Interview mit der „Halbblutlehrerin“

Bayerischer Lehrerin platzt der Kragen: „Weißt Markus, etz langts. Sch*** oder geh runter vom Pott“

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35.000 Menschen folgen ihr auf Twitter. Am 1. April ist ihr der Kragen geplatzt. Wir haben mit der Halbblutlehrerin über ein Jahr Corona an Bayerns Schulen gesprochen. Vor allem das Positive hat uns überrascht.

München - Melanie H. (40, Nachname geändert) unterrichtet an einer Mittelschule im Großraum München. Nebenbei twittert sie als „Halbblutlehrerin“ für rund 35.000 Follower. Am 1. April platzte ihr nach einem Jahr Corona an Bayerns Schulen der Kragen. Sie twitterte Klartext.

Bayern: Fazit einer Lehrerin nach einem Jahr Corona - „Markus, etz langts“

„So, Markus, geh amal her. Ich möcht dir was sagen. Letztes Jahr im März hast uns die Schulen dicht gemacht. Ich hab es durch die Presse erfahren. Ohne Laptops, ohne iPads, viele SuS hatten nicht mal ne Email-Adresse. Mebis ist abgestürzt, Teams war verboten. Okay.“

So geht eine Serie von Tweets los. Sie endet mit: „Weißt Markus, etz langts. Scheiß oder geh runter vom Pott.“ Wir wollten von Melanie H. wissen, wie sie ein Jahr Corona* an Bayerns Schulen erlebt hat und erreichen die „Halbblutlehrerin“ am Schreibtisch daheim am Dienstag nach Ostern. Sie korrigiert gerade die große Probe (Religion) ihrer 9. Klasse. Eine Abschlussklasse.

Frau H., der Kabarettist Maxi Schafroth hat Ihre Kollegen im Kultusministerium neulich so beschrieben: „Das sind intellektuelle Wählscheiben. Bis die ein Tablet eingerichtet haben, haben wir die vierte Welle - bei Sars-CoV-3.“ Können Sie das so unterschreiben?

Halbblutlehrerin: (Seufzt lange). Ich glaube, es hat sich im letzten Jahr viel getan. Nicht so viel wie nötig, aber viel. Durch die Eigeninitiative gabs große Schritte. Nicht durchs Kultusministerium. Aber durch die Kollegen, durch die Gemeinden, durch die Schulen und die Schüler. Wir haben sehr viel Privatwissen geteilt.

Corona in Bayern: Lehrerin berichtet von Schulalltag - „Dann kam der Lockdown“

Sie haben voneinander gelernt?

Halbblutlehrerin: Und dabei sehr, sehr viel. Ich damals in einer 10. Klasse Englisch gegeben. Dann kam der Lockdown. Alles ging zuerst durcheinander. Niemand wusste so recht, was wir tun sollten. Jeder hat sofort versucht, Lösungen zu finden. Die Lehrer waren schnell bereit, neue Wege zu gehen und auf diesen Wegen wurden uns viele Steine in den Weg gelegt. Gerade beim Thema Datenschutz. Was darf man, was darf man nicht? Am Anfang haben wir viel mit Mails und Telefon gearbeitet. Was ich mit den Schülern telefoniert hatte, das ging auf keine Kuhhaut.

Michael Piazolo hat in den Pressekonferenzen immer auf Mebis verwiesen.*

Halbblutlehrerin: Das hat uns nicht weitergeholfen. Wir haben Mebis vor Corona nicht benutzt. Es ist auch einfach nicht praxistauglich. Der Aufbau ist extrem unübersichtlich. Ein Kollege hat sich dann reingefuchst und uns intern geschult. Als sich dann am Montag alle eingeloggt haben, ging gar nichts mehr. Wir sind dann schnell auf Zoom umgestiegen. Die Schüler waren offen dafür und uns Lehrern oft ein ganzes Stückchen voraus.

Aber Zoom war doch eigentlich verboten.

Halbblutlehrerin: Das war das Problem. Die meisten Tools, die’s gab, waren datenschutzrechtlich nicht abgeklärt. Wir kämpften da. Tools, die sehr praktisch, sehr einfach waren, waren plötzlich nicht mehr erlaubt. Seit Juli arbeiten wir mit Teams. Das ist einfach perfekt. Ich habe mein eigenes Klassenteam, darin sogar eine Ratschrunde, wo wir uns zweimal die Woche lose treffen. 

Datenschutzrechtlich ist auch Teams umstritten im Ministerium.

Halbblutlehrerin: Ja, weil die Server in den USA stehen.

Aber nicht verboten?

Halbblutlehrerin: Noch nicht.

Corona-Lockdown in Bayern: Lehrerin berichtet - „Wir wussten noch nichts“

Erinnern Sie sich mal für uns zurück. So ungefähr vor einem Jahr, am 13. März, wurde der erste Lockdown und die Schulschließungen verkündet.

Halbblutlehrerin: Die Eltern wussten, dass die Schule zugemacht wird. Wir wussten noch nichts. Ich stand vor meiner Klasse und hab Unterricht gemacht, während die Pressekonferenz lief. Ein Jahr später erfahre ich immer noch aus der Presse, wie es mit meiner Schule weitergeht.

Genau. Ein Jahr später, am 1. April, ist Ihnen der Kragen geplatzt. Sie haben Markus Söder direkt angeschrieben in einer Tweet-Serie und sind dabei sehr deutlich geworden. Was war der Auslöser?

Halbblutlehrerin: Mein Impftermin wurde abgesagt wegen der neuen Stiko-Empfehlung für Astrazeneca. Schon den Termin zu bekommen war schwierig. Es gab ein extra Portal für Lehrer zur Anmeldung. Wir bekamen einen Code. Der Code funktionierte aber lange nicht. Und dann kam die Erinnerung an meine Dienstpflicht.

Der BLLV (Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband) hat einen Brandbrief geschrieben*. Wenn die Lehrer nicht vor Ferienende ein Impfangebot bekämen, würde keiner mehr in den Unterricht kommen. Piazolo und Söder kritisierten das Ultimatum scharf und erinnerten unter anderem an die Dienstpflicht der Lehrer.

Nach Söder- und Piazolo-Kritik - Bayerische Lehrerin: „Das war ein Schlag ins Gesicht“

Halbblutlehrerin: Und das war ein Schlag ins Gesicht. Das bestätigt das Bild, das viele von uns sowieso schon zeichnen. Es gibt diese grundsätzliche Haltung: “Die Lehrer hatten ein Jahr frei…”

… und jetzt wollen sie auch noch die Osterferien verlängern...

Halbblutlehrerin: … und stattdessen kämpfen wir seit einem Jahr. Natürlich gibt es auch faule Lehrer. Genauso wie es sicher faule Journalisten oder faule Krankenschwestern gibt. Aber das ist doch nicht die Regel. Ein Jahr an Herausforderungen liegt hinter uns. Ein spannendes Jahr. Ein Jahr auf das wir stolz sind. Und dann erinnern die uns an unsere Dienstpflicht. Das war ein Schlag ins Gesicht.

Sie bekamen rund 500 Retweets und mehrere tausend Likes auf Ihren Söder-Tweet.

Halbblutlehrerin: Und viele Antworten. Mir ist durch die Resonanz aufgefallen, dass ich das ausgesprochen habe, was sehr viele denken. Ich habe für Bayern gesprochen. Aber die Rückmeldungen kamen aus ganz Deutschland. Alle kämpfen bundesweit mit den gleichen Problemen und viel Wut. Wut aus Hilflosigkeit heraus.

Was hätte man besser machen können?

Halbblutlehrerin: Den Schulen mehr Eigenverantwortung geben. Das mit der großen Gieskanne funktioniert nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass man uns mehr zutraut. Was brauchen wir, was können wir und unsere Schüler leisten, das wissen wir doch selbst am besten. Und ein bisschen mehr Planungssicherheit. Schon klar, dass man die Zahlen nicht voraussagen kann. Aber zum Beispiel diese eine Woche Ostern kurz wieder aufmachen - Das war sowas von für die Katz. Und mehr Gespräche mit Betroffenen. 

Man setzt gedanklich so ein bisschen voraus, dass die meisten Schüler zuhause Schreibtisch, Laptop und Internet haben.

Halbblutlehrerin: Ich arbeite an einer Förder- und an einer Mittelschule. Unser Klientel kommt häufig aus einer Schicht, wo das nicht so ist. Unsere Schüler haben anfangs an ihren Handys gearbeitet, sind dann schnell am Datenvolumen gescheitert. Da gibt’s meist nur ein Tablet für die ganze Familie. Und die Schüler wohnen sehr begrenzt. Da hätte ich mir gewünscht, dass die Politik mal abseits von Gymnasien schaut.

Also ist gar nichts besser geworden nach einem Jahr Pandemie?

Halbblutlehrerin: Doch. Mittlerweile haben wir bei uns in der Schule Tablets. Die Schüler können sie ausleihen und bekommen hier auch einen Arbeitsplatz, wo sie allein in einem Raum sitzen.

Corona-Bilanz nach eine Jahr: Lehrerin berichtet auch von Positivem

Schließen wir optimistisch. Was haben Sie positives aus einem Jahr Corona mitgenommen?

Halbblutlehrerin: Auf jeden Fall mehr Nähe zu den Schülern. Es gab und gibt viele Einzelgespräche, die ganz häufig privater waren. Und die Tafel ist nicht das einzige Medium. Das habe ich jetzt gelernt. Vieles werde ich auch nach Corona weiter verwenden, weil es toll ist. Und die Schüler haben mich beeindruckt, mit welcher Offenheit sie ihrer Situation begegnet sind. 

Müssen viele trotzdem wegen Corona wiederholen?

Halbblutlehrerin: (Seufzt nochmal) Das ist auch so ein Gerücht, dass sich hält. Wir Lehrer hatten ja schließlich auch ein Jahr frei, deshalb müssen jetzt alle wiederholen. Ich kann das nicht mehr hören. Ich bin mit meinem Stoff genauso weit, wie ich sein soll. Natürlich wurden einzelne Schüler abgehängt, die hätte es aber im Präsenzunterricht genauso erwischt. Oft bemerke ich einen positiven Effekt: Einige Schüler, die sich in der Klasse nie so getraut hatten, sind zuhause richtig aufgeblüht, weil sie diesen „Ich muss cool sein”-Faktor nicht mehr hatten. Das war gut.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Rubriklistenbild: © Twitter Screenshot/Halbblutlehrerin/dpa

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