Illegal interniert: Ludwig II. hinter Gittern auf Schloss Berg (Filmszene aus der ZDF-Dokumentation „Sphinx: Ludwig II. – Tod des Märchenkönigs“).

SERIE ÜBER LUDWIG II. - TEIL II.

Das Staatsverbrechen an Ludwig II.

Unser Ludwig. Es gibt keine Seelenbeschreibung von Bayern ohne ihn: Das Leben als Traum – selbst vom Ende her betrachtet! Jetzt verspricht der Sommer 2011 ein gigantisches Kini-Festival zu werden.

Am 13. Juni 2011 jährt sich sein tragischer und mysteriöser Tod im Starnberger See zum 125. Mal. Ein wohlwehes Gefühl wird sich über Bayern legen.

Einen wie Ludwig haben die anderen nicht. „Ein ewig Rätsel will ich bleiben, mir und anderen.“ Auch im 21. Jahrhundert erliegen wir dem Faszinosum seiner Person. Dabei ist die Hochstimmung, in die uns sein Leben und Werk zu versetzen vermag, „auch wieder eine Verlegenheit“ (Thomas Mann). Eine hinreißende, zugleich erschütternde Ambivalenz, und in ihrer Menschlichkeit Projektionsfläche für die Träume und Sehnsüchte von Millionen.

„Zu bauen liebte er, vorzüglich, überraschend, mit gutem Geschmack. Ich erkenne Ähnlichkeit im künftigen Ludwig II. mit dem politisch toten Ludwig I.“, schrieb der abgesetzte Großvater-Monarch Ludwig I. über seinen Enkel „zum Christfest 1851“. Als Teenager verbietet ihm sein Vater König Max II., die Erstaufführung der Oper Lohengrin zu besuchen. Es wird eine der ersten Amtshandlungen des 18-jährigen Königs sein, den 50-jährigen Wagner in Stuttgart aufspüren zu lassen und mit allen Ehren nach München zu geleiten.

Die Erfolgsdividenden dieser königlichen Rettungsaktion für einen Ausnahmekünstler zeigen sich zwölf Monate später. München erlebt Oper total: die Uraufführung von „Tristan und Isolde“. „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe!“ Ein Jahrhunderterfolg. Die Kunst soll an die Herrschaft. Aber die politische Klasse Münchens verwirft alle Projekte. Sie hat sich mit Wagner total verkracht. Eine Affäre wird aufgebaut, zu deren Ende die bayerische Politik ihren jungen König zwingt, Wagner zu entlassen.

Die Ausweisungs- Order überbringt dem Meister ein Mitarbeiter des Kabinettssekretariats, ein gewisser Dr. Johann Lutz, Jurist und Oberappellationsrat. 20 Jahre später wird dieser Lutz – zwischenzeitlich zum Kabinettssekretär befördert, in den Freiherrnstand erhoben, Minister und Ministerpräsident geworden – jene Anordnung ins Werk setzen, die den König internieren soll und sein Ende bewirkt.

Bereits im Januar 1871 aber – die bayerische Politik hat den Krieg von 1866 mit Preußen verloren und Preußen mit dem national aufgeladenen Konflikt und Krieg mit Frankreich die letzten Hindernisse auf dem Weg zum Berliner Nationalstaat beiseite geräumt – wird im Land des besiegten Feindes Frankreich das zweite Deutsche Reich mit dem preußischen König als deutschem Kaiser proklamiert.

An Ludwig, der der Proklamation ferngeblieben war, schrieb sein Bruder Otto, der die bayerische Krone bei diesem Festakt vertreten hatte: „Ach Ludwig, ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie unendlich weh und schmerzlich mir während jener Zeremonie zumute war ... Alles so kalt, so stolz, so glänzend, so prunkend und großtuerisch und herzlos und leer.“ Der Irrenarzt Bernhard von Gudden wird in seinem späteren Gutachten Ludwig auch deshalb für „originär geistesgestört“ erklären, weil er mehrfach und wiederholt Mitgefühl mit dem Schicksal der besiegten Franzosen geäußert habe. Vorerst soll Ludwig nur mitspielen – in dem Spiel „Bayern eine Euthanasie zu bereiten und es mit sanfter Hand zum Tode zu führen“, wie sich der preußische Gesandte in München, Graf von Werthern, zynisch auszudrücken beliebt.

Ludwig weiß dies nur zu gut: „Wehe, dass gerade ich zu solcher Zeit König sein musste ...“ und „die Folgen von 70 und 71 verbittern mir die Existenz“. Dieser Welt, in der Bayern und sein König Schritt für Schritt an politischer Souveränität verlieren, stellt Ludwig seinen Traum entgegen. Je mehr sein Königtum exekutiver Macht entleert wird, desto mehr versucht er, eine Königsherrschaft der Phantasie, der Ideen und Illusion zu begründen.

Königsherrschaft der Phantasie

Ludwig will Staatlichkeit, Herrschaft und königlichen Adel nie mehr durch Politik und Kriege verwirklichen, sondern ausschließlich durch Kunst und Form. Moderne Menschen würden heute sagen: durch Performance, Environments, Fluxus. Auch die kritische Wissenschaft und Publizistik entdecken heute die wahre Dimension des Gesamtkünstlers Ludwig: Ludwig als der Vertreter der Posthistorie, als zentrale Figur des europäischen Ästhetizismus. Aber auch der erste Konstrukteur von Medienräumen der vollkommenen Illusion. Und natürlich auch als Seher der deutschen Katastrophe (so der Historiker Hermann Rumschöttel).

„Aber sechs studierte und berufene Irrenärzte hatten amtlich den kompletten Wahnsinn des Königs festgestellt und seine Internierung für notwendig erklärt!“, wendet im Schicksalsroman Doktor Faustus ein fiktiver Gesprächspartner gegen Ludwig ein, bei einer Schlittenfahrt nach Schloss Linderhof. „Ei, alles Unsinn“, lässt Thomas Mann seinen Ich-Erzähler Serenus Zeitblom antworten: „Das hätten diese gefügigen Gelehrten getan, weil sie eben dazu berufen gewesen seien, ohne Ludwig je gesehen, ohne ihn auch nur nach ihren Methoden ‚untersucht’, ohne ein Wort mit ihm gesprochen zu haben.

Allerdings hätte wohl auch ein Gespräch mit ihm über Musik und Poesie diese Spießer von seinem Wahnsinn überzeugt. Aufgrund ihres Spruches habe man dem zweifellos aus der Norm Fallenden, darum aber durchaus nicht Verrückten, die Verfügung über sich selbst entzogen, ihn zum psychiatrischen Patienten erniedrigt, ihn in ein Seeschloss mit abgeschraubten Türklinken und vergitterten Fenstern gesperrt.

Dass er das nicht ertragen, sondern Freiheit oder Tod gesucht und dabei seinen ärztlichen Kerkermeister mit sich in den Tod gerissen habe, spreche für sein Würdegefühl und nicht für die Wahnsinnsdiagnose.“ „Wie können Sie mich für geisteskrank erklären, Sie haben mich ja gar nicht vorher angesehen und untersucht?“, donnert der König den Irrenarzt Gudden an, der ihn per Ferndiagnose entmündigen und lebendig begraben will. „Majestät, das war nicht nothwendig; das Aktenmaterial ist sehr reichhaltig und vollkommen beweisend, es ist geradezu erdrückend“, stammelt Gudden zurück.

Sein Assistent Franz Carl Müller, der bei der mitternächtlichen Verhaftung in Neuschwanstein am 11./12. Juni dabei war, hat das Gespräch mitgeschrieben. Am 7. Juni 1886 hatten die fünf Minister des bayerischen Königs und der Ministerpräsident seine „lückenlose Internierung“ verfügt. Nach dem Gespräch mit Gudden musste der König eine Kutsche besteigen, der die inneren Türgriffe abmontiert waren, und sich in einer achtstündigen Fahrt, qualvoll eingesperrt, nach Berg am Starnberger See bringen lassen.

Begleitet von fünf Irrenwärtern, die mit Fußfesseln und Zwangsjacken ausgerüstet waren. In Berg wurde sein Aufenthalt auf zwei Zimmer beschränkt. Diese Zimmer waren in der Weise präpariert, dass ihre Zugänge nur noch von außen und mit dem in der Kreisirrenanstalt üblichen Dreikantschlüssel zu öffnen waren. In die Türen waren Überwachungslöcher gebohrt worden. Gudden hatte Baufachleute der von ihm geleiteten Kreisirrenanstalt beauftragt, weitere Absperrungsmaßnahmen im Gebäude und auf dem Grundstück (die in Ludwigs privatem Eigentum standen) durchzuführen.

Dazu gehörte auch der Plan, eiserne Stangen im See anzubringen und sie bis in eine Höhe von zwei Metern mit Stacheldraht zu verbinden. War das Recht? Wer sicher sein will, was für ein bayerisches Staatsverbrechen da stattgefunden hat, braucht nicht die Totenruhe des Königs zu stören und seinen Leichnam zu untersuchen. Um die Willkür der ministeriellen Regierungsakte zu legen, genügt ein Besuch in der Bayerischen Staatsbibliothek, wo alle im Todesjahr 1886 geltenden Rechtsvorschriften einsehbar sind.

Vor allem die Gesetze, die im Königreich bei Entmündigungssachen zwingend angewendet werden mussten. Nach der Civilprozeßordnung (CPO) für das Deutsche Reich vom 1. Oktober 1879 durfte eine Person nur durch Beschluss des Amtsgerichts für „geisteskrank“ erklärt werden (§ 593 CPO). Dabei war dem Betroffenen rechtliches Gehör garantiert (§ 598 CPO).

Die illegale Entmündigung

Wurde dem Entmündigungsantrag gerichtlich stattgegeben, konnte der Betroffene diesen Beschluss innerhalb eines Monats anfechten, wobei ihm von Amts wegen ein Anwalt als Beistand zur Verfügung gestellt werden musste (§ 609 CPO). Die Civilprozeßordnung des Reichs fand auf „Ansehung der Landesherren und der Mitglieder der landesherrlichen Familien“ Anwendung (§ 5 CPO). Nichts von alledem wurde eingehalten.

Die Verfassung schrieb sogar ausdrücklich vor, „niemand darf verhaftet werden, als in den durch die Gesetze bestimmten Fällen und in der gesetzlichen Form (Titel IV § 8)“. Und dass die Person des Königs „heilig und unverletzlich“ sein sollte (Titel II § 1). Es geht auch um die Verfassungsbestimmung, wonach mit Zustimmung des Landtages eine Regentschaft einzusetzen ist, wenn der König voraussichtlich mehr als ein Jahr an der Ausübung der Regierungsgeschäfte verhindert ist (Titel II § 11). Ministerpräsident Lutz hatte eine entsprechende Mitteilung an die Kammern aufgesetzt, für Ludwigs Onkel, den Prinzen Luitpold, als nächsten Agnaten und potentiellen Thronfolger.

Selbstverständlich rechtfertigen diese staatsrechtlichen Regelungen für Verhinderungsfälle nicht persönliches Kuratel und Internierung, Entrechtung und Verschleppung. Der damalige bayerische Verfassungsrechtler und Kronjurist Max von Seydel wies in seinem „Staatsrecht für das Königreich Bayern“ die Regierung Jahre nach dem Tod des Königs darauf hin, dass „Regierungsfähigkeit und privatrechtliche Handlungsfähigkeit nicht dasselbe sind“. Es war ein hochverräterischer Staatsstreich, begangen von fünf Ministern, Fäustle, Riedel, Crailsheim, Feilitzsch und Heinleth, und dem Vorsitzenden des königlichen „Gesamtstaatsministeriums“, dem Ministerpräsidenten Johann von Lutz.

Sie fürchteten um ihr Amt, weil der König, um der ewigen Finanzkrise für seine Bauten zu entkommen, sich zum ersten Mal in seiner Regentschaft an den Landtag gewandt hatte. Der Preis für ein Ja wäre die Entlassung dieser Regierung gewesen, die in der Volksvertretung keine Mehrheit hatte. Das galt es um jeden Preis zu verhindern. Ob der Tod am Abend des 13. Juni dann bei einem Fluchtversuch geschah oder durch Selbstmord – sie haben ihn auf dem Gewissen. Wer den König gegen Recht und Gesetz verschleppen und einsperren lässt, trägt Mitschuld an dessen Tod bei der Flucht.

Und wer einen Suizidenten psychisch so zermürbt, dass er sich das Leben nimmt, war auch nach damaligem bayerischen Recht Täter einer Fremdtötung. Auf dem Land wussten sie alle, dass etwas Unerhörtes geschah. Oskar Maria Graf berichtet in seinem autobiographischen Roman „Das Leben meiner Mutter“, wie sie zu Pfingsten 1886, als Ludwig gefangen ins Schloss gebracht wurde, in Berg ein polizeiliches Ausgehverbot gegen die Bevölkerung verfügten, das in jedem Haus kontrolliert wurde. Überall Polizeitruppen. Selbst auf der Rottmannshöhe und in Leoni: „Im Dorf tauchten überall Gendarmerie- Patrouillen auf. Feindselig und drohend sahen sie aus mit ihren umgehängten Karabinern. Mit bösen Blicken verfolgten sie die Leute. Die Kinder liefen erschreckt vor ihnen davon.

Eine seltsame Lautlosigkeit, ein stummer Druck durchzog Berg.“ Und dann: „Ja, Herrgott, muß man sich das gefallen lassen? Das Maul soll jeder halten, und unsern König wollen sie wegräumen?!“ In den Münchner Neuesten Nachrichten vom 15. Juni 1886 findet sich immerhin der Hinweis auf „die merkwürdige Thatsache, daß die auch im Schloßpark patrouillierenden Gendarmen, von dem ganzen sich in kurzer Entfernung vor ihnen abspielenden Drama nicht einen Laut, noch irgend ein Geräusch vernommen haben.“

„Wir wollen nur noch Grashalme“, lässt George Orwell den Großen Bruder in „1984“ anordnen. „Wir wollen nur noch Grashalme – und keine Blumen mehr. Auf keinen Fall.“ Die heutige Erinnerung an Ludwig II. beweist, dass der Große Bruder nicht Recht behalten hat. Denn die Menschen lieben Blumen. Und erst recht so phantastische und wilde Orchideen wie König Ludwig II.

VON PETER GAUWEILER

Die nächste Folge

"Eine König-Ludwig-Pizza wird's nicht geben" - ein Interview mit Prinz Luitpold von Bayern.

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Die vorherige Folge

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