Volles Haus: So sieht es an einem guten Tag an der Jagahüttn am Stümpfling im Landkreis Miesbach aus.

Angst vor der Skisaison ohne Schnee

Wann wird’s mal wieder richtig Winter?

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Es geht wieder los: Nach und nach öffnen auch hierzulande die Skilifte. Aber überall in Oberbayern geht die Angst um – die Angst vorm Klimawandel und dass der Winter schon wieder so mild wird wie voriges Jahr.

Wir haben uns in drei Skigebieten umgesehen. Eine Geschichte in drei Kapiteln und mit erstaunlichen Begegnungen.

1. Kapitel: Auf der Jagahüttn haben sie Angst vor der Wärme

Hoffen auf viel, viel Schnee: Otto und Angelika Riegger von der Jagahüttn.

Es ist Nachmittag, kurz nach 14 Uhr. Allmählich kehrt in der Jagahüttn auf 1500 Metern oben am Stümpfling wieder Ruhe ein. Der Mittagsstress im Skigebiet Spitzingsee, Kreis Miesbach, ist vorbei, und Hüttenwirt Otto Riegger, 69, gönnt sich eine kurze Pause. Er sitzt an einem der rustikalen Holztische und schaut aus dem Fenster. Vor wenigen Tagen hat es endlich geschneit – die ersten Skifahrer sausen die Stümpfling-Abfahrt hinab. Nun ist die Landschaft auch dort weiß überzuckert, wo nicht künstlich nachgeholfen wird. Riegger lächelt. „Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn die ersten Schneeflocken fallen“, sagt er.

Eine eigene Hütte – das war schon immer sein Traum. Seit 2005 bewirtschaften er und seine Frau Angelika, 55, die Jagahüttn. Anfangs lief es gut, aber die Erfahrungen aus den vergangenen vier Wintern belasten die zwei. „Ich bin Optimist und grundsätzlich immer voller Hoffnung“, sagt Riegger. „Aber der Klimawandel bereitet uns immer öfter Startschwierigkeiten.“ In der vergangenen Wintersaison hatten die Wirtsleute große Umsatzeinbußen. Besonders vor Weihnachten gibt es mittlerweile wenig Schnee – dafür viel Regen. „2014 haben wir gezittert, da war die Piste teils unterspült. Der Lift war sogar kurz geschlossen. Da bleiben unsere Gäste natürlich aus“, sagt Otto Riegger.

Lang hatte es gedauert, bis sich die Rieggers ihren Traum erfüllen konnten, selbst eine Hütte zu bewirtschaften. Bereits als junger Mann hat der gelernte Koch Otto Riegger saisonweise auf Berghütten in der Schweiz gearbeitet. Später leitete das Ehepaar ein Hotel am Spitzingsee. Dann wurde vor fast zehn Jahren die Jagahüttn gebaut – die Rieggers ergriffen ihre Chance.

Da die Monate von Januar bis März zumindest bisher relativ schneesicher waren, seien sie zwar immer mit einem blauen Auge davon gekommen, sagt Riegger. „Aber unsere Planung ist schwerer geworden“, so der Wirt. Früher sei der Schnee, der im November fiel, meist liegen geblieben. Heuer im November hat es zwar auch geschneit, 30 Zentimeter. Aber so plötzlich wie der Schnee kam, schmolz er auch wieder.

Immer im Oktober beginnt die Arbeit für die Hüttenwirte. Die Rieggers bringen die Vorräte auf den Berg. Eine Wintersaison dauert drei Monate, wenn es gut läuft. „Vor zwei Wintern mussten wir viele Bierfässer wieder runter ins Tal schicken“, sagt Riegger. Es gab schlicht zu wenig Schnee, die durstigen Gäste blieben aus. Noch so ein Problem: Die Rieggers können kaum planen. Während der Hauptsaison arbeiten etwa 15 Leute auf der Hütte. Wenn kein Schnee da ist, haben sie auch keine Arbeit. Personalplanung oben am Berg ist seit ein paar Jahren ein bisschen wie Roulette. Die Rieggers setzen auf Schnee, bekommen aber immer öfter Regen und Plusgrade.

Heute scheint die Sonne, der Himmel ist strahlend blau. Perfektes Skiwetter – zumindest für den Moment. „Normalerweise sieht ein richtiger Saisonstart anders aus“, sagt Riegger. „Aber der große Wintereinbruch kommt ja erst noch – also hoffentlich.“ Er muss kommen. Sonst wird’s eng für die Rieggers.

2. Kapitel: Skiverleih im Sudelfeld – wenig Schnee, viel Geschäft

„Der Winter hat sich verschoben“, sagt Andreas Weiß aus Brannenburg.

Ungewisse Schneeverhältnisse hin oder her – bei Andreas Weiß, 42, brummt der Laden. „Es läuft super, wir sind dick drin“, sagt der Chef von „Sport Weiß“ in Brannenburg im Kreis Rosenheim. Noch bis kurz vor Ladenschluss kommen Kunden, um bei ihm Skier und Jacken zu kaufen. Weiß vermietet auch alles rund ums Ski- und Snowboardfahren. „Für den Skiverkauf ist der Schneemangel schlecht“, sagt er. Aber für den Ski-Verleiher Weiß, das ist das Kuriose, ist der wenige Schnee gar nicht so schlecht. In schneeunsicheren Zeiten kaufen viele nicht mehr – sie leihen. Der Sportladen-Chef hat insgesamt 350 Paar Ski, die er verleiht, davon 300 Kinderski. Preise: 70 bis 80 Euro pro Saison für Kinder, durchschnittlich 150 Euro für Erwachsene.

Die Kunden müssen mit den Skiern nicht unbedingt am Sudelfeld fahren – sie können sie auch zu jedem anderen Skigebiet mitnehmen. Doch unabhängig davon, welche Berge die Kunden hinuntersausen, eines fällt ihm auf: Er bekommt seine Ski mittlerweile häufiger in abgenutztem oder sogar beschädigtem Zustand wieder zurück. „Die Pisten hier im Sudelfeld sind allgemein steiniger“, sagt er. „Wenn die Leute über Kiesel fahren, habe ich Pech.“ Irgendwie büßt Weiß den Klimawandel also doch. Schlecht beschneite Pisten und dünne Schneedecken setzen den Skiern zu, sagt er und deutet auf die Apparaturen in seiner Werkstatt. Um die Sportgeräte dann für die nächste Saison wieder fit zu machen, hat er Maschinen zum Wachsen und Schleifen angeschafft. Ab und zu muss er auch den ganzen Belag erneuern. „Der Winter hat sich halt nach hinten verschoben“, sagt er. „Im Dezember kann man nur noch selten Skifahren, im Februar dafür zu 90 Prozent.“ So ist das halt neuerdings im bayerischen Winter.

3. Kapitel: Garmisch Classic und die Kunst der Beschneiung

Das mit den Jahreszeiten, die sich verschoben haben, merkt auch Karl Dirnhofer, 53. Er ist seit fast 20 Jahren Betriebsleiter des Skigebiets Garmisch Classic. „Ein regelmäßiger früher Saisonstart wäre ohne künstliche Beschneiung nicht mehr möglich“, sagt er. Am Donnerstag hat die Wintersportsaison am Hausberg begonnen. In Betrieb sind die Hausbergbahn, der Kreuzwankl-Ski-Express und die Rimmler-Moos-Lifte. Wann die Bahnen am Kreuzeck und am Osterfelderkopf starten, ist unklar. „Das ängt von der Witterung ab“, sagt Verena Lothes von der Bayerischen Zugspitzbahn. In den vergangenen zwei Wochen haben sie die Kreuzeckabfahrt zumindest so weit beschneit, dass sich nun eine breite Kunstschneespur den Abhang hinunterschlängelt. Daneben grün-braunes, matschiges Gras.

Die Propellerkanone muss nachhelfen: ein Blick aufs Sudelfeld vor ein paar Tagen. Inzwischen sind die Berge leicht mit Schnee gezuckert.

Seit fast 20 Jahren wird im Classic-Gebiet mit „SchneeErzeugern“ gearbeitet – so nennt Dirnhofer die Maschinen. Er sitzt in seinem Büro an der Kreuzeck-Talstation und zeigt in Richtung Hang. „Man unterscheidet zwischen Schneelanzen und Propellerkanonen.“ Chemie ist nie im Einsatz. Entscheidend ist die Luftfeuchtigkeit: „Wenn sie niedrig ist, kann die Umgebung reichlich Feuchtigkeit aufnehmen und man kann viel Schnee erzeugen“, sagt er. Ein Kubikmeter Kunstschnee kostet rund drei bis vier Euro – Strom, Wasser und Personal inklusive. Eine neue Lanze kostet 9000 bis 12 000 Euro, eine Kanone zwischen 15 000 bis 25 000 Euro. Eine Anlage, mit der eine Fläche von etwa 20 Hektar beschneit werden kann, benötigt pro Jahr etwa 240 000 Kilowattstunden Strom.

Von den 40 Pistenkilometern im Classic-Gebiet können 25 beschneit werden. Dafür gibt es insgesamt rund 190 Schnee-Erzeuger. Jeder misst Umgebungstemperatur und Luftfeuchtigkeit und sendet diese Werte automatisch an einen Computer. Anhand der Daten entscheiden dann vier Experten, wo und wann Schnee erzeugt werden soll. „Kunstschnee darf im Landkreis Garmisch-Partenkirchen nur von Mitte November bis etwa Ende Februar erzeugt werden“, sagt Dirnhofer.

Aber lohnen sich die gigantischen Investitionen in Schneemaschinen angesichts der Klimaveränderungen überhaupt? Ist es irgendwann nicht so warm, dass weder Schneelanze noch Propellerkanone helfen? „Das Skigebiet Garmisch Classic ist in Sachen Schneesicherheit nach wie vor gut dabei“, sagt Dirnhofer. „Die vergangene Wintersaison war viel zu warm. Trotzdem konnten wir im Dezember eine komplette Talabfahrt anbieten – als einziges deutsches Skigebiet.“ Was früher eine Selbstverständlichkeit war, ist heute ein Grund zur Freude. Regina Mittermeier

Diese bayerischen Skigebiete haben schon (bald) geöffnet

  • Die Wankbahn ist ab 25. Dezember bis 8. Januar 2017 geöffnet.
  • Mittenwald: Skigebiet Kranzberg öffnet am 17. Dezember. Skigebiet Karwendel öffnet am 22. Dezember 
  • Ammertal: Skigebiet Hörnle öffnet ab 23. Dezember. Skigebiet Steckenberg Unterammergau startet ab 7. Januar. 
  • Skigebiet Zugspitze: Ab 17. Dezember fährt die Sesselbahn Wetterwandeck, die Abfahrten Wetterwandeck und Zufahrt Wetterwandeck sind geöffnet. Auch Eibseebahn, Gletscherbahn und Zahnradbahn sind in Betrieb. 
  • Skiopening an der Barmsee Skiarena in Krün war am gestrigen Freitag. Am diesem Samstag und Sonntag von 9 bis 16.30 Uhr geöffnet. Ab 23. Dezember dann täglich von 9 bis 16.30 Uhr. 
  • Skigebiet Tegernsee-Spitzingsee: Saisonstart war am 10. Dezember. Bereits geöffnet: Stümpfling-Vierer-Sesselbahn, Sutten-Vierer-Sesselbahn. Betriebszeiten: 8.30 bis 16.20 Uhr, donnerstags und freitags Nachtskilauf am Stümpfling. 
  • Skiparadies Sudelfeld: Saisonstart war am 9. Dezember. Bereits geöffnet: Einer-Sessellift von Bayrischzell, Waldkopf-Sechser-Sesselbahn, Kitzlahner-Vierer-Sesselbahn. Betriebszeiten: täglich 8.30 bis 16.30 Uhr. 
  • Hirschberglifte in Kreuth am Tegernsee: voraussichtlicher Saisonstart am 23. Dezember; Betriebszeiten: täglich von 9 bis 16 Uhr. -Skigebiet am Brauneck: Nur der Draxlhang ist geöffnet, im Betrieb sind die Brauneck-Kabinenbahn und ein Lift. 
  • Skigebiet am Hocheck (Gemeinde Oberaudorf): Geplant ist, mit einem Flutlichtabend am Dienstag, 20. Dezember, den Betrieb aufzunehmen. Beginn: 18.30 Uhr. 
  • Kampenwandbahn: Die Seilbahn öffnet nach der Revision am ersten Weihnachtsfeiertag. 
  • Skigebiet Steinplatte in Reit im Winkl ist geöffnet: Auffahrt nur von Waidring möglich. Liftbetrieb täglich ab 8.30 Uhr. -Das grenzüberschreitende Skigebiet Winklmoosalm
  • Steinplatte ist derzeit zweigeteilt. Auf der österreichischen Seite haben bereits einige Lifte geöffnet. Die Auffahrt ist deshalb derzeit nur über die Gondelbahn in Waidring (Tirol) möglich. Auf deutscher Seite kann man noch nicht skifahren. 
  • Im Skigebiet Fellhorn-Kanzelwand bei Oberstdorf sind fünf Lifte geöffnet. Im Tal liegen laut Internetseite 20 Zentimeter Schnee.

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