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Immer in Aktion: Hannah (19) aus Oberbayern mit Erstklässlern in Puyo/Ecuador.

Soziales Jahr in Ecuador

Hannah und der Wirbelwind

Puyo/Tacherting – Hannah Hintermaier wollte nach dem Abi etwas Sinnvolles machen. Nun kümmert sie sich in Ecuador um Indio-Kinder. Und die haben die Oberbayerin schon fest ins Herz geschlossen.

Der Indiojunge lehnt sich gegen die Wand, schließt die Augen und döst ein. Einfach so. Wellington, keine sechs Jahre alt, ist um vier Uhr aufgestanden und anderthalb Stunden zur Schule gelaufen. „Jetzt kann er nicht mehr“, sagt Hannah Hintermaier. Sie legt ihren Arm um Wellington, damit er nicht umfällt. Als er sich schließlich hinsetzt, um weiterzuschlafen, wird die 19-Jährige schon von einer Schar Kinder gerufen. „Hannah, Hannah“, schalt es über den Schulhof. Hannah Hintermaier eilt hin – um ein Karussell anzuschieben oder Schaukeln anzuschubsen. „Diese Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit“, sagt sie, „manche Mütter sind erst 21 Jahre alt.“

Hannah Hintermaier aus Tacherting im Kreis Traunstein betreut 17 Erstklässler in der ecuadorianischen Provinzstadt Puyo. Mit dem Freiwilligendienst „Weltwärts“ ist die 19-jährige Mitte September in das Bildungsprojekt „Encuentro“ gekommen. „Encuentro“ – das heißt „Zusammentreffen“ – existiert seit 2000 und wird von Schwestern des Dominikanerordens geleitet. Das Projekt wendet sich in erster Linie an Kinder aus indigenen Familien, die in der Stadt gestrandet sind. Darin ist die Einrichtung mittlerweile so erfolgreich, dass der Andrang größer ist als die Kapazität von 200 Plätzen. „Es hat mit den warmen Mahlzeiten bei uns zu tun“, sagt Hintermaier. Es sei ein Anreiz für arme Familien, ihre Kinder herzuschicken.

Hinzu kommt, dass „Encuentro“ sich um die Ausbildung der Jugendlichen kümmert. In Werkstätten, die vom bischöflichen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt werden, lernen sie traditionelle Handarbeit, Schreiner, Mechaniker, Elektriker. „Ich wollte nach dem Abi etwas Sinnvolles tun“, sagt Hannah Hintermaier. „Nicht einfach nur reisen, sondern eine Sprache lernen. Einen Ort und seine Menschen kennenlernen.“ „Weltwärts“, an dem auch das Erzbistum München und Freising beteiligt ist, bot ihr die Möglichkeit.

„Es ist nicht immer einfach“, sagt sie. Mit dem Spanisch klappe es noch nicht richtig. Und dann könnten Kinder eben auch schwierig sein, besonders wenn sie Stress von zuhause mitbrächten. Die Oberbayerin kümmert sich um die Erstklässler nach dem Unterricht. Sie malt mit ihnen, lobt, tadelt und lacht unglaublich viel. Und ist immer in Bewegung. Um sie herum tobt ein Wirbelwind aus Kindern.

Im Großraum von Puyo leben rund 60 000 Menschen. Die Stadt liegt in den Ausläufern der ecuadorianischen Anden – dort, wo die Berge schon keine Berge mehr sind, aber die Amazonasregion mit ihren tiefen Wäldern noch nicht begonnen hat. Und so ist es eine Übergangsregion, in die jedes Jahr Hunderte Indiofamilien ziehen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Viele kommen aus Gemeinden im Amazonas, weil sie von der Ölindustrie vertrieben werden; andere stammen aus Andendörfern, die sie nicht mehr ernähren können. Ihre Namen zeigen die ganze ethnische Vielfalt Ecuadors, da gibt es die Kwicha, die Shuar, die Sapara und die Shiwia. „Das sind stolze Namen. Aber in der Stadt leben sie unter erbärmlichen Umständen, ohne Jobs und Bildung“, sagt Rosario Idareta aus Spanien. Sie ist eine der Dominikanerschwestern, die „Encuentro“ mit einer Mischung aus Fürsorge und Strenge leiten. „Die Leidtragenden“, fährt sie fort, „sind die Kinder. Ignoranz ist eine Form der Sklaverei.“

Nach Schulschluss besucht Idareta im weißen Kittel ihres Ordens einige Mütter. Darunter ist auch Edubiges Obando, eine 32-jährige Kwicha-Frau, die sich und ihre fünf Kinder mit traditionellen Töpferarbeiten durchbringt. Die Familie lebt in einem feuchten Zimmer, für das sie 50 US-Dollar Miete zahlt, reinster Wucher. Aber Obando sagt, dass sie dankbar sei, dass ihre Kinder bei „Encuentro“ eine Art zweites Zuhause gefunden hätten. Und auch für Hannah Hintermaier ist das Projekt eine Art Heimat geworden.

Adveniat-Aktion: Das Pontifikalamt zur bundesweiten Eröffnung der Weihnachtsaktion Adveniat findet am Sonntag um 10 Uhr im Münchner Liebfrauen-Dom statt.

Von Philipp Lichterbeck

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