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Knapp 50 000 Schüler in Bayern bleiben je Schuljahr sitzen.

Sitzenbleiben kostet 270 Millionen

München - Ist Sitzenbleiben schlicht Zeit- und Geldverschwendung? Eine neue Studie des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm fordert, die „Ehrenrunden“ abzuschaffen. Die CSU in Bayern ist dagegen.

Die Zahlen klingen eindrucksvoll: 271,9 Millionen Euro an Personal- und Sachkosten – mehr als jedes andere Bundesland – gebe Bayern jährlich für die knapp 50 000 Schüler aus, heißt es in der Studie, die von der Bertelsmann Stiftung Gütersloh in Auftrag gegeben wurde. Die Sitzenbleiberquote sei mit 3,6 Prozent die höchste in Deutschland – selbst im ebenfalls konservativ regierten Baden-Württemberg sei sie weit niedriger (1,7 Prozent).

Klassenwiederholungen hätten keinen Effekt, heißt es weiter. Der Schüler sei zwar im Wiederholungsjahr in der Regel besser, verliere jedoch in der Folgezeit wieder den Anschluss. Fazit: Die deutschlandweit knapp eine Milliarde Euro jährlich sei in Kursen zur individuellen Förderung der Schüler weit besser investiert. Dafür sei die „Abkehr von dem teuren aber unwirksamen Instrument der Klassenwiederholung“ dringend erforderlich.

Während die SPD in Bayern frohlockt – Fraktionschef Franz Maget: „Das haben wir schon 2003 gefordert“ – legt Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) die Bremse ein: Das Wiederholen ganz abzuschaffen, sei „wenig sinnvoll“.

Es gebe Situationen, in denen Schüler so große Lücken hätten, dass sie die Jahrgangsstufe noch einmal nachholen sollten. Der Minister verweist auch darauf, dass die Wiederholerquote von 3,6 Prozent differenziert werden sollte. Sie erfasse auch Schüler, die freiwillig wiederholten, etwa weil sie nach der 5. Klasse Hauptschule an die 5. Klasse Realschule wechselten. Das freilich ist nur eine Minderheit.

Die Studie zeigt, dass vor allem an den Realschulen in Bayern Sitzenbleiben Alltag ist. 8,5 Prozent der Schüler blieben dort im Schuljahr 2007/08 hängen – bundesweit sind es fünf Prozent. Geringer ist die Quote an den bayerischen Hauptschulen (4,6 Prozent) und an den Gymnasien (2,9 Prozent in der Unter-, 2,7 Prozent in der Mittelstufe). Die Grundschulen fallen mit 1,1 Prozent (5200 Schüler) dagegen wenig ins Gewicht – zumal Spaenle angekündigt hat, hier das Sitzenbleiben zukünftig ganz abzuschaffen.

In dem Rezept zur Bekämpfung der Wiederholerzahlen sind sich CSU und SPD weitgehend einig: Spaenle verspricht eine intensivere individuelle Förderung. Ein Beispiel: die 5. Klassen Haupt- und Realschulen sollen ab 2010/11 als Gelenkklassen fungieren – mit individueller Förderung nach dem Vorbild der Intensivierungsstunden an den Gymnasien.

Die SPD sattelt noch eins drauf: Keine Grundschulklasse dürfe mehr als 20 Kinder haben, im Bedarfsfall müssten auch zwei Lehrer eingesetzt werden. SPD-Bildungsexperte Hans-Ulrich Pfaffmann fordert kleine Lerngruppen für den Deutsch-Unterricht in Grundschulen. Davon sei man in Bayern „weit entfernt“.

Dirk Walter

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