Starkregen in Südbayern: Hang rutscht ab

Erdrutsche, überflutete Straßen, volle Keller: Südbayern versinkt im Starkregen

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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  • Dominik Göttler
    Dominik Göttler
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Zwei Tage lang Dauerregen – das hat in Bayern vielerorts für Überschwemmungen gesorgt. Hunderte Einsatzkräfte waren seit Montagabend unterwegs, um Keller leer zu pumpen und Straßen zu sichern.

München – Zwei Tage lang Dauerregen – das hat in Bayern vielerorts für Überschwemmungen gesorgt. Hunderte Einsatzkräfte waren seit Montagabend unterwegs, um Keller leer zu pumpen und Straßen zu sichern. Und obwohl der Regen am Dienstag nachgelassen hat, werden die Menschen in einigen Regionen noch länger mit den Folgen kämpfen müssen.

Helmut Gumpinger ist sofort klar, dass dieser Einsatz Tage dauern wird. In den frühen Morgenstunden steht er mit seinen Feuerwehrkameraden vor einem Mehrfamilienhaus in Anger im Berchtesgadener Land. Von dem Gebäude ist ein Großteil gar nicht mehr zu sehen. Der Berghang ist durch den Dauerregen abgerutscht – die Erdmassen haben den Wintergarten und Teile des Erdgeschosses verschüttet. „Wir haben als Erstes die fünf Familien in Sicherheit gebracht“, berichtet Gumpinger. Sie haben teilweise kleine Kinder. Alle kommen bei Nachbarn oder Verwandten unter. „Da sieht man mal, was eine gute Nachbarschaftshilfe ausmacht“, sagt Bürgermeister Markus Winkler.

Dennoch herrscht auch bei ihm große Unsicherheit, wie es in den nächsten Tagen weitergeht. Denn durch die Erdmasse ist die Statik des Hauses gefährdet. „Wir haben den ganzen Dienstag lang versucht, die Häuser mit Baggern freizuschaufeln“, sagt der Feuerwehrkommandant. „Noch sind die Schäden an den Gebäuden nicht abschätzbar.“ In mindestens eine Wohnung sei viel Erde und Wasser eingedrungen. Außerdem besteht die Gefahr, dass der Hang weiter abrutscht. „Aktuell wird er vom THW mit Lasern überwacht“, sagt Gumpinger. Ein wenig aufatmen können die Einsatzkräfte erst nachmittags, als zumindest der starke Regen aufhört. Doch bis in den Abend hinein sind rund 50 Einsatzkräfte vor Ort. „Nur ein paar Meter weiter ist 1954 schon einmal der Hang abgerutscht“, berichtet Gumpinger. „Damals gab es zwei Todesopfer.“

Auch in der Partnachklamm bei Garmisch-Partenkirchen sind am Montag mehrere kleine Erdrutsche abgegangen. Das Gelände ist für Besucher gesperrt worden.

Für die Pendler, die morgens auf der A8 unterwegs sind, begann der Dienstag mit einem langen Stau. Gegen 4.30 Uhr ging bei der Polizei der Notruf eines Autofahrers ein. Bei Frasdorf stand in einer Senke auf der Fahrbahn das Wasser hüfthoch. Der Mann blieb mit seinem Auto stecken, konnte sich aber noch selbst aus dem Fahrzeug befreien. „Wir mussten die A8 in beide Richtungen komplett sperren“, sagt Carolin Hohensinn vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Doch dazu kam ein weiteres Problem: „Die Umleitungsstrecke verläuft nur zehn Meter von der Autobahn entfernt“, berichtet sie. Der Bach neben der Straße war über die Ufer getreten – und hatte auch diese Straße so überschwemmt, dass sie nicht mehr befahrbar war. Der Polizei blieb nichts anderes übrig, als den Verkehr großräumig umzuleiten. In Richtung München staute sich der Verkehr bis Bernau, in anderer Richtung bis zum Inntaldreieck. Erst gegen Mittag war die Autobahn wieder komplett frei.

Vollsperrung auf der A8 wegen Starkregen (Symbolbild)

Ein letztes Mal wollte der Beamte der Murnauer Polizei kontrollieren, ob auch niemand mehr auf der B2 unterwegs war, die wegen Überschwemmung dringend gesperrt werden musste. Es war eine Kontrollfahrt zu viel, wie im Nachhinein klar wurde. Denn der Streifenwagen blieb in der meterhohen Brühe stehen und machte keinen Mucks mehr. Da half nur noch ein Notruf. Die Feuerwehr musste den Streifenwagen schließlich per Traktor und Seilwinde aus den Fluten ziehen.

Nicht nur die Polizei, auch Bahnfahrer waren vom Hochwasser betroffen. Südlich von Murnau sperrte die Deutsche Bahn zwei Strecken, Reisende Richtung Oberammergau oder Garmisch-Partenkirchen mussten auf den Bus umsteigen. Und auch bei der Bayerischen Regiobahn fielen im Süden von München mehrere Züge aus.

Kräftige Regenfälle im August sind für Guido Wolz eigentlich nichts Außergewöhnliches. Aber über den Starkregen in der Nacht zum Dienstag sagt der Leiter der Regionalen Wetterberatung des Deutschen Wetterdienstes in München: „Das waren schon extreme Mengen.“ In Teisendorf etwa verzeichnete der DWD in der Nacht zum Dienstag in nur zwölf Stunden 155 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. In Siegsdorf oder Grassau war es nicht viel weniger. In einigen Orten rund um den Chiemsee seien in einer Nacht fast 80 Prozent der üblichen Regenmenge des gesamten Augustes vom Himmel gekommen, sagt Wolz. Und dabei handelte es sich keineswegs nur um kleine Gewitterzellen, betroffen war nahezu das gesamte Alpenvorland, besonders aber die Region zwischen Inn und Chiemsee. Der Lichtblick: „In der Nacht ist der Spuk vorbei“, sagt Wolz. Nach einem bewölkten Tag am heutigen Mittwoch soll der Sommer wieder voll durchschlagen.

In vielen Regionen stiegen die Pegel der Flüsse am Dienstag stark an – oder traten sogar über die Ufer. Die Isar hatte in München am Dienstag Nachmittag einen Wasserstand von 2,83 Metern erreicht – und Meldestufe 1 damit deutlich überschritten. Für den Abend wurde der Scheitel mit 3,70 Metern erwartet. Für die Mangfall galt zwischenzeitlich die höchste Meldestufe 4, auch der Inn und seine Seitenflüsse schwollen bedrohlich an.

In Südbayern konnten die Einsatzkräfte am Dienstag Nachmittag langsam Entwarnung geben – in Niederbayern sind die Einsatzkräfte jedoch in Alarmbereitschaft. Andreas Dittlmann sitzt am Dienstagnachmittag gespannt vor seinem Bildschirm und aktualisiert permanent die Prognosen des Hochwassernachrichtendienstes. Der Stadtbrandmeister von Passau hat schon viele Fluten miterlebt und er weiß, was für die Drei-Flüsse-Stadt darüber entscheidet, wie schlimm ein Hochwasser werden kann. „Für uns ist wichtig, dass die Scheitel von Inn und Donau nicht gleichzeitig in der Stadt ankommen.“ Als er am Vormittag die ersten Meldungen von der überfluteten A 8 und den Fluten in Teisendorf liest, ist er sofort alarmiert. „Da ist der Blutdruck kurzfristig angestiegen.“ Doch Stand Dienstagabend konnten die Passauer hoffen, dass die schlimmsten Befürchtungen nicht eintreffen werden. „Aktuell gehen wir davon aus, dass uns der Scheitel des Inns in der Nacht erreicht und die Donau dann erst in der Früh.“ Auch so würden wohl einige Keller volllaufen, prognostiziert Dittlmann. „Aber die Flut wäre zu bewältigen.“ Die Sandsäcke jedenfalls liegen am Dienstagabend schon bereit. „Viel Schlaf werden wir heute nicht bekommen.“ Dominik Göttler und Katrin Woitsch

Wildniscamp am Jenbach evakuiert – Zwölf Jugendliche kommen im Bergwachthaus unter

Einer der Landkreise, der am stärksten betroffen war, war Rosenheim. Dort und im angrenzenden Landkreis Miesbach mussten die Feuerwehren mehr als 500 Mal ausrücken. Unter anderem, um ein Wildniscamp zu evakuieren.

Der Notruf der Betreuer erreichte die Bergwacht um drei Uhr nachts. Bei strömendem Regen und in voller Montur rückten die Einsatzkräfte aus. Die Betreuer hatten den Jenbach beobachtet und sich Sorgen gemacht, weil der Pegel so schnell stieg, berichtet der Bereitschaftsleiter Matthias Eggersberger. Sie befürchteten, dass das Wildniscamp überflutet werden könnte. „Die Vorsicht der Betreuer war richtig“, sagt der Bergretter. Sie erkundigten sich bei den Experten, was bei dem Starkregen zu tun sei. Für die Bergwacht war die Entscheidung klar: Die Kinder müssen in Sicherheit gebracht werden. Die Situation war zunächst sehr unübersichtlich. Zu zwölft begleiteten die Einsatzkräfte die Jugendlichen im Alter von zwölf bis 15 Jahren über den Malerwinkelsteig ins Trockene – im Bergwachthaus konnten die Camper Unterschlupf finden. Hätten die Betreuer den Notruf später abgesetzt, wären die Zelte wohl schon unter Wasser gestanden, bis die Einsatzkräfte vor Ort waren.

Im Laufe des Montagvormittags haben die Eltern ihre Kinder, die zum größten Teil aus der Region kamen, wieder zu sich nach Hause geholt. Für die Jugendlichen war das Ganze ein großes Abenteuer: „Keiner hatte Angst, es war zu dem Zeitpunkt noch nicht gefährlich. Alle waren wohlauf und gut ausgestattet.“ Um 5 Uhr gab es für die tapferen Abenteurer erst einmal frische Brezn zum Frühstück. Und das Wildniscamp hat sich seinen Namen an diesem Tag wohl redlich verdient.

Die Feuerwehr traf am Vormittag Maßnahmen, um weitere Überschwemmungen rund um den Jenbach zu verhindern. „Wir haben präventiv Sandsäcke am Campingplatz aufgebaut“, sagte Kreisbrandinspektor Max Goldbrunner. Auch auf dem Campingplatz in Schliersee (Kreis Miesbach) mussten die Urlauber, die in Ufernähe campen, in Sicherheit gebracht werden. Anna Hausmann

Rubriklistenbild: © Bernd März / dpa

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