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Solarpark-Planer im Interview: „Hausdächer alleine ersetzen kein Kraftwerk“

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Von: Dominik Göttler

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Als Schafweide nutzt die Firma Energiebauern die Flächen unter ihren PV-Modulen.
Als Schafweide nutzt die Firma Energiebauern die Flächen unter ihren PV-Modulen. © Energiebauern

Sepp Bichler aus Sielenbach (Kreis Aichach-Friedberg) betreibt mit seiner Firma „Energiebauern GmbH“ rund 70 Solar-Parks in ganz Deutschland – mit einer Leistung von gut 550 Megawatt. Im Interview spricht der 71-Jährige darüber, wie man Sonne ernten kann.

Herr Bichler, wie haben Ihre Nachbarn reagiert, als Sie vor 30 Jahren Ihre erste Solaranlage aufs Dach gesetzt haben?

Die einen haben gelacht, die anderen dachten, jetzt dreht er durch. Damals kam die Technik noch aus der Raumfahrt und es hat zwei Mark gekostet, eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen. Heute sind wir marktfähig bei etwa sechs bis sieben Cent bei Solar- und Windstrom. Aber der ein oder andere hat sich wohl gedacht: Wenn der damit Geld verdient, warum wir nicht auch?

Gerade entstehen vielerorts PV-Anlagen auf landwirtschaftlichen Flächen. Ist das die Energiegewinnung der Zukunft?

Sepp Bichler
Sepp Bichler © Energiebauern

Es ist ein Teil der Energiewende. Wir brauchen den Wind, wir brauchen die Photovoltaik und wir brauchen Puffer- und Speichermöglichkeiten – etwa mit Biogas, Wasserstoff und Batterien. Dazu werden wir auch PV-Parks auf Ackerflächen brauchen, denn nur mit Hausdächern können wir keine Kraftwerke ersetzen.

Manche finden: So ein Solarpark verschandelt die Landschaft.

Ansichtssache. Man kann solche Parks durchaus schön gestalten. Und es ist eine Frage des Standorts. Wir sind bei der Flächenauswahl sehr vorsichtig und haben bislang wenig Widerstand erfahren. Wenn es der Gemeinderat nicht will, sind wir weg. Wir missionieren nicht. Aber klar muss sein: Wenn wir die Energiewende wollen, dann werden sich auch unsere Dörfer verändern.

Die Skepsis gilt häufig auch den Investoren.

Ja, da sind gerade viele Glücksritter aus der ganzen Welt unterwegs, die in den Gemeinden etwas platzieren wollen und das Geld fließt weiß Gott wohin. Wenn man aber bei der Wertschöpfung die Gemeinde einbindet, etwa mit Bürgerbeteiligungen, dann gibt es wenig Akzeptanzprobleme.

Gibt es genug Flächen?

Mehr als genug. In der Landwirtschaft ist großes Interesse da. Oft sind das Bauern, die ins Rentenalter kommen und nach einer zusätzlichen Altersvorsorge suchen.

Wegen des Ukraine-Kriegs wird diskutiert, welche Flächen noch zum Anbau von Nahrungsmitteln herangezogen werden. Ist es da nicht kontraproduktiv, Agrarflächen zur Energiegewinnung zu nutzen?

PV-Anlagen dürfen ohnehin nur auf sogenannten benachteiligten Flächen errichtet werden, also auf Äckern und Wiesen, die schwächere Erträge liefern. Derzeit nutzen wir mehr als zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen für Biogas oder Biosprit. Bei der Photovoltaik habe ich aber das Vierzigfache an Energieertrag pro Hektar im Vergleich zum Biogas. Derzeit sind nur 0,1 Prozent der Flächen mit Photovoltaik bebaut. Wir bräuchten etwa zwei Prozent, um unseren Beitrag zu den Klimazielen zu leisten. Hinzukommt, dass wir auf unseren PV-Parks ja weiter Landwirtschaft betreiben: Wir nutzen die Flächen unter den Modulen als Schafweide – wolfssichere Zäune inklusive.

Viele Planer beklagen die ausufernde Bürokratie. Ist das bei PV-Parks ähnlich?

Wenn ich heute einen Solarpark plane, muss ich etwa 40 öffentliche Stellen beteiligen. Und es findet sich fast immer ein Sachbearbeiter, der ein unüberwindbares Hindernis findet. Was für Windkraft-Planer der Rotmilan ist, ist für uns die Feldlerche. Das kostet schon viele Nerven. Wir müssen endlich weg vom Verhinderungsdenken hin zum Gestaltungsdenken.

Wirtschaftsminister Habeck spricht vom „Tesla-Tempo“ beim Ausbau.

Finde ich wunderbar. Grobe Planung in drei Monaten und dann loslegen. Ob der Lurch besser von links nach rechts oder von rechts nach links läuft, könnte man auch noch bis zur Inbetriebnahme klären – das sage ich jetzt bewusst sarkastisch.

Haben Sie den Eindruck, Habecks Osterpaket ist da der richtige Schritt?

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz muss grundsätzlich entschlackt werden. Doch mit dem Osterpaket kommt neue Bürokratie dazu. Von den Plänen, die PV-Parks so zu bauen, dass darunter noch mit dem Traktor gefahren werden kann, halte ich nichts, wenn dadurch die Stromproduktion teurer wird.

Reicht unsere Infrastruktur aus, um neue PV-Parks nutzen zu können?

Unser Stromnetz ist auf dem Land extrem schwach ausgebaut, weil dort fast keine Industrie angesiedelt ist. Wenn wir die Energieanlagen dezentral im ländlichen Raum errichten, müssen wir diese Netze radikal ausbauen. Schon jetzt bringen wir unseren erzeugten Strom nicht mehr vollständig in die Netze. Das wird in der Debatte oft vergessen. Wir bräuchten tausend neue Umspannwerke. Und wir müssen künftig mehr darauf achten, die Stromspitzen zu nutzen. An sonnenreichen Tagen müssten also mittags statt nachts die E-Autos geladen und Haushaltsgeräte wie die Waschmaschine betrieben werden. Und für überschüssigen Strom brauchen wir Wasserstoffspeicher. Da hat die Politik noch viel zu tun. Es reicht nicht, täglich neue Ausbauziele zu verkünden, ohne zu erklären, wie sie zu erreichen sind.

Interview: Dominik Göttler

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