Klage gegen Altersheim

Sohn will Schmerzensgeld für tote Mutter

Traunstein/München – Eine 83-Jährige stürzt im Altenheim und bricht sich den Oberschenkelhals. Sie muss sechs Mal operiert werden und stirbt schließlich an Entkräftung. Ihr Sohn hat das Altenheim verklagt.

Er will nachträglich 10 000 Euro Schmerzensgeld.

Vier Uhr morgens, Altenheim St. Irmengard in Traunstein: Charlotte W., die zur Kurzzeitpflege im Heim ist, will nur auf die Toilette. Doch auf dem Weg dorthin stürzt die 83-Jährige und zieht sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Sie verstirbt Wochen danach an den Folgen. Das war im September 2007. Vor dem Oberlandesgericht München soll nun ein Berufungsprozess endgültig klären, ob der Tod der Rentnerin zu verhindern gewesen wäre – durch eine Sturzprävention des Caritas-Altenheims.

Kläger und Sohn Jens P. ist sich jedenfalls sicher: Mit einer entsprechenden Sicherung würde seine Mutter heute noch leben. Deshalb fordert er 10 000 Euro Schmerzensgeld von der Caritas als Trägerin der Einrichtung. Ein fünfstelliger Betrag dafür, dass die Rentnerin nach dem Sturz sechs Operationen über sich ergehen lassen musste, weil der Bruch nicht heilen wollte. Schließlich stirbt sie an Entkräftung

Wenn es nach dem Sohn geht, liegt die Schuld ganz beim Altenheim. Jens P. gibt an, die Pfleger darüber informiert zu haben, dass seine Mutter bereits einmal vor der Kurzzeitpflege daheim gestürzt sei und daher ein Bettgitter brauche. Das Heim wies diese Vorwürfe zurück und führte ins Feld: Charlotte W. habe sowohl ein Bettgitter als auch einen Rollator abgelehnt. Vor dem Landgericht Traunstein hatte die Klage des Sohnes nur teilweise Erfolg. Eine Schuld des Pflegepersonals wurde als unbegründet zurückgewiesen. Einzig dem Träger räumte man eine grundsätzliche Schuld ein. Beide Parteien gingen daraufhin in Berufung.

Oberlandesgericht muss entscheiden

Nun muss das Oberlandesgericht über den tragischen Fall entscheiden. Was sich als schwierig erweist: „Natürlich kann man jemanden, der geistig noch voll da ist, nicht einfach anketten“, sagte Richter Wilhelm Schneider bei der Verhandlung. Stutzig mache ihn jedoch, dass bei einer ärztlichen Voruntersuchung Charlotte W. als „sturzgefährdet“ eingestuft worden war. Wilhelm Schneider: „Warum hat das Heim daraus keine Schlussfolgerung gezogen?“

Der Rechtsanwalt der Caritas, Jan Wiesener, stellte klar: „Wir hatten es mit einer geistig voll gesunden Patientin zu tun.“ Und: Charlotte W. sei schließlich nicht aus dem Bett gefallen, wozu dann ein Gitter oder Ähnliches? Eine Antwort darauf gab der Anwalt der Gegenpartei, Stefan Conrads: „Bei dem Gitter geht es darum, dass einfach jemand kommen muss, um ihr zu helfen, wenn sie raus will.“ Conrads bemängelte zudem, dass das Personal die Rentnerin vor der Aufnahme in das Heim nicht begutachtet habe: „Da lasse ich sie halt mal auf einem Bein stehen.“ Üblich sei es eigentlich, einen Punktwert über den geistigen und körperlichen Zustand der Seniorin zu erstellen. Das sei in diesem Fall nicht erfolgt. Außerdem: Neben einem Bettgitter hätte es auch andere Mittel gegeben, die Rentnerin abzusichern.

Für die Caritas zählt jedoch nach wie vor der Grundsatz „Freiheit vor Sicherheit“, wie die Pressesprecherin Adelheid Utters-Adam betont. „Wenn sich alte Menschen bewegen, ist die Gefahr eines Sturzes allgegenwärtig.“ Sonst könne man sie nur noch in den Sessel verfrachten, und das mache das Leben nicht mehr lebenswert. Auf den Vorwurf einer fehlenden Begutachtung antwortet sie: „Dass man mit den Bewohnern spricht, gehört bei uns zum Standard.“

Ob dieser Standard auch im Altenheim St. Irmengard in Traunstein gewahrt wurde, blieb auch nach der Verhandlung im Unklaren. Richter Schneider regte letztlich einen Vergleich an. Eine Summe von 3000 bis 4000 Euro stellte der Richter dem Kläger in Aussicht. Nun liegt es an den Parteien, sich zu einigen. Mit einem Ergebnis ist in drei Wochen zu rechnen.  

Maria Gerhard

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