Die Seniorenresidenz in Schliersee
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Morgen müssen die letzten Bewohner aus der Seniorenresidenz in Schliersee ausziehen.

Aus für Pflegeheim

Skandalheim Schliersee schließt: Nicht alle Bewohner haben neue Unterkunft - ähnlicher Fall vor zehn Jahren in Inzell

  • Christian Masengarb
    VonChristian Masengarb
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  • Katrin Woitsch
    Katrin Woitsch
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Bis Donnerstag müssen alle Senioren das Pflegeheim in Schliersee verlassen haben. Die Einrichtung wird wegen gravierender Pflegemängel geschlossen. So etwas kommt in Bayern sehr selten vor – zuletzt vor zehn Jahren in Inzell. Und schon damals war das Schlierseer Heim involviert.

Viele Zimmer in der Seniorenresidenz Schliersee (Kreis Miesbach) sind bereits geräumt. 33 Menschen leben aktuell noch in dem Heim, dem seit Monaten wegen gravierender Pflegemängel die Schließung droht. Bis Donnerstag müssen sie alle die Einrichtung verlassen haben – dann wird der Betrieb endgültig eingestellt. 28 Senioren haben bereits einen neuen Heimplatz im Umkreis, der weitest entfernte liegt am Münchner Stadtrand. Doch für fünf Senioren gibt es noch keine Umzugspläne – weil deren gesetzliche Betreuer bislang noch keinen neuen Platz organisiert haben.

Das Landratsamt nennt das „irritierend“. Denn genau wie der Sozialverband VdK und die Pflegekassen hatte die Behörde Unterstützung angeboten, um die Verlegungen so unkompliziert wie möglich zu gestalten. Laut Landratsamt müssen die Betreuer oder Angehörigen dafür nur zum Telefon greifen und eine der vorbereiteten Nummern von Heimen in der Umgebung mit freien Plätzen wählen. Sollten die Betreuer der fünf verbleibenden Senioren das nicht bis morgen machen, droht ihnen ein Umzug in ein Augsburger Heim, das wie Schliersee von der SO Nursing Homes betrieben wird und ebenfalls wegen Pflegemängeln in der Kritik steht. Nimmt die SO Nursing Homes die fünf Bewohner nicht mit nach Augsburg, liegen im Landratsamt Notfallpläne für die Verlegung vor. Die darf die Behörde allerdings nur in Ausnahmesituationen einsetzen.

Wenn solche Zustände in einem Gefängnis herrschen würden, gäbe es Anteilnahme oder Empörung. Bei Seniorenheimen gibt es höchstens einen Aufschrei, weil eine Schließung droht.

Pflegeexperte Claus Fussek

Dass ein Pflegeheim geschlossen wird, kommt sehr, sehr selten vor. In Bayern liegt der letzte Fall zehn Jahre zurück. Damals war es die Seniorenresidenz Inzell im Kreis Traunstein. Und es gibt viele Parallelen zu dem Schlierseer Fall – was auch daran liegt, dass beide Heime und die noch bestehende Einrichtung in Augsburg denselben Betreiber hatten. Damals war das noch die H&R Heimbetriebsgesellschaft. Der Betreiber hat in Schliersee immer wieder gewechselt, die Zustände in der Seniorenresidenz haben sich aber nicht groß verändert. Trotzdem dauerte es bis jetzt, dass die Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassen den Versorgungsvertrag kündigte. Wie sehr einige Bewohner sich selbst überlassen sind, wird nun zuletzt noch einmal offensichtlich.

Bei einigen Angehörigen formierte sich Widerstand gegen die Schließung. Eine Gruppe hatte eine Petition gegen die Entscheidung verfasst. Auch das war in Inzell vor zehn Jahren ganz ähnlich. Der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek hat sowohl von dem Heim in Schliersee, als auch von Inzell einen dicken Ordner. Gefüllt mit Berichten von Pflegekräften und Angehörigen, die über Missstände berichten. Er hört seit 40 Jahren Geschichten, bei denen er eine Gänsehaut bekommt. „Wenn solche Zustände in einem Gefängnis herrschen würden, gäbe es Anteilnahme oder Empörung“, sagt er. „Bei Seniorenheimen gibt es höchstens einen Aufschrei, weil eine Schließung droht.“ Er kann nicht verstehen, dass auch kein Vormundschaftsgericht eingreift, wenn gesetzliche Betreuer ihrem Betreuungsauftrag nicht nachkommen. „Niemand interessiert sich für die Senioren.“

In Inzell war der Fall nach der Schließung des Heims noch lange nicht beendet. Die Betreiber zogen damals vor Gericht und klagten gegen die Entscheidung – auch um ihr Image zu wahren. Der Rechtsstreit dauerte Jahre, das Traunsteiner Landratsamt musste eine Vollzeitkraft nur für den Fall abstellen. Schon damals war auch das Schlierseer Heim involviert. Kistenweise Unterlagen und Computer wurden aus Inzell in die Seniorenresidenz Schliersee gekarrt. Dort sollen Mitarbeiter zur Manipulation der Dokumente angehalten worden sein, die die H&R-Anwälte dann in den Prozess einbrachten. Letztlich vergebens. Auch die Berufung war erfolglos. Für kurze Zeit übernahm noch mal ein anderer Betreiber die Einrichtung in Inzell, musste aber wieder aufgeben. Seit einigen Jahren steht das Heim leer. Das droht nun auch der Schlierseer Seniorenresidenz. „Der schlechte Ruf des Heims ist weit über die Region hinaus bekannt“, sagt Fussek. „Keine gute Pflegekraft würde dort anfangen. Und vermutlich traut sich auch kein seriöser Betreiber daran.“

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