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Der Geiselnehmer von Ingolstadt vor Gericht.

Ingolstädter Geiselnehmer vor Gericht

Stalker-Opfer: „Ich hatte Todesangst“

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Ingolstadt - Der Geiselnehmer von Ingolstadt steht seit Dienstag vor Gericht. Und räumt alle Vorwürfe ein. Vier Menschen hatte er in seine Gewalt gebracht, darunter eine Frau, der er nachstellte.

Bevor sie den Zeugenstand verlässt, dreht sich Tatjana S. noch einmal nach links, zur Anklagebank. Dort, wenige Meter entfernt, sitzt jener Mann, der ihr nachstellte, sie bedrohte, sie in Geiselhaft nahm und ihr eine Pistole an die Schläfe hielt, um ihr „eine Kugel in den Kopf zu jagen“. Ein Stalker.

Tatjana S., eine schmale Frau mit dunklen Haaren und ängstlichen Augen, sieht ihn kurz an, dann sagt sie: „Ich hoffe, dass er Abstand von mir hält – und mich künftig in Ruhe lässt.“

Es ist Dienstagnachmittag, fast 15 Uhr. Knapp zwei Stunden hat Tatjana S., 26, Verwaltungsfachangestellte und Sekretärin des Dritten Bürgermeisters von Ingolstadt, ausgesagt. Sie hat viele Fragen beantwortet und geweint. Nun darf sie gehen, raus aus dem Sitzungssaal 11 des Landgerichts Ingolstadt.

Hier wird der Fall Sebastian Q. verhandelt, eine Geiselnahme im Rathaus von Ingolstadt, die am 19. August 2013 bundesweit für Schlagzeilen sorgte: Damals hatte der mutmaßliche Täter vier Menschen in seine Gewalt gebracht. „Es wird ein blutiges Ende geben“, sagte er ihnen.

In einer Hand hielt er ein Messer, in der anderen die Attrappe einer Pistole – sie sah echt aus, bis zum Schluss glaubten die Opfer, er könnte sie damit erschießen. Beim Prozessauftakt schweigt Sebastian Q., 25, ein stämmiger Mann in blauer Jeans und schwarzem Schlabber-Sweatshirt.

Entschuldigung bei der Opfern

Nur eine knappe Erklärung lässt er durch seinen Pflichtverteidiger Jörg Gragert verlesen. Darin gesteht er die Geiselnahme ein – und entschuldigt sich bei den Opfern. Er habe niemandem seelisches oder körperliches Leid zufügen wollen. Tatjana S. wird später sagen: „Ich hatte Todesangst.“

Denn sie weiß, wozu Sebastian Q. fähig ist, sie kennt ihn, die beiden waren mal befreundet – damals, als sie ihm noch helfen wollte, „damit er auf die Beine kommt“. Sebastian Q. stammt aus schwierigen Verhältnissen, zuletzt war er im Obdachlosenmilieu daheim.

Irgendwann lernt Tatjana S. jemanden kennen, einen anderen Mann, sie verliebt sich – und bricht den Kontakt zu Sebastian Q. ab. „Er war für meine Umgebung zu gefährlich“, sagt sie. Sofort beginnt der Terror: unzählige SMS, Besuche und Anrufe in der Arbeitsstelle. Tatjana S. erwirkt ein Hausverbot im Rathaus, doch daran hält sich Sebastian Q. nicht. Wegen Nachstellung, Hausfriedensbruchs und Körperverletzung kommt er bald in Untersuchungshaft – und wird zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt, allerdings auf Bewährung.

Schon damals rät man ihm zu einer psychiatrischen Behandlung, nun steht die Einweisung in eine geschlossene Einrichtung im Raum. „Mein Mandant möchte nicht dauerhaft untergebracht werden“, sagt sein Pflichtverteidiger Gragert. Lieber Gefängnis, das würde er schon packen – Sebastian Q. drohen bis zu 15 Jahre Haft – für die Geiselnahme, den Alptraum, der mit einem Anruf am Morgen des 19. August 2013 beginnt. Tatjana S. geht ran, hört nur ein Schnaufen. „Ich wusste, das ist er. Und er kommt heute“, erzählt sie.

Wenige Minuten später ist er da, stürmt zu ihr, nimmt in kürzester Zeit drei andere Menschen in seine Gewalt. Er fühlt sich von der Stadt verraten, so steht es in der Anklageschrift, will Entschuldigungen hören – dafür, dass ihn niemand geschützt habe vor dem angeblichen sexuellen Missbrauch durch seinen Vater. Ständig wird er laut, spielt mit der Pistole, Magazin raus, rein – klack, klack. Dann wird er ruhiger, dreht zwischendurch aber wieder hoch. So geht das stundenlang.

Sebastian Q. lässt eine Geisel nach der anderen gehen – Tatjana S., mit der er ein Vier-Augen-Gespräch erzwingen will, ist die letzte. Sie bekommt mit, wie das Sondereinsatzkommando das Rathaus stürmt. Schüsse, Schreie des Angeklagten. Es ist vorbei, endlich.

Während sie das erzählt, bricht sie in Tränen aus. Sie sagt: „Es kommt alles hoch.“ Immer wieder. Bis heute.

Barbara Nazarewska

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