Mysteriöse Briefe: Auch der polnische Generalkonsul in München bekam ein Schreiben. Darin Abrieb von Streichholzköpfen und ein defekter Zünder.

Der Ex-Chef der Spurensicherung in Bayern über alte Fälle

Spektakuläre Erfolge der Kriminaltechnik

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Guido Limmer, der 52-jährige Münchner Jurist, leitete von 2009 bis 2016 das Kriminaltechnische Institut im Landeskriminalamt. In einem neuen Buch präsentiert Limmer, seit Kurzem Vizepräsident im Polizeipräsidium in Kempten, eine Auswahl spektakulärer Fälle. 

Dr. Mord und das gefälschte Testament

Doktor Mord, so wurde der Täter in diesem Fall genannt, wurden Handschrift-Experten beim Landeskriminalamt zum Verhängnis. Nach Ostern 2008 wurde der zuverlässige Finanzbeamte Anton Fanger von Kollegen vermisst gemeldet. Polizisten fanden die Leiche des alleinstehenden Mannes in dem alten Bauernhaus in Bockhorn, Kreis Erding. Die Obduktion ergab: Einschuss im Nackenbereich, der Schütze stand etwa zehn Meter entfernt. Von der Waffe keine Spur.

Dr. R. vor Gericht.

Die Ermittler fanden heraus, dass Fanger 1,2 Millionen Euro besaß und niemanden, nicht einmal seine wenigen Freunde, in sein Haus ließ. Am Gründonnerstag hatte er eine Ex-Kollegin Silvia S. und deren Freund Dr. Werner R. in Augsburg besucht. Auf die beiden konzentrierten sich die Ermittler: Silvia S. wurde in handgeschriebenen Testamenten als Alleinerbin genannt und Verträge zeigten, dass das Paar Fanger viel Geld schuldete. Dr. R. hatte erst 2002 eine lebenslange Gefängnisstrafe wegen Brandstiftung und Mordes an seinem Vermieter abgesessen. Die Alibis der beiden stellten sich als gelogen heraus. Das reichte für zwei Haftbefehle.

Die Handschrift-Experten bewiesen schließlich, dass nicht Fanger die Testamente unterschrieben hatte, sondern Dr. R. An dessen Mantel waren zudem Schmauchspuren. Und dann wurde auch noch Blut am Tatort einer ehemaligen Patientin von Dr. R. zugeordnet – der Täter hatte eine falsche Spur gelegt. Das Landgericht Landshut verurteilte Silvia S. zu einer Bewährungsstrafe, den Arzt zur lebenslangen Freiheitsstrafe. Zum zweiten Mal. Diesmal wird er das Gefängnis nicht mehr verlassen.

Der vorgetäuschte Selbstmord

Ein Freund meldete 2004 den Münchner Zahnarzt Armin Frank vermisst – zugleich wies er die Polizei auf das seltsam enge Verhältnis zu Johannes B. hin, Gitarrist einer Rock’n’Roll-Band. Dem hatte der Arzt sein ganzes Vermögen überschrieben. Sogar die Wohnung, in der er lebte. B. gab an, der Mediziner sei nach Italien gezogen. 

Lebenslange Haft wegen Mordes: Johannes B.

Dann tauchte in Österreich die Leiche des Vermissten mit Waffe in der rechten Hand auf. Selbstmord? Am Opfer gab es keine Schmauchspuren. Dafür fanden Ermittler B.s DNA an der Hose des Opfers und auch am Ärmel. Im Blut hatte der Arzt Schlafmittel – und seine Hose war offen, als ob er sich einfach nur erleichtern wollte. Urteil: lebenslang.

Die Hautschuppe des Briefbombers

Eine unheimliche Briefbombenserie hielt Bayern 2004 in Atem. Immer wieder tauchten in Vorzimmern von Landräten, etwa in Passau, Regen oder Dingolfing-Landau, aber auch bei hohen Beamten in München Schreiben auf, aus denen schwarzes Schießpulver rieselte – die Zünder funktionierten zum Glück nur ein einziges Mal: Eine Sekretärin wurde im Gesicht leicht verletzt. Aber was wäre, wenn eine Bombe doch richtig hochgeht? Der Druck auf die Sonderkommission, die damals Guido Limmer leitete, war enorm. Die Experten von der Operativen Fallanalyse, auch Profiler genannt, gingen von einem politikverdrossenen Täter aus, grenzten den möglichen Wohnort grob ein – doch die Ermittler kamen nicht weiter. Bis im vierten Brief eine Hautschuppe gefunden wurde. Die DNA führte zu einem Einbruch bei Hutthurm. Doch wieder stockten die Ermittlungen. 

Mysteriöse Briefe: Auch der polnische Generalkonsul in München bekam ein Schreiben. Darin Abrieb von Streichholzköpfen und ein defekter Zünder.

Es wurde der bis dahin größte Massen-Gentest in Bayern angeordnet. Der Bürgermeister kam in die Hutthurmer Turnhalle, die ganze Gemeinde war da – sie alle wollten zeigen: Der Täter ist keiner von uns. Und plötzlich bekam Soko-Chef Limmer, der ebenfalls in der Turnhalle war, die Meldung: nackter, toter Mann auf einem Feld in der Nähe. Er hatte sich in die Luft gesprengt, durch die Explosion hat es ihm alle Kleider vom Leib gerissen. 

Briefbombenbauer sprengte sich in die Luft

Noch in der Nacht war das Labor-Ergebnis da: Das war der Briefbomber. Der 17-Jährige hatte ganz in der Nähe mit seinem Vater gelebt, er hatte eine schwere Kindheit, seine Mutter starb früh, in der Schule wurde er gemobbt. Was er mit den Briefen bezweckte? Limmer sagt: „Wir hätten ihn gerne gefragt.“ 

Vergewaltigt in der Grundschule

Der „Fall Anna“ erschütterte ganz Deutschland: Im Oktober 2001 wurde eine Achtjährige auf dem Klo einer Münchner Grundschule vergewaltigt. Panik brach aus, Schulen wurden verrammelt, Männern der Zutritt verboten. Es zeigte sich, dass der Täter kurz zuvor eine 22-Jährige in der nahen Frauenklinik in der Maistraße vergewaltigt hatte. Die Chemiker untersuchten einen zurückgelassenen Pulli und wiesen an winzigen Spritzern Rückstände nach, die ins „Reinigungsgewerbe im Lebensmittelbereich“ führten. Trotzdem fehlte vom Täter jede Spur. 

Bis am Silvesterabend eine Wirtin am Starnberger See von ihrem letzten Gast vergewaltigt wurde. Sie konnte ihn identifizieren, weil der 19-Jährige in der Nähe wohnte. Bei einer Bekannten in Kirchseeon wurde er verhaftet. Er erhängte sich schließlich nach seiner Verurteilung zu einer Jugendstrafe in seiner Zelle. Die Spur der Chemiker half in diesem Fall zwar nichts, war aber dennoch richtig: Der Täter, ein alkoholkranker Stricher, hatte sich einen Pulli von einem Spezl geliehen – und der hatte auf der Wiesn als Spüler gearbeitet.

Das Buch „Überführt“ von Guido Limmer mit weiteren Fällen ist im Riva Verlag erschienen (236 Seiten, 19,99 Euro). 




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