Städtetag gegen neue Mülltonne - Welcher Meinung sind Sie?

München – Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hat sich als Präsident des Deutschen Städtetags strikt gegen die Einführung einer weiteren Abfalltonne für Metall, Plastik und Elektroschrott ausgesprochen.

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Brauchen wir noch eine Pflicht-Tonne?

Bei der Bundesratssitzung kommenden Freitag müssten sich die Ministerpräsidenten der Länder gegen einen Gesetzesentwurf der Bundesregierung aussprechen, appellierte Ude. Die geplante Änderung mache es den Kommunen unmöglich, „ihren Entsorgungsaufgaben nachzugehen“, heißt es in einem Schreiben, das Ude mit den Präsidenten des Deutschen Landkreistages sowie des Deutschen Städte- und Gemeindebunds verfasst hat.

Auch der Chef des Bayerischen Städtetags, Hans Schaidinger (CSU) aus Regensburg, warnte am Montag vor der neuen Tonne, deren Inhalte private Betriebe verwerten könnten. Der Gesetzentwurf „drängt die Kommunen in die Rolle des Lückenbüßers“ – für sie bliebe nur noch die Entsorgung nicht verwertbarer Abfälle, befürchtet Schaidinger. Einzig die FDP ist für die Tonne: Mit ihr werde „die Abfallentsorgung einfacher und umweltfreundlicher“, erklärte der Chef der Bayerischen FDP-Landesgruppe im Bundestag, Horst Meierhofer.

Wohin wandern die Wertstoffe?

Was wird aus Omas altem Nudelholz? Was aus dem rostigen Radl? Aus dem leeren Jogurtbecher? Die Diskussion um eine geplante weitere Abfalltonne zeigt: Wertstoffhandel ist ein lukratives Geschäft.

Altholz: Der alte Ikea-Schrank, das abgenudelte Frühstücksbrett – bitte nicht wegschmeißen, wertvoller Rohstoff! Das in Containern gesammelte Altholz im Landkreis Fürstenfeldbruck sortiert die Firma „Eisen-Rudi“, der Landkreis erhält pro Tonne „einige Euro“, wie es heißt. Geschreddertes Vollholz kann an Spanplattenwerke verkauft werden – Abnehmer sind die Pfleiderer AG (Oberpfalz), aber auch Egger in Österreich. Altes Spanholz wird gehäckselt und – von sogenannten Störstoffen wie Nägeln oder Scharnieren befreit – zu Biomasse. „Eisen-Rudi“ hat einen Vertrag mit dem Biomasse-Heizkraftwerk in Altenstadt bei Schongau – 500 Tonnen im Jahr nimmt das Kraftwerk ab, und zahlt dafür auch.

Alteisen/Schrott: Das alte Radl, die durchgerostete Schubkarre, der ruinierte Kochtopf – ein Fall für Helmut Griesmeier vom Abfall-Kommunalunternehmen VIVO in Warngau (Kreis Miesbach). Etwa 1500 Tonnen sogenannten Mischschrott bringen die Bürger jährlich zu den 19 Wertstoffhöfen des Landkreises. Bares Geld. Wie viel die VIVO erlöst, „hängt von der Marktlage ab“, sagt Griesmeier. Die Preise steigen – derzeit sind es etwa 200 Euro pro Tonne. Auch im Landkreis Fürstenfeldbruck wird ordentlich Geld verdient: 2837 Tonnen Schrott brachten 430 000 Euro – Geld, das in die Kalkulation der Müllgebühren einfließt und somit die Bürger entlastet, wie Barbara Steinmetz vom Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises betont. Einen großen Teil des Schrotts im Landkreis Miesbach holt der Altmetallhändler Preimesser ab. Auf einem Lagerplatz in Otterfing wird der Schrott abgekippt und mit Baggern verteilt. Schrott mit Anhaftungen wie Plastik oder Schaumstoff wird in einer Anlage von Thyssen Dück in München-Aubing geschreddert. Der reine Eisenschrott wird in Stahlwerken – oft in den Augsburger Lech-Stahlwerken – eingeschmolzen.

Plastik – eine Wissenschaft für sich. Kunststoffe gehören zu den Dualen Systemen, das heißt, die Industrie hat sich verpflichtet, Verpackungen mit dem „Grünen Punkt“ zurückzunehmen und zu verwerten. Im Grundsatz. Im Detail hat jeder Landkreis sein eigenes Sammelprinzip. Im Landkreis Fürstenfeldbruck zum Beispiel werden unterschiedliche Plastikarten getrennt gesammelt – PET-Flaschen, Hohlkörper, Folien etc. Weil der Landkreis die Wertstoffhöfe als Ort der Sammlung für Verpackungen mit dem „Grünen Punkt“ bereit stellt, erhält er Mitbenutzungs- und Nebenentgelte – jährlich zwei Millionen Euro.

Die VIVO in Warngau geht einen anderen Weg: In Containern werden gemischte Leichtverpackungen gesammelt – ob nun Dosen, Chipstüten oder Shampooflaschen. Im Wertstoffzentrum Warngau gibt es eine Anlage, wo im Auftrag des „Dualen Systems“ ein Teil der Containerinhalte akribisch sortiert wird: Beispiel „Folien größer als DIN-A 4“. In Warngau werden sie zu 500-Kilo-Ballen gepresst. Dann schaut Thomas Frey von der VIVO, wo es Abnehmer gibt. Der Erlös ist gering, bei Folien zehn bis 20 Euro pro Tonne. Höherwertige Kunststoffe, etwa durchsichtige PET-Flaschen, kommen schon einmal auf bis zu 300 Euro pro Tonne. Ein Millionengeschäft ist aber auch das nicht – 60 Tonnen im Jahr fallen im Landkreis Miesbach an. Abnehmer für Plastik aus Miesbach gibt es weltweit. Frey hat 2010 über deutsche Vertragshändler auch schon Folien nach China verkauft, an eine Firma Huifulicheng International Trade. Die Folienballen packten seine Mitarbeiter direkt in Seecontainer. „Die Firma ist zertifiziert“, betont Frey. Was aus den Folien in China wird, kann Frey nur vermuten – Granulat für die Kunststoffproduktion, sagt er.

Altglas: Allen Gerüchten zum Trotz: Weißes, braunes und grünes Altglas wird von der Industrie nicht wieder zusammengeschüttet – betonen jedenfalls alle Beteiligten. Im Auftrag des Dualen Systems holt der Konzern Remondis das Fürstenfeldbrucker Altglas ab – 2010 waren es 5276 Tonnen, knapp die Hälfte davon Grünglas. Es darf bis zu 15 Prozent Fehlfarben enthalten – deshalb kann man in den Grünglas-Container auch blaues oder schwarzes Glas reinschmeißen. Abnehmer ist zum Beispiel EURA-Glasrecycling in Germersheim (Rheinland-Pfalz). Kronkorken sortiert ein Magnet aus, dann wird Altglas zu Glasmehl. Und weiter geht die Reise in die Glashütten. Für eine Tonne Fürstenfeldbrucker Altglas bekommt Remondis zwischen 40 und 70 Euro, sagt Pressesprecher Michael Schneider.

Altpapier: „Papier bringt am meisten“, sagt Barbara Steinmetz vom Abfallwirtschaftsbetrieb Fürstenfeldbruck. 18 200 Tonnen brachten die Bürger zu den Sammelstellen – etwa zwei Millionen Euro konnte der Landkreis damit erlösen. Das Papier geht – wie auch anders? – an die Papierindustrie.

Dirk Walter

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