Sorge um Abschaffung der Schreibschrift

München - Sprachschützer warnen vor einer Abschaffung des Schreibschrift-Unterrichts. Grund: Ein Lehrerverband propagiert eine neuartige, druckschriftartige Grundschrift und stößt damit zunehmend auf Resonanz. Auch in Bayern probieren es einige Schulen aus.

Ist das Abendland in Gefahr? Droht ein neuer Kulturkampf? Der Appell der Zeitschrift „Deutsche Sprachwelt“ (Erlangen) klingt jedenfalls dramatisch: „Rettet die Schreibschrift“, heißt die Kampagne, die Thomas Paulwitz vom Verein für Sprachpflege zusammen mit einigen anderen Organisationen gestartet hat. Anlass war der Tag der deutschen Sprache am vergangenen Samstag. An 100 Schulen bundesweit werde schon eine neue Grundschrift erprobt, warnen die Sprachschützer. „Wer die Schreibschrift abschafft, gibt nicht nur ein wertvolles Kulturgut auf, sondern behindert auch die geistige Entwicklung der Kinder.“

Um die Schrift gibt es seit jeher heiße Debatten. Ganz früher war Sütterlin das Nonplusultra. Die Nazis setzten auf ein Frakturverbot und eine Deutsche Normalschrift. 1953 dann setzte sich in Deutschland die Lateinische Ausgangsschrift durch. Dagegen entwickelte der im vergangenen Jahr verstorbene Pädagoge Heinrich Grünewald Anfang der 1970er Jahre die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA), die auch als Schreibschrift gelehrt wird - in Bayern allerdings erst seit 2004.

Die VA sei „die aus wissenschaftlicher Sicht zu bevorzugende Ausgangsschrift“, heißt es in einer Studie des Bayerischen Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung. Doch unumstritten ist die Grünewald-Schrift nicht. Der Grundschulverband - nicht zu verwechseln mit dem stärker politisch aktiven Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) - hat eine eigene Grundschrift entwickelt. Diese Schrift hat Druckbuchstaben, die kleinen Buchstaben sind aber zum Teil so gestaltet, dass sie am Anfang und Ende kleine Anschlussstellen haben (Strich oder Häkchen), so dass sich Buchstabe an Buchstabe reihen lässt. Die Kinder können also die Buchstaben verbinden, sie müssen das aber nicht. „Die Grundschrift ist die Schrift, die Kinder täglich in ihrer Lebenswelt sehen und erleben - die Schrift mit Druckbuchstaben“, begründet der Verband seine Schrift. Die VA sei hingegen „historisch überholt“, erklärt der Verbandsvorsitzende Horst Bartnitzky.

Der Durchbruch gelang nun in Hamburg, wo es den Grundschulen seit diesem Schuljahr freigestellt ist, ob sie die VA oder die Grundschrift lehren. In Baden-Württemberg wurde noch unter CDU-Führung beschlossen, die Grundschrift in einem Schulversuch auszuprobieren. In Bayern werde zwar in weit über 90 Prozent der Grundschulen die VA gelehrt, schätzt der Präsident des BLLV, Klaus Wenzel. Doch das könnte sich ändern. Das bayerische Kultusministerium will den Lehrplan für Grundschulen reformieren. Bisher ist die VA die „Richtform“ - Abweichungen bei einzelnen Buchstaben sind freilich möglich. Nun denkt man auch an einen Schulversuch zur Grundschrift. Erste zaghafte Ansätze gibt es: An der kleinen Josef-Guggenmos-Volksschule im schwäbischen Irsee etwa ist seit vergangenem Schuljahr die Grundschrift für Erstklässler verbindlich - der Versuch wird von der Ludwig-Maximilians-Universität München wissenschaftlich begleitet. An der Grundschule Icking (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) haben die Lehrer in diesem Frühjahr über die Einführung der Grundschrift abgestimmt - sie jedoch abgelehnt. „Schreibschrift ist ein wichtiges Kulturgut“, sagt Rektor Anton Höck, der pikanterweise zugleich die Regionalgruppe des Grundschulverbands leitet. In diesem Falle stehe er seinem Verband eher kritisch gegenüber, bekennt Höck.

BLLV-Chef Wenzel, der die Ziele des im wesentlichen auf Bundesebene aktiven Grundschulverbands sonst teilt (etwa die Forderung nach einer längeren Grundschulzeit), kann der Grundschrift nichts abgewinnen. „Ich bin ein Verfechter der Schreibschrift“, bekennt er, „sie abzuschaffen, wäre der Verlust einer Kulturtechnik.“

Die Sprachschützer haben jetzt eine Unterschriftenaktion an die Kultusminister gestartet. Nach der Rechtschreibreform müsse ein weiterer schulpolitischer Missgriff verhindert werden.

Dirk Walter

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