Messerstecher von Grafing: Das Urteil ist gefallen

Messerstecher von Grafing: Das Urteil ist gefallen
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Spuren der Erinnerung: Sophie Dannhart steht in ihrem Büro vor einer Wand mit alten Fotos. Das alte Kalenderblatt zeigt den Tag, der ihr Leben veränderte.

Neuanfang: Sophie Dannhart lebte früher als Mann

Dachau - Sophie Dannhart lebte früher als verheirateter Mann und Vater von drei Kindern in Dachau. Doch dann kam der 9. September 2011 und Sophie - damals noch Josef - beschloss, noch einmal ganz neu anzufangen.

Im falschen Körper geboren - der beschwerliche Weg zweier ehemaliger Frauen zum Männerkörper

Die schwarzen Ziffern auf dem Kalenderblatt zeigen den 9. September 2011. Seit dem Tag sind sieben Monate vergangen. Die Ärzte fanden damals bei Josef Dannhart Krebs, zum zweiten Mal. Die Prognose war schlecht. Dannhart traf eine fundamentale Entscheidung: Er wollte die verbleibende Zeit im richtigen Geschlecht leben. Aus Josef wurde Sophie. Endgültig. An den Neubeginn erinnert seitdem Tag für Tag das alte Kalenderblatt an der Wand.

Sophies seidenes Halstuch ist farblich abgestimmt auf den braunen Rock. Sie sitzt in ihrem Büro im Gesundheitsministerium. Immer wieder streicht sie sich den blonden Pony aus dem Gesicht. Die Fältchen an den Augen kräuseln sich, wenn Sophie lacht – sie wirkt glücklich. Ihr Lidstrich sitzt perfekt, mit dem Schminken hat die 59-Jährige keine Probleme mehr. Früher hat ihre Frau das für sie gemacht. Früher war Sophie aber ein verheirateter Mann mit drei Kindern.

Kurz vor ihrem 40. Geburtstag, als sie noch Josef war, merkte sie: „Irgendwas ist nicht normal.“ Heimlich schlich sie zum Kleiderschrank ihrer Frau, trug immer öfter deren Unterwäsche. „Es fühlte sich verboten an, aber gut“, sagt Sophie. Ihre Ehefrau wurde misstrauisch und sprach sie darauf an: Im Bett redete das Paar eine Nacht lang. Dass sich ihr Mann wie eine Frau fühlte, war nun ausgesprochen. Doch die Gattin blieb bei ihrem transsexuellen Mann – und unterstützte ihn.

Mehrmals im Jahr unternahmen die beiden Ausflüge, in denen Sophie Frau sein durfte. Die Gattin kaufte Frauenkleider, zog ihm Strümpfe an, schminkte ihn. „Das war ein wahnsinniges Erlebnis“, erzählt Sophie. In ihrem Heimatort bei Dachau blieb ihre zweite Identität verborgen, aus Rücksicht auf die Familie. „Die Liebe zu meiner Frau war wichtiger als der Drang mich auszuleben.“ 2010 starb Sophies Ehefrau an Krebs. Erst aus dem Abschiedsbrief der Mutter erfuhren die Kinder vom Doppelleben ihres Vaters.

„Sie nennen mich Papa, nicht Sophie“

Sophie neigt den Kopf zur Seite und blickt auf ein Bild ihrer Kinder. Die Familie habe noch Schwierigkeiten, die neue Situation zu akzeptieren. „Sie nennen mich weiterhin Papa und nicht Sophie“, sagt sie knapp. Seit vier Wochen steht der neue Name in ihrem Personalausweis. Ihre E-Mail-Adresse ist noch nicht umgestellt: „Man schreibt an Josef, und es antwortet Sophie“, sagt sie und lächelt. Die Kollegen hätten ihr Outing gut angenommen. Nur am Telefon verrät die dunkle Stimme ihr biologisches Geschlecht. Einen Eingriff an den Stimmbändern lehnt sie ab. Denn die Stimme störe nur die dnderen, nicht sie. Eine geschlechtsangleichende Operation wünscht sie sich jedoch sehr. „Die Angleichung ist für meine Psyche unglaublich wichtig“, sagt Sophie. Doch solange sie Chemotherapie anhält, muss die Operation warten.

Der 9. September ist für Sophie trotz ihrer Krebsdiagnose ein guter Tag: „Seitdem führe ich ein neues Leben und fühle mich pudelwohl.“ Der 9. September bedeutet für Sophie Neuanfang – kein Ende.

Von Laura Dìaz und Lisa Philippen

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