Solar-Boom: Die Schattenseite des Sonnenstroms

Strom aus Sonnenenergie erlebt in Bayern einen nie dagewesenen Boom. Allein in diesem Jahr rechnen Netzbetreiber mit 60 000 neuen Photovoltaik-Anlagen. Gigantische Kollektoren-Felder versorgen tausende Haushalte mit Energie. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten.

Die Mitarbeiter von Eon Bayern arbeiten am Anschlag. Sie müssen über 200 Photovoltaik-Anlagen in ihrem Netzgebiet anschließen – jeden Tag. Die Netzbetreiber sind gesetzlich verpflichtet, den Sonnenstrom aufzunehmen und weiterzuleiten. Die Flut der Anträge ist heuer so groß, dass sie insbesondere im ländlichen Raum kaum noch zeitnah zu bewältigen ist – „trotz Überstunden und Sonderschichten“, sagt Eon-Sprecher Peter Wendler.

Solarstrom ist auf dem Vormarsch wie nie zuvor. Ende 2009 werden in Bayern rund 160 000 Photovoltaik-Anlagen ans Netz angeschlossen sein – über ein Drittel davon sind neue Anlagen aus diesem Jahr. Die bislang gewaltigste Freiland-Anlage wird zurzeit im niederbayerischen Straßkirchen (Kreis Straubing-Bogen) errichtet. Auf 135 Hektar entsteht der größte Solarpark der Welt. Vorläufig. Denn auf Gut Harthof nahe Straubing ist ein noch gigantischeres Projekt geplant. Auf 190 Hektar Fläche – so groß wie 280 Fußballfelder – soll eine Anlage mit einer Leistung von 65 Megawatt entstehen, die 18 000 Haushalte mit Sonnenstrom versorgt.

Niederbayern ist längst die Region mit der höchsten Dichte an Solaranlagen in Deutschland. Doch auch in Oberbayern expandiert der Markt rasant. Der Solar-Anteil am Stromverbrauch ist angesichts der Wachstumsraten schwer zu schätzen, die Daten schnell veraltet. Im kommenden Jahr dürfte der Anteil in Bayern irgendwo zwischen zwei und fünf Prozent liegen. Das Tempo des Wachstums ist enorm – und manch einem zu schnell.

„Das geht mir alles zu hopplahopp“, beschwert sich Josef Wagner. Er sitzt im Gemeinderat der 1100-Seelen-Gemeinde Antdorf (Kreis Weilheim-Schongau). In seiner beschaulichen Heimat soll ein Solarpark mit 40 000 Modulen entstehen. Flächenverbrauch: 9,3 Hektar. Wagner ist nicht gegen Solaranlagen. Aber er hat etwas gegen Investoren, die „nur dem schnellen Geld hinterherrennen“.

Im Gemeinderat wurde wegen der geplanten Anlage hitzig gestritten, die Meinung im Dorf ist gespalten. Als es um die Änderung des Flächennutzungsplans ging, stimmten vier von zwölf Gemeinderäte dagegen. Ein Grund ist das Landschaftsbild, das nach Überzeugung einiger durch die Solarmodule „kaputt gemacht“ wird. Ein weiterer Grund ist, dass der Betreiber Druck auf die Gemeinderäte ausgeübt haben soll. Einem Schreiner soll gedroht worden sein, er werde bald keine Aufträge mehr bekommen, wenn er sich weiter wehre. Einem Fliesenleger aus dem Gemeinderat sei ein lukratives Geschäft in Aussicht gestellt worden sein, wenn er mit „Ja“ stimmt. „Wir sind doch nicht in Süditalien“, schimpft Wagner.

Streit gibt es auch in Ruhstorf an der Rott (Kreis Passau). Hier bewirtschaftet Bauernpräsident Gerd Sonnleitner einen 100-Hektar-Hof. Sonnleitner hat stets kritisiert, dass immer mehr Äcker für Gewerbegebiete oder Naturschutzgebiete verloren gingen. Ausgerechnet er will nun auf seinem Ackerland einen Solarpark bauen.

Sonnleitners Antrag sei die Initialzündung gewesen, „seitdem werden wir von Anfragen überschüttet“, erzählt Bürgermeister Erwin Hallhuber (SPD). Er glaubt, dass es oft nur ums schnelle Geld geht. Investoren aus Norddeutschland oder Holland wollen in Ruhstorf möglichst große Anlagen bauen, um möglichst viel Geld zu verdienen, so Hallhuber. Er aber will „das Landschaftsbild erhalten“ und keine Anlage zulassen, die größer ist als fünf Hektar.

Antdorf und Ruhstorf sind zwei Beispiele von vielen, bei denen es immer wieder ums gleiche geht: Die Preise für Photovoltaik-Anlagen sind drastisch gefallen. Der technische Fortschritt, Massenproduktion und billig verfügbares Silizium haben weltweit zu einer extremen Überproduktion geführt. Gleichzeitig wird Solarstrom durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz subventioniert. Wer noch in diesem Jahr eine Anlage anschließt, erhält für jede Kilowattstunde bis zu 43 Cent – auf 20 Jahre garantiert. Die Förderung sinkt 2010 deutlich. Zeit ist Geld, deswegen drücken die Betreiber aufs Tempo.

Selbst dem Bund Naturschutz (BN) sind die Mega-Anlagen ein Dorn im Auge. Für BN-Experte Ludwig Trautmann-Popp gehören die Kollektoren aufs Dach: „85 Prozent der geeigneten Dächer in Bayern sind noch frei.“ Die großen Stromversorger aber „denken gern an riesige Freiland-Anlagen“. Koste es, was es wolle – „die schwimmen doch im Geld“. Selbstverständlich sei er nicht gegen Sonnenenergie, „aber bei 160 Hektar fehlt mir das Verständnis“.

von Thomas Schmidt

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