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Sonne und Mond auf Tuchfühlung. Das Schauspiel wird so ähnlich aussehen wie am 31. Mai 2003 über der Frauenkirchen.

Himmelsphänomen am Freitag

Sonnenfinsternis:  Wenn Sonne und Mond heiraten

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München - Am Freitagvormittag hat der Mond einen großen Auftritt: Er schiebt sich vor die Sonne, über Bayern wird’s duster – wir erleben eine partielle Sonnenfinsternis. Früher war das ein Mysterium.

Entsetzen, Panik, Todesangst. In München ist das Chaos ausgebrochen. Die einen machen hastig ihr Testament, die anderen rennen zum Beichtstuhl, verabschieden sich von ihren Liebsten. Was ist los an diesem Tag im Juli 1851? Sonne und Mond raufen miteinander, mitten am Tag wird es plötzlich dunkel. Viele glauben, das Ende der Welt naht. Die Erklärung für das Spektakel am Himmel: eine Sonnenfinsternis.

Diese Woche ist es wieder soweit. Am Freitag können die Oberbayern eine Sonnenfinsternis sehen – zwar nur eine partielle, aber immerhin: die nächste von der Dimension gibt es erst wieder 2026.

„Jedes Himmelsereignis ist faszinierend“, sagt Christian Sicka, Physiker und Kurator beim Deutschen Museum in München. „Es ist spannend, dass wir der Himmelsmechanik zuschauen können.“ Und das, obwohl wir heute so viel mehr über Astronomie wissen als die Menschen früher. Sicka steht auf der Beobachtungsbühne in der Westkuppel. Vor ihm ein riesiges Teleskop, das in den Himmel zeigt. Der Zeiss-Refraktor, so heißt das Ding, ist fünf Meter lang – und wie ein Tor zu einer anderen Welt. Wer durchschaut, für den ist die etwa 150 Millionen Kilometer entfernte Sonne plötzlich ganz nah. Durch eines der beiden Teleskop-Rohre kann man sogar Gasausstöße am Sonnenrand beobachten, sie sehen aus wie Woll-Fussel. Tatsächlich sind sie hunderttausende Kilometer lang. Wäre die Erdkugel die Perle einer Kette, bräuchte man 109 Perlen, damit die Kette so lang ist wie der Durchmesser der Sonne. Die Dimensionen sind nur schwer vorstellbar.

Trotzdem kann die Astronomie heute exakt erklären, was bei einer Sonnenfinsternis passiert (siehe Grafik). Sicka zeigt jetzt auf einem Monitor hinter dem großen Teleskop ein Bild von dem Himmelsschauspiel. Der Mond dreht sich um die Erde, die Erde wiederum umrundet die Sonne, sagt er. Eine Sonnenfinsternis kommt zustande, wenn der Mond die Sonne verdeckt, weil er zwischen Erde und Sonne steht. Diese Konstellation gibt es bei jedem Neumond. Weil aber die Mondbahn leicht geneigt ist, ist eine Sonnenfinsternis selten. Trifft der Kernschatten des Mondes die Erde, spricht man von einer totalen Sonnenfinsternis. Die Sonne ist dann vollständig vom Mond bedeckt, mitten am Tag funkeln die Sterne – so wie zuletzt 1999. „Zu Lebzeiten kriegen die meisten hier keine weitere mehr mit“, sagt Sicka. Erst 2081 wird es wieder eine geben. Wer vorher eine totale Sonnenfinsternis sehen möchte, muss ins Flugzeug steigen.

Trifft nur der Halbschatten die Erde, handelt es sich um eine partielle Sonnenfinsternis. Die Sonne verschwindet dann nur teilweise hinter dem Mond – am Freitag wird das in München von 9.31 Uhr bis 11.52 Uhr dauern, das Maximum ist um 10.40 Uhr erreicht. „Je weiter im Norden man ist, desto mehr von der Sonne ist bedeckt“, erklärt Physiker Christian Sicka. In Norddeutschland werden es rund 80 Prozent sein, in Oberbayern immerhin 68 Prozent. Damit ist das Spektakel am Freitag zwar eine verhältnismäßig eindrucksvolle Sonnenfinsternis, es wird aber nicht vollständig dunkel.

Auf so ein exaktes Wissen konnten unsere Vorfahren nicht zurückgreifen. Deshalb erklärten sie sich die Sonnenfinsternis mit Sagen. Zum Beispiel mit dieser Liebesgeschichte, die der Volkskundler Franz Xaver von Schönwerth 1858 in der Oberpfalz niederschrieb: Sonne und Mond feiern Hochzeit. Doch: Der fahle Mond ist in der Hochzeitsnacht kein guter Liebhaber für die feurige Sonne, es gibt Streit – und eine Wette. Wer zuerst erwacht, darf fortan bei Tag scheinen. Die Sonne gewinnt, ist aber noch immer sauer und schwört, nie wieder eine Nacht mit dem Mond zu verbringen. Doch die Sehnsucht bleibt. Manchmal kommen Sonne und Mond deshalb zusammen – bei einer Sonnenfinsternis. Auch manche Indianerstämme und afrikanische Ureinwohner stellten sich die beiden als zankendes Paar vor: Bei einer Sonnenfinsternis hat der Mond die Oberhand, bei einer Mondfinsternis die Sonne.

Doch so romantisch waren nicht alle Erklärungsversuche. Rainer Wehse, Volkskundler von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, sagt: „In der Mythologie war eine Sonnenfinsternis eine unheimliche Erscheinung.“ Europäer, Australier und Amerikaner befürchteten bei einer Sonnenfinsternis Ohnmacht, Krankheit oder gar den Tod der Sonne. In der Arktis dachte man, dass die Sonne ihren gewohnten Platz verlassen hätte – blieb sie für immer fort? Im Mittelalter und in der Antike spekulierten die Menschen, dass die Sonne zornig oder traurig sei. Und stets glaubte man, dass höllische, göttliche oder menschliche Wesen die Sonnenfinsternis verursachen.

Volkskundler Wehse sagt: „Es gibt die Grundtendenz im Volksglauben, dass bei Finsternis schwere Gefahren drohen.“ Die Menschen befürchteten bei Sonnenfinsternissen zum Beispiel, dass auf den Friedhöfen Gespenster spuken. Gemunkelt wurde auch, dass das Phänomen wichtigen Persönlichkeiten schaden könnte. Bekanntestes Opfer: Karl der Große. Sein Tod im 9. Jahrhundert, so der Volksglaube, war die Folge einer Sonnenfinsternis.

Und doch gab es früher auch Menschen, die sich auf die Sonnenfinsternis freuten: die Goldsucher in Böhmen zum Beispiel hofften auf ein glückliches Händchen und besonders üppige Funde. Außerdem gab es Weissagungen, nach denen die Ernte besonders reich sein soll, wenn die Sonne bei einer Sonnenfinsternis im Widder steht. Der Haken: Steht die Sonne im Stier, bricht eine Hungersnot aus.

Die Menschen dachten sich oft einen „Abwehrzauber“ aus, erklärt Wehse. In der Oberpfalz zum Beispiel wurde es dann laut: In allen Ecken krachte und schepperte es, Lärm überall – die Leute schlugen gegen Eisen, ein magisches Material. Das sollte Unheil abwenden, die Menschen beschützen. In anderen Regionen nahm man Pillen, um sich vor giftigem Tau, der angeblich bei einer Sonnenfinsternis auftrat, zu schützen. Viele Leute aßen das Gemüse aus dem Garten nach einer Sonnenfinsternis nicht mehr, andere deckten ihre Brunnen ab. Und freilich suchten sie ihr Heil in der Religion: Sie hielten Prozessionen ab und taten Buße.

Heutzutage birgt das Spektakel andere Unsicherheiten: Die Stromnetzbetreiber zum Beispiel bangen ein wenig. „Für das Stromnetz ist die Sonnenfinsternis eine besondere Herausforderung“, sagt Fiete Wulff von der Bundesnetzagentur. Bei der letzten vergleichbaren partiellen Sonnenfinsternis 2011 gab es weniger Photovoltaikanlagen als jetzt. Erfahrungen, wie es sich auf das Netz auswirkt, wenn alle gleichzeitig weniger Strom produzieren, fehlen. „Wenn es dunkel wird, geht die Produktionsleistung zurück. Das muss man über andere Energiequellen ausgleichen“, erklärt Christian Martens von den Bayernwerken. Im äußerst unwahrscheinlichen Fall kann es passieren, „dass der Verbrauch gedrosselt werden muss“ – und einzelne Verbraucher vom Netz genommen werden müssen.

Auch wenn es plötzlich wieder heller wird, bleibt es spannend: „Problematisch ist das Ende der Sonnenfinsternis, wenn in kurzer Zeit eine große Menge Sonnenstrom ins Netz geht“, erläutert Wulff. Dann müssten andere Stromquellen zurückgefahren werden. Die Netzbebetreiber hoffen für den 20. März auf schlechtes Wetter – dann sind die Helligkeitsunterschiede nicht so groß.

Dem Wunsch schließen sich Augenärzte an: „Wir hoffen für die Augengesundheit unserer Mitbürger, dass es am Tag der Sonnenfinsternis regnet“, sagt Georg Eckert, Sprecher des Berufsverbands der Augenärzte. Das Spektakel durch Kamera-Objektive oder herkömmliche Ferngläser (auch nicht mit Schutzbrille!) zu beobachten, kann die Augen dauerhaft schädigen – und das Gerät kann ohne einen speziellen Filter kaputt gehen. Sonnenbrillen sind für die Augen kein ausreichender Schutz. Wer direkt in die Sonne schaut, riskiert Verbrennungen an der Netzhaut. Zertifizierte Spezialbrillen, zum Beispiel vom Optiker, sind ein Muss.

Davon abgesehen gibt es auch heute noch abergläubische Menschen, die eine Sonnenfinsternis fürchten. Bestes Beispiel: die totale Sonnenfinsternis 1999. Sektenmitglieder schlossen sich damals in Bunkern ein, besorgte Bürger hamsterten Lebensmittel-Vorräte, um nach der prophezeiten Katastrophe überleben zu können.

Dass die Wissenschaft eigentlich schon längst die meisten Geheimnisse rund um das spektakuläre Phänomen aufgedeckt hat, hat diese Menschen nicht beruhigt. Hunderte Jahre im Voraus berechnen Wissenschaftler auf die Minute genau, wann und wo eine Sonnenfinsternis zu sehen ist. Nur Störungen in der Mondbahn könnten den Zeitplan durcheinanderbringen: „Da sind aber unvorhergesehene Ereignisse in nächster Zeit nicht zu erwarten“, beruhigt Physiker Sicka.

Jetzt muss am Freitag nur noch das Wetter mitspielen: „In Südbayern sind die Chancen gut, dass es heiter wird“, heißt es beim Deutschen Wetterdienst. Durch professionelle Teleskope der Sternwarten (siehe Kasten) ist das Ereignis dann besonders beeindruckend. Doch auch draußen kann man mit etwas Glück einen schönen Blick auf das Himmelsschauspiel genießen.

Claudia Schuri

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