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Ein Kreißsaal in der Klinik Wolfratshausen. Dort ist die letzte verbliebene Geburtsstation im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. 

Schlechten Nachrichten aus den Kliniken

SOS bei der Geburtshilfe: Weitere Kreißsäle schließen

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Die Krise bei den Geburtsstationen erfasst weitere Kliniken. Nach der Schließung der Kreißsäle in Bad Tölz und Gräfelfing werden bald auch in Bad Aibling und (mit Ausnahmen) in Erding keine Entbindungen mehr möglich sein. Die Politik sei gefordert, sagen entsetzte Kommunalpolitiker.

Bad Aibling/Erding – Rund 600 Babys kamen in der Vergangenheit jedes Jahr in der Romed-Klinik in Bad Aibling (Kreis Rosenheim) zur Welt. Doch das ist bald Geschichte: Ab dem 15. August ist die Geburtshilfe in der Klinik geschlossen, Schwangere müssen zum Beispiel nach Rosenheim oder Wasserburg ausweichen.

Grund ist eine akute Personalknappheit: „Aktuell liegen der Klinikleitung Schreiben von fast allen Hebammen vor, wonach sie um die Aufhebung der Verträge bitten“, berichtet der Ärztliche Leiter des Krankenhauses, Dr. Guido Pfeiffer. Grund seien die bekannten schwierigen Rahmenbedingungen für die Geburtshelferinnen. Sie seien „nach wie vor mit extrem hohen Versicherungsprämien“ konfrontiert, weshalb sich ihre freiberufliche Tätigkeit nicht mehr lohne. „Der bundesweite Hebammenmangel ist leider auch bei uns angekommen“, bedauert Simone Donhauser, Sprecherin der Beleghebammen an der Romed-Klinik. Und der Gynäkologe Dr. Wolfgang Vorhoff, Belegarzt an der Klinik, sagt: „Es ist schade, dass die vielen Appelle, die bundesweiten Rahmenbedingungen für die Geburtshilfe zu verbessern, offensichtlich nicht gewirkt haben.“

„Schwerwiegende Personalengpässe“ am Klinikum Erding

Ähnlich die Situation am Klinikum Erding: Vorerst für drei Monate finden dort nur noch geplante Kaiserschnitte statt – nicht aber reguläre spontane Geburten. Grund seien „schwerwiegende Personalengpässe“ bei den Beleg-Hebammen, teilte die Klinik am vergangenen Freitag mit. Schwangere müssen jetzt in Nachbarstädte ausweichen – Landshut, Freising, Ebersberg oder gleich München. Die Anfahrtswege sind länger, der Stress, sich kurzfristig vor einem nahen Entbindungstermin eine neue Klinik zu suchen, ist hoch.

Wie auch in Bad Aibling und zuvor bei der Asklepios-Klinik in Bad Tölz, deren Entbindungsstation schon seit dem Frühjahr geschlossen ist, führen die Hebammen hohe Versicherungsgebühren als einen Grund an. Wer als selbstständige Hebamme bei Geburten helfe, müsse demnächst 8000 Euro pro Jahr zahlen, sagte Hebamme Dorit Naefe aus Pastetten (Kreis Erding) unserer Zeitung. Die Entschädigungssumme bei Geburtsschäden seien von 1,5 auf 2,6 Millionen Euro sprunghaft angestiegen, erläutert Prof. Martin Kolben von der Wolfarts-Klinik Gräfelfing, wo die Geburtsstation wohl im September schließt. Eine sogenannte „Kassengeburt“, die also mit einer Krankenkasse abgerechnet werde, decke die Versicherungsprämien bei Weitem nicht. Hinzu kommt in Erding ein offenbar unattraktives Zwei-Schicht-Modell mit Bereitschaftszeiten von 6 bis 18 sowie 18 bis 6 Uhr. „Keine Kollegin, die Kinder hat, kann das länger machen“, sagt Naefe.

Schließung an der Romed-Klinik ein „Riesenverlust“

Kommunalpolitiker reagieren gereizt auf die schlechten Nachrichten aus den Kliniken. Er habe aus der Zeitung von der Schließung erfahren müssen, ärgerte sich Erdings Oberbürgermeister Max Gotz (CSU). Ihn mache das betroffen, dass viele Eltern jetzt rasch umdisponieren müssten. Auch der Landkreis müsse sich finanziell engagieren. „Mir ist es im Zweifel lieber, wir streichen drei defizitäre Buslinien, die ohnehin kaum einer nutzt, als dass wir die Geburtshilfe dauerhaft infrage stellen.“

Der Bad Aiblinger Bürgermeister Felix Schwaller (CSU) bezeichnet die Schließung an der Romed-Klinik als „Riesenverlust“. Das Problem lasse sich nur noch politisch lösen, sagt der Rathauschef. Er habe sich an seine örtlichen Landtagsabgeordneten gewandt.

Hans Moritz/Eva Lagler

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