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Jahrelang starrte Fabian Zilken aus Vogtareuth (Kreis Rosenheim) Nacht für Nacht auf seinen Laptop und wartete auf das entscheidende Tor. Er war süchtig nach Sportwetten. Nach 14 Jahren hat er den Absprung geschafft.

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Sportwetten: Die Sucht nach Siegen

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Vogtareuth - 14 Jahre lang gab es in Fabian Zilkens Leben nichts Wichtigeres als Sportwetten. Er verspielte ein Gehalt nach dem anderen, zerstörte fast alle Freundschaften und seinen Körper. Nach einem Zocker-Marathon zog er die Reißleine.

Im Mai 2015 hat Fabian Zilken den Lauf seines Lebens. „Ich habe acht Tage fast nicht geschlafen“, sagt er. Tagsüber arbeitet er als Erzieher und Tischtennistrainer. Die Nächte zockt er durch. Sportwetten, Poker, Blackjack. Cola und Süßigkeiten halten ihn wach, während er auf seinen Laptop starrt – und auf Tore wartet. „Ich habe auf bis zu 40 Fußball-Spiele gleichzeitig gesetzt.“ Zum Schluss sogar darauf, wie viele Ecken in einem Spiel getreten werden. 1,5 Millionen Euro Umsatz macht er in diesen acht Tagen. 47 000 Euro Gewinn hat er zwischenzeitlich auf dem Wettkonto. Am 19. Mai 2015 um 22 Uhr ist alles weg. Und Fabian Zilken völlig am Ende. Er ist 30 Jahre alt, pleite, wiegt 127 Kilo, hat alle Freundschaften abgebrochen und einen Suizid-Versuch hinter sich. Er kann nicht mehr. Nach 14 Jahren wagt er den Schritt in ein neues Leben.

Sportwetten boomen, sie sind ein Milliardenmarkt geworden – vor allem im Internet. „Der Markt ist ebenso undurchschaubar wie schwer regulierbar“, sagt Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern. Die Bundesländer ringen seit Jahren um einen neuen Glücksspielstaatsvertrag, um für mehr Spielerschutz sorgen zu können. Aber sie werden sich nicht einig. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat sich die Zahl der Sportwetter unter 18 bis 20-jährigen Männern von 5,7 Prozent im Jahr 2013 auf 12,8 Prozent im Jahr 2015 mehr als verdoppelt. „Sportbegeisterte junge Männer haben ein besonders hohes Risiko, abhängig zu werden“, sagt Landgraf.

Nebenjob im Wettbüro

Fabian Zilken war so ein Sportbegeisterter, als er zum ersten Mal Geld auf ein Fußballspiel setzte. Mit 16 Jahren ist er in die Lotto-Annahmestelle neben der Wohnung spaziert und hat einen Wettschein abgegeben. „Ich dachte, ich kenn’ mich ja aus.“ Er gewann die Wette. Und war angefixt. Während seiner Ausbildung zum Erzieher suchte er sich einen Nebenjob: in einem Wettbüro. „Ich war der beste Kunde.“ Fußball, Pferderennen, Spielautomaten – er ließ nichts aus. „Um 20 Uhr hat der Chef den Laden zugesperrt, aber mir den Schlüssel da gelassen.“ Den Schlüssel in die Welt der Quoten, des schnellen Geldes und der bitteren Enttäuschung. Eine Welt, in der ein vergebener Torschuss Existenzen vernichten kann.

EM-Vorrunde 2012, Spanien gegen Italien. Für Fabian Zilken das letzte Spiel einer großen Wette. Seiner letzten, das hat er sich vorgenommen. Bei einem spanischen Sieg gewinnt er 27 000 Euro. Er hat die Auszahlung schon vorbereitet. Kurz vor Abpfiff läuft Fernando Torres alleine auf Torwart Gianluigi Buffon zu. Buffon hält. Das Spiel endet eins zu eins. Und Fabian Zilkens lange gehegter Exit-Plan ist beim Teufel.

„Ich bin ins Auto gestiegen und einfach losgefahren.“ Auf einer Landstraße zwischen Aschau und Bernau drückt er das Gaspedal durch. „Mir war alles egal.“ Mit Tempo 150 heizt er für mehrere Minuten durch die Nacht. „Wenn mir jemand entgegengekommen wäre, wäre es vorbei gewesen.“ Es kam keiner. Irgendwann bremst Fabian Zilken, kauft sich an der Tankstelle ein Eis, isst es am Gehweg. Und sagt sich zum ersten Mal: Das war’s jetzt.

Aber das war es noch nicht. Obwohl sich Fabian Zilken Hilfe sucht, zu Beratungsgesprächen geht und sich kurz in einer Klinik behandeln lässt, wird er wieder rückfällig. „In der Klinik waren außer mir nur Menschen mit Essstörungen.“ Er fühlte sich nicht verstanden.

Konrad Landgraf sieht klare Anzeichen für eine drohende Glücksspielsucht: „Kritisch wird es, wenn der Betroffene immer mehr Geld einsetzt, nur um den gleichen Reiz zu erhalten. Wenn die Einsätze immer höher werden, um Verluste auszugleichen. Und wenn die Betroffenen damit anfangen, ihr Umfeld wegen des übermäßigen Glücksspielens anzulügen.“

Vom Gehalt war oft nach zwei Tagen nichts mehr da

Der Erste, der erkannte, dass Fabian Zilken ein Problem hat, war sein Bankberater. Er rief an und fragte: „Fabi, was ist los mit Dir?“ Ihm war aufgefallen, dass in immer kürzeren Abständen größere Geldbeträge an dasselbe Konto überwiesen wurden. Fabian Zilken erinnerte den Mann an seine Schweigepflicht – und klapperte von da an die umliegenden Tankstellen ab, um sich dort mit Paysafe-Karten im Wert von je 100 Euro einzudecken. „Mit dem Wetten konnte ich mich in meine Glaskugel zurückziehen. Und vor allen Problemen aus dem Alltag flüchten.“ Am 15. kam sein Gehalt. Oft war zwei Tage später nichts mehr da. Die Miete hat er selten pünktlich gezahlt. Trotzdem kam er irgendwie über die Runden. Niemand bemerkte, dass Fabians Leben nur noch aus Zocken bestand. Nicht die Eltern, nicht die Arbeitskollegen. Enge Freunde gab es kaum noch.

Erst nach dem Acht-Tage-Marathon im Mai 2015 zieht er die Reißleine. Weil er realisiert, dass er nicht nur sein Leben zerstört – sondern auch seiner Verantwortung den Kindergartenkindern gegenüber schon lange nicht mehr gerecht wird. Nach langer Wartezeit und mit Hilfe einer Beratungsstelle der Diakonie bekommt er einen Platz in einer auf Spielsucht spezialisierten Klinik. Mit unzähligen Gesprächen und viel Sport beginnt der psychische wie physische Neustart. 120 000 Euro hat er über die Jahre verzockt. In dieser Woche werden es 500 Tage seit der letzten Wette.

Im Gegensatz zum ersten, erfolglosen Schlussstrich erzählt Fabian heute jedem, was er durchgemacht hat. „Erst dachte ich, die Leute werden mich verstoßen. Aber sie waren froh, endlich den richtigen Fabi zu kennen.“ Auf der Küchenzeile seiner Wohnung in Vogtareuth (Kreis Rosenheim) steht ein Karton. Darin liegt sein Sky-Receiver. Fußball schaut er noch immer gerne. Aber das Abo hat er gekündigt. „Auf einmal bleibt mir das Geld, das ich verdiene. Jetzt werde ich geizig“, sagt er und lacht.

Hilfe für Spielsüchtige

Betroffene finden bei der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern unter www.lsgbayern.de Hilfe.

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