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Sobibor hat ihn nie losgelassen: Thomas Blatt im Saal des Münchner Strafjustizzentrums.

Sobibor-Überlebender: Der Zeuge aus dem Todeslager

München - Thomas Blatt ist einer der letzten Zeugen von Sobibor. Im Prozess trifft er erstmals auf den mutmaßlichen Mordgehilfen John Demjanjuk.

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Interview mit Thomas Blatt

Demjanjuk soll einen Juden totgefahren haben

Thomas Blatt (82) steht am Tageslicht-Projektor und erklärt anhand einer Lagerskizze den Tod von Sobibor. Hier war die Himmelfahrtsstraße, vielleicht 200 Meter Weg, auf dem die Menschen nackt durchgetrieben wurden. Dann kam noch die Haarschneidebaracke. Auch Blatt, damals 15 Jahre alt, war hier öfters eingesetzt. Die polnischen Frauen wussten Bescheid, erklärt er Richter Ralph Alt. Die holländischen Frauen nicht. „Bitte schneiden Sie nicht so kurz“, habe eine Frau ihn noch gebeten – kurz bevor sie dann in der Gaskammer verschwand.

Blatt wohnt in Kalifornien, ist aber im ostpolnischen Izbica geboren und von dort 1943 in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt worden. Er ist ein kleiner knorriger Mann, er macht einen rüstigen Eindruck, hat aber eine Gehhilfe. Jedes Jahr fährt er nach Sobibor, diese Geschichte hat ihn nie losgelassen. Er ist geschieden. Als ihn unsere Zeitung im Mai 2009 interviewte, sagte er: „Meine Frau wollte nicht mehr mit jemanden leben, der sich nur mit Sobibor beschäftigt. Sie war sehr sensibel. Sie hat mir gesagt, sie könne nicht mehr.“

Thomas Blatt

Blatt hat das beste Buch über Sobibor geschrieben („Nur die Schatten bleiben“). Im Oktober 1943 konnte Blatt bei einem Häftlings-Aufstand fliehen. Eineinhalb Jahre lang schlug er sich durch, übernachtete in Bauernhöfen, im Wald, in verlassenen Häusern, immer in Angst, dass ihn jemand an die Nazis ausliefern würde. Er überlebte und muss nun im Prozess zunächst erklären, wie er nach seiner Ankunft von einem SS-Mann als arbeitsfähig ausgesondert wurde. „Warum er mich wählte, weiß ich nicht.“ Er habe in den ersten Minuten gedacht, Sobibor müsse „wie eine Hölle“ aussehen. Aber im Eingangsbereich „war es schön“. Ein Haus der Lagerkommandanten, das sogenannte „Schwalbennest“, schien friedlich, es wuchsen Blumen. Ende April 1943 war das. Zu diesem Zeitpunkt war John Demjanjuk schon einen Monat in Sobibor – laut Verlegungsliste und Dienstausweis befand er sich spätestens ab 28. März 1943 dort. Ein von der SS befehligter ukrainischer Wachmann unter vielen im Lager – Blatt hat wie auch der zweite Sobibor-Überlebende, Philipp Bialowitz, keine Erinnerung an Demjanjuk, der die Aussagen wie immer regungslos und mit tief ins Gesicht gezogener Kappe vom Krankenbett aus verfolgt.

Der Demjanjuk-Prozess in München

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Blatt lässt aber keinen Zweifel daran, dass den nach der Stätte ihres Ausbildungslagers „Trawniki“ genannten Ukrainern ein furchterregender Ruf voranging – schon bevor er nach Sobibor kam. Für Blatt waren es einfach schwarz gekleidete Täter. „Viele ukrainische Soldaten“, berichtet Blatt vor Gericht, hätten 1943 das Haus seiner Familie umzingelt – Blatt sagt „sie sind herumgeringelt“. In seinem Buch überliefert er einen Ausspruch eines Gefangenen, der bei der Ankunft in Sobibor durch die Lkw-Plane spähte und auf jiddisch schreckenserfüllt ausrief: „Ys schwarz fyn Ukrainer.“ (Es ist schwarz vor Ukrainern).

„Ukrainer wie Mister Demjanjuk haben uns bewacht“, sagt Blatt vor Gericht. Sie hätten das Todeslager in Gang gehalten. „Diese Wachmänner haben die Juden gestoßen mit dem Bajonett auf dem Weg zu den Gaskammern“, sagt der Zeuge auf Deutsch. „Ich habe gesehen die blutigen Schuhe.“ Dass Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch behaupte, Demjanjuk sei genauso ein Opfer wie Blatt, sei Unsinn: „Nur ein Idiot kann das sagen!“ schleudert Blatt dem Anwalt zu. Der Prozess dauert an.

von Dirk Walter

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