Sommerkrimi-Rätsel

Der Anfang vom Ende

Der Krimi-Autor Leonhard F. Seidl gestaltet den Sommer für alle Merkur-Leser etwas spannender. Zehn Wochen lang veröffentlichen wir jeden Dienstag in der Printausgabe eines seiner oberbayerischen Kurzkrimi-Rätsel.

Wie der Kugler Lois jung war, da hat’s noch ein Testbild im Zweiten, einen Pumuckl auf Schallplatten und einen Zivildienst gegeben. Und in seiner Wohnung einen riesigen Verhau. Was auch der Anfang vom Ende war. Aber davon später mehr. Nach der Realschule in Erding wollte der damals 18-jährige Lois raus in die Welt, raus aus Isen.

Es ist ihm nicht leicht gefallen, vor allem, weil er ein Jahr zuvor seine Eltern bei einem Flugzeugunglück verloren hat. Die Oma war die Einzige, die er noch gehabt und die ihn gehabt hat. Aber damals war sie auch noch um einiges fitter als heute. Mit ihr hat er im Haus seiner Eltern gewohnt, einem windpockennarbigen alten Bauernhaus am Ortsrand von Isen. Jetzt liegt’s nicht mehr am Ortsrand, weil Isen mittlerweile gewachsen ist; genau wie dem Lois sein Bauch.

Damals haben’s zum Lois schon „Django“ gesagt, weil er seinen Ledermantel, die Cowboystiefel und den Hut überhaupt nicht mehr ausgezogen hat. Eine Zeit lang hat er sogar noch einen Holzsarg hinter sich hergezogen, genau wie der Franco Nero in dem gleichnamigen Western. Aber das hat er sich bald abgewöhnt, weil er vom Seil wunde Schultern gekriegt hat, und der Renner Anton vom Dorfener Anzeiger schon vor der Haustüre gestanden ist, um einen Artikel über ihn zu schreiben.

Kurz nachdem er seinen Zivildienst in der Unfallchirurgie in Murnau angefangen hat, ist ihm die Maria über den Weg gelaufen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Zumindest für den Lois. Die schwarzen Haare, die dunklen Augen, er hat gar nicht mehr wegschauen können, was der Maria ein bisserl unangenehm war. Genau wie sein komischer Aufzug. Weil am Tegernsee, wo sie her war, hat’s zwar Trachtler gegeben, aber keine Cowboys. Und als Kind war sie schon immer lieber die Indianerin gewesen. Bei der Mondscheinfahrt auf dem Staffelsee hat sie der Lois dann als erster Mann zum Tanzen aufgefordert. Worauf ihr Herz samt ihre Füße Rock‘n‘Roll getanzt haben. Was danach passiert ist, das bleibt den beiden ihr Geheimnis. Man kann sagen, der Lois war seit Langem mal wieder richtig glücklich.

Nach dem Dienst in der Klinik hat die Welt nur ihm und seiner Maria gehört: der See, die Berge und der weißblaue Himmel. Weil der Lois aber auch noch schlafen hat müssen – er braucht mehr Schlaf als die meisten Menschen –, ist er nicht dazugekommen, seine winzige Zivibude aufzuräumen, was der Maria ziemlich gestunken hat.

Und jetzt steht er da, der Lois, vor der Tür von seiner Wohnung. Wie er zum Frühdienst gegangen ist, hat die Maria noch geschlafen, weil’s gestern wieder einmal tanzen waren. Der Lois macht also die Tür auf und sofort kommt ihm ein Schwarm Obstfliegen entgegen, und riechen tut’s auch nicht besonders gut. Schnell macht er die Tür hinter sich zu, da seine Nachbarn ja nicht unbedingt etwas von dem naturwissenschaftlichen Experiment mitbekommen sollen. Die Küche mit dem dreckigen Geschirr von der ganzen letzten Woche lässt er links liegen und steigt über den Berg Wäsche. Er will sich einfach nur noch zu Maria legen und ratzen.

Aber Maria ist nicht da. Auf dem Tisch, wo heute Morgen, zwischen einem überfüllten Aschenbecher und Bierdosen, ein drei Tage alter Salat stand, liegt ein Zettel. Es ist Marias Schrift. „Sacklzement!“, flucht er, weil er die Kaffeetasse umgeschmissen und die schwarze Soße über den Zettel verteilt hat. Deswegen kann er jetzt auch nicht mehr alles lesen: „Jetzt ist endgültig Schluss. Hier verschimmelt man ja. Ich bin weg. Für immer. Dein Sala.“

Dein Sala? Hat sich sein Sternschnuppsi verschrieben, weil sie so sauer war? Sein Herz beginnt, mit seinem Kopfschmerz um die Wette zu hämmern. In der letzten Zeit haben sie sich öfter gestritten. Wegen der Unordnung in seinem Zimmer und weil er einer Kollegin angeblich schöne Augen gemacht hat. Die Oma hat ihn gewarnt, wie er es ihr am Telefon erzählt hat, dass das einmal ein böses Ende nehmen wird mit seinem Saustall und dem Dschambsderergehabe. Aber, dass die Monika einfach ohne ein Wort abhaut, damit hat er nicht gerechnet.

Django reicht’s jetzt auch endgültig. So hat sein Leben keinen Sinn mehr. Er wird es beenden, wie es sich für einen Cowboy gehört. Also langt er nach seiner Pistole, seinem Derringer. Tauscht seine Jesuslatschen gegen die Cowboystiefel und den Kasack gegen den Ledermantel und den Hut. Jetzt ist er bereit für das Ende. Das Wasser wird der Henker sein. Er liefert sich der brütenden Hitze des Sommertages aus. Geht zum See hinunter. Ruft sich noch einmal die unvergesslichen Momente mit seiner Maria in Erinnerung. Wie sie in der Nacht nackt im See gebadet und miteinander eine Weißwurst gezuzelt haben; jeder an einem anderen Ende. Dann steht er am Ufer. Schaut aufs Wasser. Die kleinen Wellen ähneln klagenden Mündern. Wie der Mund von Maria. Für deren Worte seine Ohren taub waren.

Schließlich dreht er sich um und geht. Lässt das Seeufer hinter sich. Kauft von seinem letzten Geld Putzmittel. Zuhause wartet Maria schon auf ihn. Fällt ihm um den Hals und erzählt Tränen lachend, was auf dem Zettel stand...

...erfahren Sie am Dienstag, 8. Juli, in der Printausgabe der Münchner Merkur. Dort werden alle Teile des Sommerkrimi-Rätsels veröffentlicht - und Sie können mitraten und gewinnen.

Der Autor Leonhard F. Seidl und seine Krimis

Leonhard F. Seidl ist 1976 in München geboren und nahe des oberbayerischen Isentals aufgewachsen. Er studierte Sozialpädagogik. Etliche Jahre später saß er im Knast – um für die Arbeit „Beschriebene Blätter – Kreatives Schreiben mit straffälligen Jugendlichen“ zu recherchieren. Dafür wurde er ausgezeichnet.

Sein Romandebüt „Mutterkorn“ wurde für den Förderpreis zum August Graf von Platen Literaturpreis nominiert.

Heute lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Nürnberg. Er arbeitet als Sozialpädagoge, Dozent für Kreatives Schreiben, Journalist, Biograph und freier Autor. Genau wie sein Ermittler Freddie Deichsler in seinem Kriminalroman „Genagelt“ erkundeten Seidl und sein Sohn in der Elternzeit das Isental. „Genagelt“ ist Anfang des Jahres im Emons-Verlag erschienen und mit „einer Prise Witz“ geschrieben, urteilte Rezensent Anton Renner, Redakteur des Dorfener Anzeigers. Der Roman thematisiert die Isentalautobahn, Vorurteile und Korruption.

Seine Rätselkrimis werden im kommenden Jahr als Sammelband im Gmeiner-Verlag erscheinen. Auch ein „Krimineller Freizeitplaner“ für Oberbayern ist bereits in Planung.  

mm

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