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Halloween gegen St. Martin. Zeitgeist gegen Tradition. Ob Kindergartenkinder auf einen Martinsumzug gehen oder ein Lichtfest feiern sollen - die Meinungen gehen auseinander.

Kein St. Martin in Kindergärten: Debatte

"Dann sollte Weihnachten auch gleich ausfallen"

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München - In vielen Kindergärten im Großraum München feiern die Mädchen und Buben ein Lichterfest, statt am traditionellen Martinsumzug teilzunehmen. Skandal, sagen die einen. Zeitgeist, sagen die anderen. Ein Überblick über unsere User-Stimmen.

Kein Martinsumzug, dafür ein Lichterfest? Gründe gibt es dafür viele. Der städtische Kindergarten in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau) zum Beispiel begründet seine Halloween-Feier (knapp zwei Wochen nach dem eigentlichen Halloween) am 11. November damit, dass die Mädchen und Buben selbst danach gefragt hätten. "Wir wechseln immer ab", sagt Kindergarten-Leiterin Waltraud Moser. Sie kann die Aufregung nicht verstehen, denn die Geschichte vom Heiligen Martin von Tours sei den Kindern trotzdem erzählt worden.

Einige Eltern waren dennoch empört, weil es heuer keine Martinsfeier gibt. Für sie ist das ein Traditionsbruch. Ähnlich sieht es das Erzbistum München und Freising. Denn die Martins-Geschichte könne nicht nur für Katholiken, sondern für alle Menschen eine Bereicherung sein, sagt Pressesprecher Bernhard Kellner. "Sie zeigt, dass wir zur Nächstenliebe gerufen sind. Das ist eine Botschaft, die alle Menschen weiterbringen kann."

Lernen die Kinder also nicht mehr zu teilen, wenn es den Martinsumzug in ihrem Kindergarten nicht mehr gibt? Ja, sagen einige der Leser auf merkur-online.de. Dort hat die Geschichte eine Riesen-Debatte ausgelöst. "Wir müssen uns auf unsere Traditionen besinnen und diese auch unseren Kindern und deren Kindern bewahren", schreibt zum Beispiel ein User, der sich trillian42 nennt.

Muss dann bald Weihnachten abgeschafft werden?

User Sachen gibt's ist hingegen völlig egal, wie das Fest heißt. "Ich selbst bin Atheist und unsere Tochter ist in einem Kindergarten, in dem das St.-Martins-Fest gefeiert wird. Es ist ein Brauch, der den Kindern die Nächstenliebe näherbringt." uwe8888 ist der gleichen Meinung. "Der Name einer Festlichkeit ist doch völlig egal. Der Gedanke des Teilens ist, was für mich wirklich zählt."

Ganz anders sieht das Carlie: "Entweder feiert man den St.-Martins-Tag, dann aber auf traditionelle Weise, oder man feiert ihn überhaupt nicht." In diese Richtung gehen auch einige andere Kommentare - denn viele Leser von merkur-online.de denken einen Schritt weiter und fragen: Wenn jetzt das Martins-Fest umbenannt wird, ist dann irgendwann auch Ostern dran? Und Weihnachten?

Diesen Gedanken bringt etwa Bayrischer Patriot in die Diskussion. "Dann müssen wir wohl bald Ostern, Weihnachten und sämtliche anderen Feiertage abschaffen. Mal schauen wie lange es dann dauert, bis die der christlichen Religion abgeneigte Leute sich beschweren, weil sie plötzlich mehr arbeiten müssen." Auch cba hat sich damit beschäftigt. "Eltern, die nicht wünschen, dass ihre Kinder mit Religion in Verbindung kommen? Feiern die dann auch kein Weihnachten - konsequenterweise?"

Dass das Martins-Fest mancherorts durch ein Lichter- oder Halloween-Fest ersetzt worden ist, hat nach Meinung einiger User einen ganz anderen Grund. Nämlich den, dass auch die Mädchen und Buben, die nicht aus Deutschland kommen und/oder nicht christlich erzogen worden sind, integriert werden. Ergo: Die Kinder würden sich sonst ausgeschlossen fühlen, weil sie mit einem Martinsumzug nichts anfangen können.

User Künstler etwa erzählt von seinen eigenen Erfahrungen. "Bei uns im Kindergarten leider auch so. Auf Nachfrage meinte die Leitung, es gäbe Eltern, die nicht wünschen, dass ihre Kinder mit Religion in Verbindung kommen, außerdem hätte man viele Kinder anderer Religionen in den Gruppen. Und was ist mit den christlichen Kindern? Die sollen diese wertevermittelnde Geschichte nicht hören? Nächstenliebe hat doch mit Religion nichts zu tun! Ich habe inzwischen zuhause die Geschichte mehrfach erzählt - meinem Vierjährigen gefällt sie."

Reizüberflutung im Fernsehen ist nicht unschuldig

Zu einem sehr ironischen Kommentar hat dieser Gedanke DaveDavis verleitet. "Lichterfest ist ja viel angenehmer. Man muss keine Lieder auswendig lernen, nur Süßes oder Saures krakeelen und anstatt Werten werden Süßigkeiten vermittelt. Und ganz wichtig: Die Muslime fühlen sich durch die Ausübung christlicher Werte nicht gestört." Rosa glaubt, dass sich die Deutschen zu leicht von Neuem überzeugen lassen. "Man mag zur christlichen Religion stehen, wie man will, aber diese Bräuche und Riten fußen auf unserem christlichen Abendland. Wenn ich in einem fremden Land lebe, akzeptiere ich auch andere Sitten und Gebräuche, aus Respekt vor der anderen Kultur."

Paul nimmt genau diese Diskussion zum Anlass, von seinem Umzug nach Bayern zu erzählen. "Ich als Ungläubiger habe mich nie diskriminiert gefühlt, wenn mich jemand mit Grüß Gott begrüßt hat, wenn ich in Schulen oder Ämtern die Kreuze an den Wänden gesehen habe. Wie man sich hier in Bayern/Deutschland einlebt, liegt an jeden selbst und nicht daran, Kultur und Tradition des Gastlandes als Diskriminierung zu empfinden. Wer diese Traditionen von vornherein ablehnt, wird auch nie von der Bevölkerung akzeptiert und wird immer ein Fremder bleiben."

Woifi ist sich sicher, dass es gar nicht Zuwandererkinder, Andersgläubige oder Konfessionslose waren, die nach Halloween gefragt haben. "Unsere Werbung und die TV-Reizüberflutung bringt diese (Un-)Sitte nun mal auch in unsere Wohnzimmer." Und Kritischer Beobachter schreibt: "Selbst die Muslime sind ja dagegen, dass Sankt Martin abgeschafft wird, weil seine Botschaft (die des Teilens) ja Religionsübergreifend gültig ist." 

Dass es aber auch ganz anders geht, zeigt Kritischer Beobachter. In dem Kindergarten seines Kindes wurde der Martinsumzug gefeiert - und alle waren dabei. "Bei uns in unserem Kindergarten (kirchlich) haben Muslime, Konfessionslose und Christen am Martins-Zug teilgenommen. Alle Kinder haben die Lieder mitgesungen und hatten ihren Spaß. Ich glaube auch nicht, dass dieser Wunsch wirklich von den Muslimen geäußert wird."

Konstante Wertevermittlung ist wichtig für ein Kind

Es ist heuer nicht das erste Mal, dass sich einige Kindergärten dazu entschieden haben, den Martinsumzug durch ein anderes Fest zu ersetzen. Der Kindergarten in Penzberg etwa wechselt jedes Jahr durch. Heuer wurde Halloween gefeiert, weil die Mädchen und Buben sich das gewünscht hatten. Kritischer Beobachter jedoch glaubt nicht, dass es nötig ist, den Kindern immer etwas anderes zu bieten. "Als unsere Kinder noch klein waren, gab es auch jedes Jahr einen Martinsumzug, und sie erinnern sich noch heute gerne daran. Auch wenn es jedes Jahr das Gleiche war. Wenn es danach geht, sollten wir generell alle Feste reihum ausfallen lassen (natürlich auch die Geburtstage und Weihnachten), damit es für die Kinder nicht langweilig wird. Wäre das sinnvoller? Was viele heutzutage nicht mehr bedenken: Gerade das Konstante und die richtige Wertevermittlung ist wichtig im Leben eines Kindes."

Auch User Woifi kommentiert ironisch: "Die armen Kinder! Die müssten dann doch glatt jedes Jahr einmal an den Mann erinnert werden, der seinen Mantel mit einem armen, frierenden Bettler geteilt hat. Wie grausam! Da ist es doch besser, die sensiblen Kleinen haben Abwechslung!" Iris Fischer hat einen ähnlichen Gedanken. "Kein Wunder, wenn diese Jugendlichen dann in Identitätskrisen rutschen, wo ihnen ja bereits die erste engere Gesellschaft keine haltenden Barrieren und Werte vermittelt. Weil Kinder konfessionslos oder Migrantenkinder sind, heißt es doch nicht, dass sie keinen traditionellen Martinszug haben können. Das ist doch nicht nur Religion, sondern auch Kulturgeschichte!"

"Wo die Wurzeln missachtet werden, stirbt der Baum"

Sula H. hat sich die Geschichte auf Facebook angeschaut und nimmt es gelassen. "Als bekennendes Heidenkind (im tiefsten Oberland geboren und aufgewachsen) sag i, des ned so tragisch. Alles scho mal da gewesen. Das Osterfeuer/-fest hat sich die Kirche unter den Nagel gerissen, des war ganz früher Beltane, aba die Heiden wollte man samt ihrem alten Glauben los werden. Ob des jetzt St. Martin heißt oder Lichterfest is doch völlig egal - die Botschaft sollte zählen!"

Aber wenn ein Traditionsfest umbenannt wird, ist genau das der Anfang vom Ende, glaubt Hui-Buh: "Warten wir noch zehn Jahre, dann ist es wohl die Lightparty. Und nochmal zehn Jahre drauf, dann weiß von den Kindern keiner mehr, wer oder was St. Martin ist." Auch Joseph S. auf Facebook hat diesen Gedanken - und er hat ihn philosophisch geäußert. "Wo die Wurzeln missachtet werden, stirbt der Baum."

pak

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