Geständnis: Bruder sticht Schwestern nieder - weil sie ihn stressten

Aschaffenburg - Stress, Wut, Beschützerinstinkt - für die Messerattacke eines 18-Jährigen auf seine beiden älteren Schwestern werden zu Prozessbeginn vor dem Landgericht Aschaffenburg etliche mögliche Motive genannt.

“Ich weiß nicht, was in dem Augenblick in mich gefahren ist“, sagt der heute 19 Jahre alte Angeklagte am Dienstag. “Ich hab' halt einfach zugestochen.“

Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann - er ist der einzige Sohn einer sechsköpfigen türkischen Familie - Mordversuch und gefährliche Körperverletzung vor. Die 22 Jahre alte Schwester des Angeklagten hatte durch zwei Messerstiche von hinten in Rücken und Bauch lebensgefährliche Verletzungen erlitten. Das andere Opfer, eine 21 Jahre alte Altenpflegerin, erwischte der Tatverdächtige einmal mit dem Messer - sie wurde leicht verletzt.

Etwa eineinhalb Stunden lang beantwortet der gebürtige Aschaffenburger mit türkischer Staatsangehörigkeit die Fragen des Gerichts. Immer wieder erzählt er von Erinnerungslücken. Er spricht von Respekt für die Eltern, seiner Strenge gegenüber den Schwestern, Ohrfeigen. Er habe die Vaterrolle eingenommen und Verbote erteilt. “Mein Vater ist eher ein stiller Typ, sitzt auf der Couch, guckt Fernsehen.“

Wenn die Töchter einer muslimischen Familie ausziehen wollen, sei dies nicht schön, erzählt der Angeklagte. Dass die Mutter dagegen gewesen sei, könne er verstehen. Die 42-Jährige habe ihre Töchter beschützen wollen - deshalb durften sie an dem heißen Julitag die elterliche Wohnung in Aschaffenburg nicht verlassen. “Wir sind eigentlich so wie ihr Deutschen“, sagt der junge Mann mit dem schwarzen Rolli, der blauen Jeans und den Turnschuhen.

Die Vorsitzende Richterin Karin Offermann hat Zweifel an den teils diffusen Aussagen des 19-Jährigen und beruft sich auf dessen Worte bei der polizeilichen Vernehmung. Damals habe der Angeklagte gesagt, türkische Mädchen wüssten, sie dürften nur bei einer Heirat ausziehen. Er habe den Schwestern eine Lektion erteilen wollen, zitierte Offermann aus den Akten.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft haben sich die Schwestern am Nachmittag des 5. Juli 2009 mit der Mutter gestritten. Es soll ums Ausgehen, ums Ausziehen aus der Wohnung, um einen Hund gegangen sein. Irgendwann eskalierte die Situation, die Töchter sollen auf die Mutter losgegangen sein. Dazu erklärt der Angeklagte: “Ich lass' meine Mutter nicht rumschubsen.“ Möglicherweise habe er deshalb zugestochen. “Ich wollte hauptsächlich meine Mutter beschützen.“

“Ich denke nicht, dass er uns umbringen wollte“, berichtet das 21 Jahre alte Opfer vor Gericht. “Er ist nicht gewalttätig.“ Dennoch räumt die Altenpflegerin ein, ihr Bruder habe sich ab und an als Vater aufgespielt, wie ein Macho verhalten. Am Tattag habe er wohl für Ruhe sorgen wollen und deshalb das Küchenmesser mit der zehn Zentimeter langen Klinge gezückt - es wirkt, als hätte die 21-Jährige Verständnis für das Handeln ihres Bruders. Die andere Schwester will vor Gericht nichts zu der Attacke sagen. “Es belastet mich halt' sehr.“ Damit meint die 22-Jährige nicht den Angriff auf ihr Leben, sondern die Tatsache, dass ihr Bruder im Gefängnis sitzt. “Ich vermisse ihn halt' schon.“ Der 19-Jährige sei ihr bester Freund gewesen. Die Hände des Angeklagten liegen bei den Aussagen seiner Schwestern meist gefaltet in seinem Schoß. Er wirkt in manchen Situationen selbstsicher, zeigt aber auch Reue. “Ich hatte nicht vor, die umzubringen.“ Aber der Streit habe genervt. Auf die Frage nach seinem Gefühl unmittelbar vor der Messerattacke sagt der 19-Jährige: “Als ob mein Blut kochen würde.“ Für den Prozess sind zunächst vier Verhandlungstage angesetzt worden.

dpa

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