Überraschung nach Berufung

Urteil: Sport-Anfänger haften nicht

Prien am Chiemsee - Eine übende Inlineskaterin fährt eine andere um: Muss sie haften? Das Oberlandesgericht München entschied nun: Nein. Bei einem Anfängerkurs muss man Risiken in Kauf nehmen.

Eine Gruppe Kinder und zwei Mütter wollten an einem sonnigen Tag am Chiemsee ganz professionell lernen, Inlineskater zu fahren. Ein paar Bremstechniken hatten sie schon geübt, doch die saßen noch nicht bei jedem so gut. Als eine der Mütter (heute 54) zur Gruppe hinrollte, schaffte sie es nicht, zu bremsen. „Hilfe, Hilfe, ich kann nicht bremsen!“, schrie sie – und fuhr die andere Mutter (heute 52) um. Diese fiel auf ihren Daumen. Für die Verletzungen und ihre Folgen fordert sie ein Schmerzensgeld von mindestens 5500 Euro sowie den Ersatz weiterer Schäden. Das Landgericht Traunstein gab ihr Recht. Doch das Oberlandesgericht (OLG) München sieht das nun ganz anders.

Die 52-jährige Klägerin aus Traunstein kann sich noch genau an den Inline-Anfängerkurs am 4. August 2007 auf dem Skaterplatz in Prien (Kreis Rosenheim) erinnern. Die 54-Jährige sei als letzte zur Gruppe gerollt und habe dabei beträchtliche Geschwindigkeit aufgenommen. „Sie ist über ihre Verhältnisse gefahren“, sagt sie. Sie habe sich noch gedacht: „Was tut sie jetzt? Das geht sich jetzt nicht mehr aus.“ Von seitlich hinten sei ihr die andere dann gegen die Inlineskates gefahren, wodurch es ihr die Beine wegzogen habe. Instinktiv habe sie ihre Hände nach hinten gezogen, um ihren Rücken zu schützen. Dadurch fiel sie auf ihren Daumen und überdehnte das Gelenk. „Es war ein heftiger Schmerz.“

"Konnte nicht richtig bremsen"

Die 54-jährige Beklagte aus Traunreut (Kreis Traunstein) widerspricht: „Für mich stimmt das so nicht.“ Sie sei langsam gefahren und habe dauernd gebremst. „Aber ich konnte es nicht richtig, weil ich nicht richtig in die Knie gehen konnte.“ Der Fehler sei gewesen, dass der Trainer die Gruppe in die Mitte des Platzes zusammenrief.

Leider verheilte die Verletzung der Traunsteinerin nicht einfach wieder. Nach zuerst unklarer Diagnose wurde bei einer späteren Operation ein kleiner Knochen, der in eine Sehne eingelagert ist (Sesambein), entfernt. Dabei durchtrennten die Ärzte aus Versehen eine Sehne. Die Traunsteinerin ist bis heute in physiotherapeutischer Behandlung. Auch ihre Arbeitsstelle musste sie wechseln. Sie ist OP-Schwester, kann aber keine Bandagen mehr wechseln.

Die Richter in Traunstein waren der Meinung, dass die 54-Jährige für den Sturz der 52-Jährigen haften muss. Doch das OLG sorgte am Mittwoch für eine Überraschung: Die 54-Jährige haftet nicht, weil es sich um einen Anfängerkurs gehandelt hat. „Wer einen Anfängerkurs macht, muss damit rechnen, dass sich Anfänger vielleicht nicht so optimal verhalten wie man es von einem geübten Inlineskater erwarten darf“, sagte der Vorsitzende Richter Wilhelm Schneider.

Die Klägerin fand die Entscheidung „sehr ungerecht, weil ich eine sehr lange Leidensgeschichte hinter mir habe“. Am Ende willigte sie jedoch in einen Vergleich ein: Sie bekommt 2500 Euro.

Nina Gut

Rubriklistenbild: © dpa

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