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Spuk am Untersberg: Hier gibt es so viele Sagen wie nirgendwo sonst in Bayern.

Der berühmte Sagenberg zwischen Bayern und Salzburg

Spuk am Untersberg: Auf der Suche nach Zeitlöchern und Wundern

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Am Untersberg bei Berchtesgaden gibt es so viele Sagen wie nirgendwo sonst in Bayern – von Zeitlöchern, Zwergen und Wundern. Was steckt hinter dem Spuk? Zu Besuch am Sagenberg.

Der Pfarrer hat das Kraftfeld deutlich gespürt. Lange genug saß Herbert Josef Schmatzberger, 77, nach den Gottesdiensten in seinem Wohnzimmer hinter der Kirche und ließ sein Pendel über der Sternkarte baumeln. Kein Zweifel, das Medium zeigte es ganz deutlich: In Großgmain sind die Energieströme besonders stark, ausgerechnet in seinem Pfarrgarten am Fuß des Untersbergs auf der Grenze zwischen Bayern und Salzburg. Also stellte Josef Schmatzberger eine Mariensäule im Pfarrhof auf, er pflanzte ein Blumenbeet mit den Tierkreiszeichen drumherum und stellte eine Miniatur-Nachbildung des Untersbergs dazu. Mit der Einweihung wartete er, bis das Horoskop perfekt passte. Am 15. August 2001 um genau 10.30 Uhr war es soweit: Aus dem Garten wurde eine Pilgerstätte für Marienverehrer.

Wenn Schmatzberger vor der Mariensäule steht, ragt hinter ihm der echte, große Untersberg in die Höhe. „Wenn die Leute hier stehen und beten, haut es sie regelmäßig um“, sagt der Pfarrer. „So stark ist die Kraft, die von diesem Berg ausgeht.“

Im Marienheilgarten: Vorne Pfarrer Herbert Josef Schmatzberger, im Hintergrund der Untersberg.

Der Untersberg – ein Felsmassiv, aber auch ein Wunderberg

Die ganze Region lebt von Energiefeldern und Wundern, die die einen umhauen und die anderen spotten lassen. Nirgendwo in Oberbayern sind so viele Esoteriker unterwegs wie am Untersberg. Zwischen Bad Reichenhall, Berchtesgaden und Grödig bei Salzburg erhebt sich der Eckpfeiler der Kalkalpen wie ein Riegel auf bis zu 1972 Meter Höhe. Ein Gebirgszug auf 70 Quadratkilometern, bekannt für das längste Höhlensystem Deutschlands, sein riesiges Gipfelplateau – und seine Sagen und Mythen.

Die Einheimischen nennen den Untersberg auch Wunderberg. Kaiser Karl der Große soll hier angeblich über ein Zwergenvolk wachen. Die Zeit in den Höhlen bis zu 300 Mal langsamer vergehen. Und SS-Soldaten aus dem Dritten Reich sollen im Berg auf das Ende des Zweiten Weltkriegs warten, angeblich wollte Adolf Hitler sogar den Weltkriegssieg auf dem Berg verkünden. Kurzum: Mystiker, Verschwörungstheoretiker und Träumer finden hier die Wahrheit, die sie sich erträumen. Bei der Suche danach liefern sie sich einen regelrechten Wettstreit.

Beschwört die Elemente: Alpenschamane Rainer Limpöck aus Ainring.

Rainer Limpöck, 52, ist einer derjenigen, der an das Schicksal glaubt und an Wundern verdient. Gerade sitzt er in der Küche seines Hauses in Ainring bei Freilassing ganz in der Nähe des Untersbergs, oft ist der Sozialpädagoge aber als Alpenschamane unterwegs. „Der Untersberg sendet Resonanzen aus“, sagt er und streicht sein langes, weißes Haar zurück, seine Verehrer nennen ihn deswegen „Weißer Adler“. Der Berg sei Prophet für alle Ereignisse auf dieser Welt. Kurz vor dem schweren Himalaya-Erdbeben vor zwei Jahren zum Beispiel, der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte Tibets, habe es am Untersberg auch einen Bergsturz gegeben. Das Geröll färbte das Wasser des Weißbachs rot. „Eine Vorwarnung.“ Genau wie vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, da färbte sich aber nicht das Wasser rot, sondern der Himmel, sagt Limpöck. „Das war ein Hinweis, dass der Russland-Feldzug blutig enden wird.“

Der rote Weißbach: Sediment färbte das Wasser nach einem Felssturz. Manche sagen, das sei eine Prophezeiung gewesen.

Nüchtern betrachtet handelte es sich wohl um Zufälle, aber Limpöck hat seine eigene, überirdische Erklärung. „Die Erde ist ein Organismus. Alles ist mit allem verknüpft.“ Der Untersberg spiegle das, was auf der anderen Seite der Welt passiere. „Wenn der Mensch auf diesen tiefenökologischen Aspekt mehr achten würde“, sagt er, „dann könnte man viele Unglücke, Elend und Leid verhindern.“

Auch die Unfälle in der Riesending-Höhle sind schicksalhaft

Spektakuläre Rettung: Höhlenforscher Johann Westhauser überlebte einen Steinschlag in der Riesending-Schachthöhle.

Limpöck ist sicher: Auch der Unfall des Höhlenforschers Johann Westhauser vor drei Jahren hätte nicht passieren müssen. Damals, am 8. Juni 2014, traf Westhauser mitten im Untersberg in 950 Metern Tiefe ein Stein am Kopf. Neun Tage dauerte die spektakulärste Rettungsaktion in der Geschichte der Bergwacht, der Untersberg mit seiner Riesending-Schachthöhle rückte in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Dass Westhauser überlebte, ist für viele ein Wunder. Es gibt noch ein zweites, schlimmes Schicksal, von dem Limpöck erzählt: Fast exakt ein Jahr später, am 7. Juni 2015, starb eine von Westhausers Retterinnen – am Untersberg, in einer Höhle, erschlagen von einem Stein. „Das ist Schicksal“, sagt der Alpenschamane. Schon die Alten hätten gewusst, dass der Berg um Pfingsten herum nicht betreten werden darf. „Jedes Ereignis hinterlässt energetische Spuren.“

Manche denken jetzt vielleicht: Limpöck spinnt. Aber wirklich wahr: Tatsächlich glauben hier im Berchtesgadener Land und vor allem über der Grenze in Salzburg viele Menschen solche Theorien.

Zeitloch-Forscher Stadler hat Angst vorm Geheimdienst

Wolfgang Stadler, 65, hat die Wunder des Untersbergs schon mehrfach selbst erlebt. Er erzählt nicht nur von Zeitlöchern, von denen es am Untersberg nur so wimmeln soll, die man blöderweise aber nicht findet, wenn man danach sucht. Er war sogar selbst schon öfter drin in so einem Ding. Sagt er. „Einmal ist es bei einer Wanderung mit meiner Tochter passiert“, sie habe sich kurz gebückt – und war verschwunden. Nach ein paar Minuten stand sie plötzlich wieder neben ihm. „Papa, was hast du?“, soll sie gesagt haben. „Ich hab’ mir doch nur die Schuhe gebunden.“ Ein anderes Mal, erzählt Wolfgang Stadler, habe er vormittags nur kurz in eine Höhle geschaut. „Als ich wieder rauskam, war es abends und finster.“ Für ihn ist der Untersberg eine riesige Zeitmaschine.

Auf Recherchereise: Untersberg-Buchautor Wolfgang Stadler in Ägypten.

Wolfgang Stadler schreibt solche Geschichten auf: Als „Stan Wolf“ veröffentlicht er seit acht Jahren die Buchreihe „Steine der Macht“. Es geht darin nicht nur um den Untersberg. Stadler verquickt Sagen und Mythen mit weltweiten Ereignissen, die alle irgendwas mit dem Bergmassiv zu tun haben. Oft spielt die Geschichte zum Beispiel in Ägypten, seinem Lieblings-Urlaubsland. Er deklariert seine Bücher als Romane, aber das meiste sei wahr, beteuert Stadler. „Ich habe Artefakte, die alles belegen. Wir zeigen sie aber nicht, weil wir uns nicht angreifbar machen wollen. Der Geheimdienst ist schon hinter uns her.“ Die Menschen fasziniert so etwas. In einer Woche bekommt der Autor über 150 E-Mails von Fans. Bei seinen Lesungen rund um Salzburg sind die Säle voll.

Auch Rainer Limpöck, der Alpenschamane, hat Bücher veröffentlicht, außerdem betreibt er Internetseiten. Von der Anderswelt schreibt er, von schwarzen Raben und Grenzerfahrungen. Im Prinzip sind der Alpenschamane und der Zeitlochexperte also Kollegen. Aber sie können sich nicht leiden. „Er lehnt sich zu weit aus dem Fenster“, sagt Stadler über den Schamanen. „Ich schreibe Sachbücher. Er Fantasy-Romane“, sagt Limpöck über den Zeitphänomen-Forscher. Ja, oft ist es am Untersberg auch so, dass diejenigen, die Hokuspokus verbreiten, den Hokuspokus der anderen für einen Schmarrn halten.

Steile, felsige Hänge – auch dafür ist das 1972 Meter hohe Bergmassiv bekannt, hier in Grödig bei Salzburg.

Herbert Josef Schmatzberger, der Pfarrer mit dem Marienheilgarten, ist in dieser Sache so etwas wie der Vermittler. „Möglich ist alles, aber nicht alles muss wahr sein“, sagt er. Die Theorien von Limpöck und Stadler hätten beide ihre Daseinsberechtigung. Mit Anfeindungen kennt sich der Pfarrer bestens aus: Auch er hat viele Kritiker, denn in der katholischen Kirche eckt er mit seiner Verknüpfung von Theologie und Astrologie an. Und mit seinen Pilgerrundgängen um den Untersberg, bei denen er arme Seelen, die am Bergmassiv herumhängen, ins Jenseits begleitet. Die Strecke für die Umrundung des Untersbergs, sagt er, das ist noch so ein Zufall, ist übrigens genauso lang wie die Umrundung des Ayers Rock in Australien – auch ein berühmter Wunderberg, ebenfalls mit Gipfelplateau und vom Weltall aus betrachtet mit verblüffend ähnlicher Form.

Die Hexe weigerte sich, auf einem Besen durchs Dorf zu reiten

Von Zeitlöchern erzählen sie hier also, von Toten und armen Seelen – da ist es bis zur Hexe nicht weit. Walpurgis Schwarzlmüller, 50, Yoga-Lehrerin und Kräuterpädagogin, steht an ihrem Stand auf der Gesundheitsmesse im Kongresshaus in Berchtesgaden und verteilt Visitenkarten, auf denen ihr zweiter Name steht: die gute Hexe vom Untersberg. Die Idee dafür, das gibt sie gleich zu, hatte vor vielen Jahren der Tourismusverband. Walpurgis Schwarzlmüller sollte sich ursprünglich einen Reisigbesen zwischen die Beine klemmen, an einem Seil in die Luft gezogen werden und über den Dorfplatz reiten. Für sie war das aber kein „Direktmarketing“ zum Anlocken neuer Touristen, sondern „Aufhängen“. Sie lehnte ab. Aber den neuen Namen behielt sie.

Irdischer Beruf: Walpurgis Schwarzlmüller, die gute Hexe vom Untersberg, an ihrem Messestand.

Walpurgis Schwarzlmüller ist die vielleicht pragmatischste Esoterikerin in der Gegend, ihren Namen bekam sie von ihren Eltern übrigens tatsächlich ohne Hexen-Hintergedanken. „Wenn man ein reines Herz hat, verliert man seine Dämonen“, sagt sie. Klingt ausgeflippt. Sie sagt aber auch: „Manche spüren gar keine Energie, das ist auch in Ordnung.“ Man dürfe nicht vergessen, dass die Gegend wegen ihrer Schönheit auch bei Wanderern ohne esoterischen Einstellungen sehr beliebt sei. Aber auch sie seien begeistert vom Fantastischen. Weil die Menschen schon immer gern daran glauben. „Das macht eine schöne Ganslhaut, und das muss man den Leuten nicht wegnehmen“, sagt sie.

Nur von Grusel-Sagen hält sie nichts. „Genug Besucher fürchten sich eh schon vor dem Berg und seiner Macht. Das muss man nicht ausnutzen.“ Das ist die vielleicht schönste Besonderheit am Untersberg: Ausgerechnet die Hexe jagt hier niemandem Angst ein. Sie ist die einzige hier.

dor

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