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Neuer Wohnraum soweit das Auge reicht: Wie hier entstehen im gesamten Münchner Umland zahlreiche neue Siedlungen. 

Neue Serie über den Boom in und um München

Die Grenzen des Wachstums: Die Angst vorm Neubaugebiet

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    Stefan Sessler
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Sind die Grenzen des Wachstums in München und Umgebung erreicht? In einer Serie beleuchten wir, was der ewige Boom mit unserer Heimat macht. Erster Teil: Im Speckgürtel protestieren Bürger gegen immer neue Siedlungen. Ein Besuch vor Ort.

Johann Gunszt, 69, Ehrenkommandant der Feuerwehr Parsdorf-Hergolding und Verwaltungsfachwirt im Ruhestand, steht ein paar hundert Meter vom Gewerbegebiet Parsdorf entfernt. Er deutet auf einen Acker. Er schimpft. Er erzählt von seiner Unterschriftenliste. Er sagt, dass er sich um seine Enkel sorgt. Um sein Dorf. Um seine Heimat. Um alles, was ihm wichtig ist. Es klingt dramatisch.

Johann Gunszt stört aber nicht die Inntaler Trachtenwelt, der Segmüller und die paar Dutzend anderen Geschäfte, die aus Parsdorf ein sogar manchmal sonntags geöffnetes Einkaufsparadies voller Kreisverkehre gemacht haben. Gunszt meint ein Neubaugebiet, das gleich beim Sportplatz entstehen soll. 70 Wohnungen für 175 Bewohner. Die Fläche gehört der Stadt München, bauen will Feinkost Käfer, auch, um Wohnraum für sein Personal im Industriegebiet zu schaffen. Gunszt, Sprecher der Arbeitsgruppe Orts- und Verkehrsentwicklung Parsdorf, sagt: „Die Lage ist äußerst ungünstig. Das ist eine Enklave ohne Bezug zum Ort.“

Protest gegen ein Neubaugebiet in Parsdorf: Martin Fochler und Johann Gunszt sammeln Unterschriften. Es soll direkt hinter dem Sportplatz entstehen.

Neben ihm steht Martin Fochler, 65, Vorstand der Edelweißschützen Neufarn-Parsdorf, auch er sammelt gerade Unterschriften. „Die Neubürger“, sagt er, „wollen in ihrer Anonymität weiterleben.“ Er wisse, wovon er spreche: Gerade erst sind einige dieser Neubürger nach Parsdorf, ein 1200-Einwohner-Dorf im Kreis Ebersberg, gezogen. „Die“, sagt Fochler, „suchen keinen Kontakt, die erschrecken, wenn man grüßt.“ Und: Man wisse nie, welches Klientel von der Stadt raus ziehe. Gunszt sagt: „Es gibt viele Leute, die hier wohnen, aber die leben nicht hier.“ Die sind nie in Parsdorf angekommen, seelisch gesehen. Die gehen nicht zu den Schützen und auch nicht zur Feuerwehr. So sehen das viele im Dorf. Bald wollen sie dem Bürgermeister ein paar hundert Unterschriften übergeben. „Und dann“, sagt Gunszt, „sehen wir, ob der Gemeinderat das Baugebiet gegen den Willen der meisten Parsdorfer durchdrückt.“

Der Zuzug verändert Ortschaften, sogar ganze Regionen

Parsdorf ist kein Einzelfall. Die Identität einer ganzen Region steht auf dem Spiel, so scheint es. In vielen Gemeinden in der Boomregion München protestieren die Bürger gerade gegen das Wachstum, gegen noch ein Neubaugebiet und noch ein Gewerbegebiet. Mancherorts ist ein Kampf ausgebrochen, ausgetragen wird er mit Unterschriftenlisten. Bewohner gegen noch mehr Wohnungen. Tradition gegen grenzenloses Wachstum. Heimat gegen Globalisierung, wenn man es zu Ende denkt. Denn Fakt ist: Fachkräfte, Hilfskräfte, Spitzenkräfte aus der ganzen Republik werden wie mit einem Magnet in den Speckgürtel gezogen. Das sorgt für Wohlstand, aber es ändert die Konstellation innerhalb eines Dorfes – und einer ganzen Region.

Gegner eines Neubaugebiets in Fürstenfeldbruck

300 Menschen haben kürzlich erst gegen ein neues Wohnviertel in Fürstenfeldbruck demonstriert. Weil auf einem vier Hektar großen Acker 175 Wohnungen für 500 Menschen entstehen sollen. Auch in Städten wie Dorfen gibt es beinahe gegen jedes angedachte Baugebiet Widerstand – von Bürgern und im Stadtrat. Die Interessensgemeinschaft „Für ein lebenswertes Unterschleißheim“ wehrt sich gegen die Ausweisung von Neubaugebieten im Süden der Gemeinde, in der inzwischen fast 28 000 Menschen leben. Die Argumente sind fast immer die gleichen: Neubaugebiete zerstören Grünflächen, die Verkehrsbelastung explodiert und das Ortsgefüge kommt durcheinander. Die Gegenseite, die oft in den Rathaussesseln sitzt, sagt: Die Nachfrage nach Wohnraum ist gigantisch. Noch größer ist die Nachfrage nur nach günstigem Wohnraum. Außerdem sei es besser und ökologischer, wenn die Menschen, die hier arbeiten, auch hier wohnen. Anstatt zum Beispiel vom Ostallgäu nach Grasbrunn zu pendeln.

Die Region München umfasst 150 Städte, Märkte und Gemeinden in den Landkreisen Dachau, Ebersberg, Erding, Freising, Fürstenfeldbruck, Landsberg, München, Starnberg sowie die Landeshauptstadt München. Die Grafik zeigt ihre Bevölkerungsentwicklung.

Proteste gegen Neubaugebiete – Christian Breu, 59, kennt das seit zehn, fünfzehn Jahren, sagt er. Er ist Geschäftsführer des „Planungsverbands Äußerer Wirtschaftsraum München“, der die Landeshauptstadt und das Umland umfasst. „Oft protestieren aber die, die vor einigen Jahren selbst in die damals neue Siedlung gezogen sind und jetzt gegen das nächste Neubaugebiet sind.“ Breu findet, man dürfe nicht nur Einzelinteressen berücksichtigen, sondern muss das große Ganze im Blick haben. Es sei nun mal so, dass in der Region zu wenig gebaut wird. Im Vorjahr wurden rund 12 500 neue Wohnungen gemeldet – „wir bräuchten mindestens 18 000 pro Jahr“.

Aus Bauerndörfern werden Pendlerkommunen

Am Mariahilfplatz 17, vierter Stock, in München sitzt ein Mann, der diese ganzen Probleme bestens kennt. Er heißt Christoph Göbel, Jahrgang 1974, hat zwei Kinder und sucht gerade ein Haus im Speckgürtel – und zwar schon eine ganze Weile. Aber das ist nicht der Grund, warum er Experte für die Wachstumsexplosion ist. Christoph Göbel, CSU, ist der Landrat des Landkreises München. 340 000 Menschen leben hier, mehr als in Island – und doppelt so viele wie noch vor 50 Jahren. Aus Bauerndörfern sind riesige Pendlerkommunen mit S-Bahn-Anschluss, Gewerbepark und Kaltmieten von 14 Euro für den Quadratmeter aufwärts geworden. „Man könnte auf die Idee kommen“, sagt Göbel, „dass es genug Wachstum gegeben hat und wir jetzt Schluss machen müssen, um das Ganze zu konservieren. Das Problem ist nur: Das funktioniert nicht.“ Denn: Die Region braucht Fachkräfte, nur so bleibt sie eine Wohlstandsregion – also braucht sie auch Wohnraum. Das Eine ist ohne das Andere nicht denkbar. „Aber wir brauchen visionäre Perspektiven – ganz besonders im Bereich Mobilität“, sagt der Landrat. „Mein Traum wäre eine Ring-S-Bahn rund um München.“

Ein Rekord nach dem anderen wird gebrochen

Keine Region brummt dermaßen. Andernorts schrumpfen die Orte – hier wird ein Rekord nach dem anderen gebrochen. Höchste Mieten! Häuserpreise! Zuzug! Die Rekorde sind das eine. Göbel sagt: „Bei uns in Bayern ist das Gefühl ausgeprägter als in Berlin oder Köln, in einer nicht-anonymen Gesellschaft leben zu wollen.“ Es gibt viele Vereine, in jedem Dorf einen Maibaum. Das bayerische Lebensgefühl soll allen Kränen und Reihenhäusern zum Trotz erhalten bleiben. Mia san mia, auch wenn wir bauen wie die Wilden.

Bürgermeister Georg Reitsberger

Etwa in Vaterstetten, Kreis Ebersberg. Hier entsteht eine Siedlung für 1500 Menschen, in drei Jahren soll alles fertig sein. 1952 gab’s in Vaterstetten gerade mal 350 Häuser, heute leben 23.000 Menschen hier. Parsdorf, wo Bürger gegen das Neubaugebiet Sturm laufen, gehört zu Vaterstetten. Bürgermeister Georg Reitsberger sagt: „Man muss die Zeichen der Zeit erkennen und möglich machen, was machbar ist.“ Seine Familie lebt in fünfter Generation hier. Nach dem Krieg hat ein Quadratmeter Grund ein Fuchzgerl gekostet, erzählt Reitsberger, der früher Landwirt war.

Sein Heimatort hat sich gewandelt wie kaum ein anderer, das merkt er immer wieder, wenn er alte Fotos anschaut. „Aber das alles ist kein Grund, schwarz zu sehen“, sagt er. Die neue Siedlung soll von Obstbäumen gesäumt sein, die Straßen heißen Birnenanger oder Mirabellenhof. Der Bürgermeister freut sich schon. „Mir san sowieso die schönste Gemeinde im Münchner Osten“, sagt er. Reitsberger macht jeder Mensch, der in den Ort zieht, ein bisschen stolz. So kann man es natürlich auch sehen. Dann ist Wachstum keine Katastrophe, sondern ein kleiner Lottogewinn.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum wilden Bauboom in Oberbayern: Ohne Steuerung

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