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Schlägt das Herz des Einzelhandels für die Landwirte?

Milchpreis

Sonnleitner droht dem Einzelhandel

München - In einem geharnischten Brief hat Bauernpräsident Gerd Sonnleitner den Lebensmitteleinzelhandel dazu aufgefordert, die Versprechen vom Milchgipfel einzuhalten. Er befürchtet einen neuerlichen „skandalösen Preiskampf“.

Gerd Sonnleitner war von Beginn an skeptisch. Noch im Juli, nach dem Milchgipfel mit (dem noch wenige Tage amtierenden) Bundesagrarminister Horst Seehofer, hatte sich der Einzelhandel deutlich zum Agrarstandort Deutschland bekannt – und verantwort-ungsbewusstes Handeln versprochen. Damals hatte Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, gedroht: „Ich werde sehr streng beobachten, ob sich der Handel an seine Zusage hält und das umsetzt.“ Was von den Versprechungen des Handels übrig geblieben ist, reicht Sonnleitner bei weitem nicht: Die derzeitigen Gespräche zwischen Lebensmittelhandel und Molkereien deuteten auf eine Wiederholung des „skandalösen Preiskampfes zum Nachteil der heimischen Milcherzeugung hin“. Bald, so befürchtet er, würden die Landwirte diesen zu spüren bekommen.

Schon Anfang August – die versöhnliche Stimmung vom Milchgipfel lag noch in der Luft – hatte der Discountriese Aldi angekündigt, in den kommenden Monaten 25 Cent pro Kilogramm Milch weniger und somit nur noch 2,95 Euro pro Kilo Deutsche Markenbutter zu zahlen. Jetzt formulierte Sonnleitner einen Drohbrief, der am Freitag bei den Führungsetagen der großen Handelsketten Rewe, Aldi, Lidl, Metro, Norma und Tengelmann eingegangen ist. „Ich fordere den Handel dazu auf, die Preisdruckpolitik aufzugeben, damit die Milchbauern nicht ruiniert werden“, sagte Sonnleitner unserer Zeitung. Denn die Situation am Milchmarkt ist für die Landwirte derzeit alles andere als rosig. Die Molkereien haben den bayerischen Bauern im August 34,4 Cent pro Kilogramm Milch bezahlt. Im vergangenen Jahr lag der Preis zum selben Zeitpunkt bei 34,78 Cent – nicht viel höher also. Doch normalerweise geht der Preis im Herbst nach oben – auch weil die Kühe saisonbedingt weniger Milch geben und folglich weniger Milch am Markt ist.

Im Herbst 2007 stieg der Preis kontinuierlich von 36,98 Cent im September auf 41,01 Cent im Dezember. Das wird in diesem Jahr vermutlich ausbleiben. Die Ursache liegt in den Absatzrückgängen im In- und Ausland. Sonnleitner hat eine allgemeine Kaufzurückhaltung wegen der Finanzkrise festgestellt: „Es wird extrem auf den Preis geschaut.“ All diese Faktoren führen laut Zentraler Markt- und Preisberichtstelle zu einer „für die Jahreszeit ungewöhnlich schwachen Entwicklung der Milcherzeugerpreise“.

Vor diesem Hintergrund ist der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) besonders enttäuscht über die Entscheidung des Agrarausschusses im Bundesrat. Dieser hatte Anfang vergangener Woche die meisten Forderungen des BDM zur Reduzierung der Milchmenge abgelehnt. Forderungen, auf die sich der Verband beim Milchgipfel mit Seehofer geeinigt hatte. Eine davon: die Abschaffung der Saldierung. So sollten Landwirte, die bewusst zuviel Milchmenge liefern, bestraft werden können. „Es macht keinen Sinn, zu viel zu produzieren und an den niedrigen Preisen kaputt zu gehen“, so BDM-Chef Romuald Schaber. Zudem sollte die Milchmenge am Markt gesenkt werden, indem die Umrechnung von Liter in Kilogramm um 0,1 geändert wird.

Dass der Agrarausschuss den Ministerpräsidenten der Länder von diesen Veränderungen der Milchmarktpolitik abgeraten hat, sei, so Schaber, „ein Desaster und eine politische Fehlentscheidung“. Nach Meinung des Agrarausschusses ist eine europaweite statt einer nationalen Mengenregelung nötig. „Wir haben uns zurückgenommen, die Nachbarländer aber produzieren massiv mehr“, sagt Sonnleitner und plädiert ebenfalls für länderübergreifende Lösungen.

Übrig bleibt vom Milchgipfel, in den viele Landwirte große Hoffnungen gesetzt hatten, lediglich der Milchfonds. Jährlich 300 Millionen Euro sollen benachteiligte Milchbauern in Bergregionen von der EU bekommen. Der Bundesrat entscheidet am 7. November über die Empfehlung des Ausschusses. Bis dahin ruht das Thema auch im Bundesagrarministerium.

Von Carina Lechner

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