Die Sprengtechniker im Einsatz in der Pöllatschlucht. 

Arbeiten in der Pöllatschlucht

Sprengung bei Schloss Neuschwanstein

Schwangau – Eduard Reisch gilt als einer der erfahrensten Sprengtechniker Deutschlands. Derzeit hat er es aber nicht mit einem Gebäude, sondern mit einem Felsüberhang zu tun. Er ist mit seinem Team in der Pöllatschlucht im Einsatz – nur einige Hundert Meter entfernt vom Schloss Neuschwanstein.

 Die Experten sprechen von einem „Sonderrisiko“. Gemeint ist ein etwa 300 Kubikmeter großer und gut 1000 Tonnen schwerer Kalksteinüberhang im oberen Bereich der Pöllatschlucht. Teils am Seil hängend, haben der Geologe Albin Kretz und sein Team der Firma Geotest die Schlucht kartiert – dabei waren sie auf das Gefahrenpotenzial gestoßen. Der Felsüberhang sei ein enormes Risiko für Wanderer in der Schlucht unterhalb des Schloss Neuschwansteins, sagt Kretz. Der Wanderweg führt direkt unterhalb des Felsüberhangs zum Schloss. Die mehr als 200 Millionen Jahre alten Gesteine werden durch sogenannte Kluftflächen begrenzt. Diese sind instabil und könnten jederzeit, etwa nach starken Niederschlägen, abrutschen. Sicherungsmaßnahmen durch ein Fangnetz scheiden aus – dafür sind die Kluftkörper zu groß. Bleibt nur die kontrollierte Sprengung.

Hier kommt Edi Reisch, Sprengmeister der gleichnamigen Firma in Apfeldorf (Landkreis Landsberg am Lech), ins Spiel. Er gilt als einer der erfahrensten Sprengtechniker Deutschlands, hat unter anderem 2008 das Agfa-Hochhaus in München und 2014 den 116 Meter hohen AfE-Turm der Uni Frankfurt gesprengt – die bis dahin höchste Gebäudesprengung Europas. In der Pöllatschlucht komme nur eine Variante infrage, erklärt Reisch: der Felsüberhang muss peu à peu gesprengt werden. Dafür ist spezieller Sprengstoff nötig, mit dem immer wieder nur Teile weggesprengt werden. Anschließend muss der Gesteinsschutt teilweise von Hand und mitunter am Seil hängend weggeräumt werden.

Sprengmeister Eduard Reisch

„Es gibt keine großen Blöcke“, erklärt Reisch. Dennoch müsse man auf maximale Sicherheit achten. Faustgroße Gesteinsbrocken wurden bereits bis in 200 Meter Entfernung gefunden – das entspricht der Entfernung zum Pallas des Schlosses. Deshalb werden der gesamte Bereich rund ums Schloss Neuschwanstein sowie die Marienbrücke gesperrt. Nicht nur zum Schutz vor umherfliegenden Gesteinsbrocken, erklärt Reisch. Es müssen auch die durch die Explosionen ausgelösten Erschütterungen am denkmalgeschützten Schloss überwacht werden. Bisher seien aber noch nicht einmal die Grenzwerte erreicht, versichert der Sprengmeister.

Die Gemeinde Schwangau betreibt den Wanderweg und hat den 300 000 Euro teuren Einsatz in Auftrag gegeben. Die Pöllatschlucht bleibt voraussichtlich bis weit ins nächste Jahr gesperrt. Wenn die Witterung stabil bleibt, werden die Sprengarbeiten aber noch bis Jahresende abgeschlossen sein, kündigte Reisch an. Wann gesprengt wird, will er nicht verraten – um nicht Schaulustige anzulocken. Insgesamt sind acht Sprengungen vorgesehen. Danach müssen das lose Gesteinsmaterial weggeräumt und der Weg sowie die Stege auf Beschädigungen untersucht und eventuell wieder instand gesetzt werden. Erst nach einem erneuten Gutachten kann die Schlucht wieder für Wanderer freigegeben werden. Das könnte im Spätsommer oder Herbst 2017 sein – sollten keine unvorhersehbaren Komplikationen auftreten.

Auch danach wird es ein Konzept zur Überwachung der Schlucht und regelmäßigen Räumarbeiten geben, kündigt der Geologe Albin Kretz an. „Im Gebirge gibt es immer ein Risiko“, betont er.

Oliver Sommer

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