederzahl liegt bei über 55 000 – zu 80 Prozent Frauen. Der BLLV, der das Signet eines Volksschullehrerverbands gerne abstreifen würde, fischt mit einigem Erfolg unter den Studenten und Referendaren für das Lehramt an Realschulen und vor allem Gymnasien. Dass der BLLV unter Klaus Wenzel zuletzt ein ums andere Mal Konzepte für die Reform des Gymnasiums vorlegte, ärgert nicht nur den eigentlich zuständigen Bayerischen Philologenverband, sondern verstörte manchmal auch die eigenen Mitglieder. Simone Fleischmann will sich von Wenzels Vorstößen zwar nicht distanzieren. Aber sie räumt doch ein, dass das Verhältnis zwischen den Lehrerorganisationen durch Kleinkrieg geprägt ist. Sie will durch Antrittsbesuche bei den Kollegen einiges atmosphärisch geradebiegen. „Ich habe da keine Scheu.“

Die Statur, eines Tages Kultusministerin zu werden, hätte Simone Fleischmann wohl. Im Gegensatz zu den Vorsitzenden anderer Schulverbänden ist (und war) sie in keiner Partei Mitglied. Zwar hat die CSU durchaus ihre Probleme mit dem BLLV; doch es gab auch einflussreiche CSU-Mitglieder in ihren Reihen, Thomas Goppel zum Beispiel oder Walter Eykmann. Auch Beamtenbund-Chef Rolf Habermann, gewiss kein Linker, ist im BLLV. „Wir sind parteipolitisch unabhängig“ – das, so sagt Fleischmann, sei keine Floskel. Wenn die CSU Mumm hat und sich auf die guten Erfahrungen mit Quereinsteigern besinnt, wird sie diesen Gedanken vielleicht eines Tages aufgreifen.

Dirk Walter

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